hatte, um sich selber von ihr frei zu machen. Sie war ihm lächerlich, diese Kriegsrätin, und sie war ihm komisch, diese Madame Flies, die sich gar viel damit wusste, dass die vornehmen Cavaliere ihre Seba so schön fanden, dass ein Graf Berka mit ihrer Tochter, an deren Erziehung man nichts gespart hatte, die feinsten und erhabensten Unterhaltungen führte.
Auch über den klugen Kopf, über den Vater, musste er lachen, der Allem und Jedem vorsichtig misstraute, und dessen Vertrauen in die Tochter doch so gross war, als habe das schöne Kind nicht ein Weiberherz mit aller seiner mädchenhaften sehnsucht und aller seiner törichten Schwäche in der Brust.
Er hätte auch gern über Seba lachen mögen, die eben jetzt in das Zimmer zurückkehrte und deren Augen ihn suchten, ihn allein; aber über sie vermochte er niemals zu lachen – und sie war doch nichts als eine Jüdin und er war der Graf von Berka, der schöne Gerhard von Berka – eben er!
Er ging ihr entgegen, sie mit einem Scherze anzureden, doch konnte er das Wort nicht dazu finden. Sie sah ihn so fragend und so ängstlich an, dass er Mitleid mit ihr fühlte. Es war ihr gar so ernst mit ihrer Liebe, heiliger tiefer Ernst, das wusste er.
Süsses Herz, sagte er, von ihrem Blicke überwältigt, und nahm sie bei der Hand. Mehr bedurfte sie nicht. Sie meinte, er müsse verstehen, was eben jetzt in ihrer Seele vorging, und seine Zärtlichkeit wolle ihre sorge beschwichtigen. Sie lächelte ihm freundlich zu, und leise den Druck seiner Hand erwiedernd, sprach sie: O, ich bin nicht traurig, sorge nicht!
Ihr Ton drang ihm zu Herzen; es war ihm lieb, dass man aufs Neue zum Tanzen rief, dass er sie in seine arme schliessen, sie nahe haben konnte. Er tanzte nur mit ihr; er hätte sie keinem Andern gegönnt.
Es war spät in der Nacht, als man sich trennte, aber schlafen konnte Seba nicht. Wort für Wort wiederholte sie sich die Liebesschwüre, welche der Graf ihr seit Wochen getan und heute leidenschaftlicher als jemals wiederholt hatte. Jede Stunde, jede Minute, die sie mit ihm durchlebt, wusste sie sich vorzustellen. Sie erinnerte sich, dass er sich einmal im Vergleiche zu seinem ältesten Bruder, dem Erben seines reichen Stammbesitzes, einen Mittellosen genannt hatte, und sie freute sich ihres Reichtums um seinetwillen. Sie hielt sich alle die Schranken und die Hindernisse vor, welche sie von dem Grafen trennten, um sie im nächsten Augenblicke mit den Schwingen der Liebeshoffnung spielend zu überfliegen. Vom Wahrscheinlichen zum Unwahrscheinlichsten war für sie der Weg nicht weit, und zwischen Hoffen und Wünschen, Fürchten, Sorgen und Verzagen blieb nur Eines in ihr fest bestehen, ihre Liebe für den Grafen, ihr Vertrauen zu seinen Schwüren und zu seinem Versprechen, dass er um sie werben und sie heimführen wolle, aller Welt zum Trotze.
Mitten aus ihren wachen Träumen schreckte sie empor. Die Trommeln rasselten durch die Gassen und auf den Plätzen, an den verschiedenen Häusern wurden die Türglocken heftig gezogen, Alles geriet in Aufregung, der Generalmarsch wirbelte durch die graue Morgenfrühe, die Regimenter hatten die lang erwartete Marschordre erhalten.
In allen Häusern war man wach. Die Türen und Portale wurden geöffnet, die Soldaten mussten zum Appel.
Damit hatte nun Seba freilich nichts zu tun, aber sie stand am Fenster und sah hinab auf die Strasse, wie sie herauskamen, die Soldaten, hüben und drüben aus den Häusern, und wie sie fortzogen, eilig, eilig, mit Sack und Pack.
Auch in ihrem haus rüsteten sie sich, und im Stalle sattelte man die Pferde. Der Hauptmann, welcher im Zwischenstocke wohnte, war schon fort. Nun kam es von oben die Treppe hinunter. Den Tritt kannte sie. Es musste an ihrer tür vorüber.
Der Graf hatte nie ihr Zimmer betreten, indess er wusste, wo es lag. Sie lauschte bange. Sie meinte, heute müsse er stehen bleiben, heute müsse er zaudern an ihrer tür; aber mit dem gleichmässigen Schritt der Ruhe ging er vorüber, und sie eilte an das Fenster, um ihm nachzuschauen, um zu sehen wie er aufstieg und ob er nicht den Kopf hinwende nach der Stätte, an der sie weilte. Auch diese Hoffnung täuschte sie, und müde und traurig blickte sie nach dem Himmel empor, der zwischen den Reihen der Häuser, grau und kaum noch lichtdurchhaucht, herniedersah. Die Sterne waren untergegangen und die Sonne wollte noch nicht kommen. Wenn Gerhard mich vergessen könnte! seufzte sie.
Die Eltern hatten sich wieder zur Ruhe gelegt, Seba blieb am Fenster sitzen. Schlafen hätte sie doch nicht können; sie wollte seine Rückkehr abwarten, denn heute war er noch da, heute konnte sie ihn doch noch sehen.
Arglos wie ein Kind hatte sie sich dem Zauber hingegeben, den der Graf auf sie geübt. Seine Schönheit, sein fröhlich gebieterisches Wesen hatten sie entzückt. Er war ihr nicht genaht, wie mancher ihrer Glaubensgenossen, mit vorsichtiger Bewerbung, die ihr Zeit zum Ueberlegen liess. Wie ein Göttersohn, wie die biblischen Könige der Magd aus ihrem volk, so war er Seba erschienen, gebieterisch Liebe fordernd, weil er sie begehrte, und sie hatte ihm ihr Herz zu eigen und ihren Verstand gefangen gegeben und sich nicht gefragt: Wird er dir halten, was er dir gelobt, und