können!
Und dazu, meinte Graf Berka, haben Sie sich noch das Vergnügen gegönnt, vorher in der ganzen Provinz umher zu reisen, um die Abschiedstränen Ihrer sämmtlichen Frau Tanten und Ihrer sämmtlichen Cousinen einzuernten, wobei Sie gewiss nicht zu kurz gekommen sind!
Paul wusste nicht, was das heissen sollte und wesshalb das Alle so komisch fanden, denn ihm gefiel die Rede nicht, weil Seba darüber nicht lachte, wie die Andern. Sie hatte ihre Augen auf den Grafen gerichtet, und ihre Augen waren so ernst und still. Der Knabe wurde traurig und immer trauriger. Er kam sich so vergessen, so verlassen vor, dass er's endlich nicht mehr ertragen konnte. Er trat hervor aus seiner Ecke, ging an Seba heran und lehnte sich mit seinen Armen auf ihren Schooss.
Und er hörte immerfort, wie sie sprachen und lachten und lachten und sprachen, immer schneller, immer lauter, Alle durch einander; und dabei musste er immerfort nachsinnen und wusste noch nicht worüber, und immerfort an etwas denken, und wusste doch nicht woran. Er ward müde und betäubt von all dem Treiben. Nur bisweilen schlug ein einzelnes Wort, wie ein Ton aus der Ferne, stärker, vernehmlicher an sein Ohr, und mit einem Male hörte er, dass der Hauptmann sagte: Graf Berka, Sie sind doch gewiss auch noch bei Ihrem Schwager, bei dem Baron von Arten in Richten gewesen?
Da fuhr der Knabe auf, als falle ihm ein, was er bis dahin vergebens gesucht hatte, und sich emporrichtend, rief er laut und deutlich, dass Jedermann es hören musste: Das ist Schloss Richten, das gehört dem Baron von Arten, der Baron von Arten ist mein Vater – und meine Mutter liegt im Teich! ....
Alles verstummte, Alles sah nach dem Knaben hin. Sein Aufschrei, der ganze Vorgang waren wie ein Blitzstrahl in die Gesellschaft gefahren. Paul hatte, erschreckt von seinem eignen Tun, seine arme um Seba's Hals geschlungen, die, noch mehr verwirrt als die Uebrigen, ihn fortzuführen suchte. Seba's Mutter und die Kriegsrätin und der Kriegsrat folgten ihnen nach, die Betroffenheit war allgemein.
Man fragte, was es mit dem kind auf sich habe, das man bis dahin bereitwillig für eine Waise gehalten hatte. Man drang in den Juwelier, der inzwischen herbeigekommen war, um eine Erklärung, man wendete sich an den Grafen, neugierig, zu sehen, wie er den Vorfall aufgenommen habe; und obschon Herr Flies und der Kriegsrat, der bald zurückgekehrt war, die Sache so gut es gehen wollte in das Gleiche zu bringen suchten, war die Heiterkeit der Gesellschaft doch ins Stocken geraten. Die Verstimmung des jungen Grafen war gar zu unverkennbar, und wie sehr er sich auch mühte, sie zu verbergen, es gelang ihm nicht; denn auch in ihm waren Erinnerungen aufgestiegen, Erinnerungen, die er gern gemieden hätte.
Er stand mit einem Male deutlich vor ihm, der klare Herbstmorgen, an welchem er sich vor Jahren mit dem Freiherrn auf der Terrasse von Schloss Richten befunden hatte, um zur Hochzeit nach Berka zu fahren. Er erinnerte sich ganz genau, wie man in jener Stunde unten am Flusse nach einer Ertrunkenen gesucht hatte. Eine Menge von kleinen Tatsachen, welche sich auf das damalige Verhalten seines Schwagers, auf die ersten Monate von Angelika's Ehe, auf manche ihrer brieflichen Aeusserungen in jener Zeit, auf ihren Uebertritt zum Katolicismus und auf das Zerwürfniss mit ihrer Familie bezogen und an die er bisher immer nur wie an unzusammenhängende Ereignisse gedacht hatte, fingen an, sich in seinem geist zu einem Ganzen zu gestalten, von dem er seinen Sinn nicht abwenden konnte. Er übersah dasselbe nicht vollständig, nicht ganz klar, aber es erfüllte ihn mit Mitleid für die Schwester, es weckte seine sehnsucht nach ihr auf, und er dachte mit erhöhtem Zorn an ihren Gatten.
Jetzt wusste er es plötzlich, was ihn so bekannt und doch so befremdlich aus Paul's Augen angesehen hatte und wesshalb der Knabe ihm so unheimlich gewesen war. Er begriff nicht, dass ihm die Aehnlichkeit mit dem Freiherrn nicht gleich deutlich gewesen sei. Es waren seine Augen, seine hohe, gewölbte Stirn, sein festgeformter Mund. Selbst den Nacken und den Kopf trug der Knabe so stolz wie der Freiherr, und weil der Graf seinen Schwager in diesem Augenblicke hasste, so hasste er auch dessen Bastardsohn.
Indess dem Grafen vor allen Anderen musste daran gelegen sein, über den peinlichen Eindruck fortzukommen, die Scene vergessen zu machen, welche man eben erlebt hatte, und seine Keckheit und sein Leichtsinn kamen ihm dabei zu hülfe. Er lachte über sein Erschrecken, über die Bestürzung der Gesellschaft, und wie er die Worte des Kindes verlachte und verspottete, so lachte er mit seinen Cameraden auch über die Familie des Kriegsrats, in welcher man den Knaben so geheimnissvoll erzog. Was war ihm denn auch diese ganze Gesellschaft? Was focht es ihn an, was man in derselben vermutete und meinte? Er hatte oft genug mit seinen Cameraden Epigramme über diesen Kriegsrat gemacht, der in seiner rechtschaffenen Beschränkteit die ganze Welt für rechtschaffen und für eben so blind hielt, als er selber war. Es belustigte den Grafen in diesem Augenblicke, dass die Kriegsrätin ihm den Weg zu Seba gebahnt hatte, und dass sie so zufrieden und glücklich die Galanterien und Beteuerungen des Hauptmanns annahm, den er ihr als Lockspeise dargeboten