vorteilhaft von den andern Häusern des Dorfes unterschieden. Es war sauber getüncht, die Fenster höher ausgebrochen, hatte grüne Läden vor denselben, und ein Gärtchen, in welchem noch einzelne Stockrosen farbig über ihre bereits braun gewordenen Blätter emporragten. Auch noch jetzt im Herbste und trotz des vielen abgefallenen Laubes verriet es eine liebevolle Pflege.
Die Haustüre stand offen, der kleine Vorplatz war sauber mit Sand bestreut, das Feuer auf dem Heerde brannte hell. Es beleuchtete die Reihen weiss und blauer Fayence-Teller und blanker Zinngerätschaften auf dem Simse und in den Borden. Eine ganz junge Magd spann bei seinem Scheine. Als der Schritt des Caplans auf dem knisternden Sande der Schwelle hörbar wurde, öffnete sich die Stubentüre und Pauline kam heraus. Aber kaum hatte sie den Geistlichen erkannt, so trat sie erschreckend zurück, und mit einer Miene, in der sich ihre Enttäuschung aussprach, sagte sie: Herr Caplan! Sie sind es, Herr Caplan? Sie hier? Sie fasste sich jedoch schnell und nötigte ihn mit feiner Handbewegung zum Eintritt.
Das Zimmer war bescheiden und freundlich wie das Haus. Ein Canapé mit grünem Rasch überzogen, ein Lehnstuhl daneben, Tische, Stühle und Schränke von Nussbaumholz mit weitgeschweiften Füssen, und ein kleiner Spiegel in zinnernem, vielgeschnörkeltem Rahmen gaben ihm eine hübsche Behaglichkeit. Auf dem Tische stand sauberes Kaffeegerät neben dem Nähkästchen, von welchem die Arbeit niedergeglitten war. Trockene Eicheln und Kastanien, in Häufchen gesondert, bedeckten den andern teil des Tisches. Sie machten das Spielzeug des Knaben aus, der, auf einem stuhl knieend, den ungewohnten Gast mit neugierigen Blicken betrachtete.
Sie hier, Hochwürden? wiederholte Pauline. Was ist dem gnädigen Herrn zugestossen?
Sie erwarteten also den Herrn Baron? fragte der Geistliche und liess sich auf den grossen Lehnstuhl nieder, den sie ihm trotz ihrer Verwirrung mit guter Manier angeboten hatte.
Ich dachte – ich hatte heute Morgen an den gnädigen Herrn geschrieben – und ich hoffte also immer noch – sprach sie, unentschlossen, was sie sagen solle, und sich desshalb selbst fortwährend unterbrechend. Dann nahm sie sich plötzlich zusammen und sagte sehr bestimmt: Hochwürden, was ich hören soll, das sagen Sie mir gleich und grade heraus. Sie sind zu mir nicht bloss von ungefähr gekommen!
Sie hob dabei den Knaben vom stuhl herunter und hiess ihn in die Küche zu dem Mädchen gehen. Als er sich entfernt hatte, setzte sie sich vor ihre Arbeit hin, die hände auf den Tisch gelegt und offenbar auf eine schwere Mitteilung gefasst.
Der Caplan hatte sie nicht in der Nähe gesehen und nicht gesprochen, seit sie nicht mehr nach Richten und in das Schloss gekommen war. Er fand sie daher in jedem Betrachte verändert. Sie hatte die Kleidung der Landleute abgelegt und trug sich wie die städtischen Frauen bürgerlichen Standes. Das enganliegende Leibchen des grossblumigen Kattunrockes, das weisse Busentuch, das Nacken und Kehle freiliess, die kleine Dormeusenhaube, die, ihr auf dem Hinterkopfe sitzend, die Fülle ihres braunen Haares nicht zu fassen vermochte, kleideten sie vortrefflich. Sie war wirklich schön zu nennen, ihre Züge waren rein und sehr weiblich, nur die kleine Stirn mit den nahe zusammengewachsenen und scharfgezeichneten Brauen gab dem kopf etwas Finsteres und Hartes, und erklärte dem Caplan die Gewalt, welche Pauline über den Baron besass, und die geheimnissvolle Macht, durch die er sich an das Mädchen gebunden glaubte.
Der Caplan hatte es sich auf der Fahrt nach Rotenfeld ruhig zurecht gelegt, was er ihr sagen und wie er sie behandeln wolle, aber wie es auch den Gescheutesten manchmal zu begegnen pflegt, dass sie ihr einstiges Wissen und ihre Vorstellungen von den Personen festalten, wenn diese längst nicht mehr dieselben sind, so hatte er trotz seiner sonstigen Lebensklugheit es ausser Acht gelassen, dass er die jetzige Pauline gar nicht kannte, dass der natürliche Verlauf der Zeit, dass der langjährige vertraute Umgang mit dem Freiherrn sie verändert haben mussten. Als er sie denn jetzt plötzlich vor sich sah, fand er, dass Alles, was er ihr vorzuhalten beabsichtigt hatte, für sie und ihren gegenwärtigen Zustand nicht mehr passte. Es war ihm daher recht erwünscht, dass ihre lebhafte Besorgniss ihm die Mühe ersparte, sie auf seine Mitteilungen vorzubereiten, und dass sie ihn ohne sein Zutun als den Boten übler Kunde ansah.
Ich komme allerdings nicht zufällig hieher, sagte er, aber dem Herrn Baron ist kein Unglück zugestossen. Er befindet sich wohl und wird morgen in aller Frühe auf einige Tage nach der Stadt reisen, jedoch noch einmal hieher zurückkommen.
Das war immer sein Vornehmen, versetzte sie, und weil ich das wusste, schrieb ich eben heute. – Beide sprachen dabei das Wort von der Vermählung des baron geflissentlich nicht aus.
Was machte Sie also eine üble Nachricht vermuten, als ich kam? fragte der Caplan.
Sie sah ihn mit raschem Blicke forschend an, als wolle sie erspähen, was sie etwa von ihm zu erwarten habe; dann zuckte sie leise mit den Schultern und meinte seufzend: Sie werden das wohl wissen, Hochwürden, dass mir jetzt vom schloss nichts Gutes mehr kommt. Sie sind ja auch niemals hier gewesen, seit ich hier allein im haus wohne!
Sie wurde rot, als sie diese Worte sprach, und der Caplan hätte die Aeusserung für seine Zwecke nicht besser wünschen können. Das ist leider wahr und sehr erklärlich, sagte er. Als die verstorbene Frau Baronin noch am Leben war und Sie im schloss noch ausund eingingen