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zu begreifen, welche Hausgenossen sie an ihnen besitze. Sie mochte sich von Seba kaum noch trennen. Sie versicherte, dass sie dieselbe wie eine jüngere Schwester, wie eine Tochter liebe; sie erzählte im Vertrauen, wie der Hauptmann und vor Allen der Graf die schöne Seba bewunderten, und es war im grund gar nicht nötig, dass sie ihr das sagte, denn der Graf hatte es Seba oft genug ausgesprochen und wiederholt, und Seba dachte schon lange an nichts mehr, als an ihn.

Dem Vater kam das Alles nicht gelegen. Er kannte die Edelleute und er kannte auch die Kriegsrätin. Er glaubte nicht an die plötzlichen Wandlungen und war klug genug, wo eine solche sich vor seinen Augen vollzog, nach der Ursache des Wunders zu fragen. Hier aber reichten der Name des Grafen und die sichtliche Bewunderung, welche derselbe für Seba an den Tag legte, vollkommen hin, dem Juwelier die gefälligkeit der Kriegsrätin zu erklären, und weder diese noch der Graf wurden ihm dadurch lieber. Er hätte der ganzen Sache gern ein Ende gemacht; indess Seba hatte solche Freude an der Geselligkeit, in welche sie durch die Kriegsrätin gezogen ward, und sie war ja klug genug, die Kluft zu ermessen, welche die Tochter ihres Vaters von einem Grafen Berka trennte. Mochte sie also die kurze Freude geniessen, sich von einem Grafen bewundert zu sehen, da es ja obenein möglich war, dass sich aus den gegenwärtigen Verhältnissen zu der Weissenbach'schen Familie für Seba ein Umgang entwickelte, wie sie ihn sich lange ersehnt hatte, wie sie und ihre Eltern ihn wohl auch beanspruchen durften.

Aber nicht Seba allein war befriedigt durch die Besuche, welche sie bei der Kriegsrätin machte, auch Paul, ihr kleiner Freund, hatte seine Lust daran, denn sie sah gar zu schön aus, wenn sie Abends in ihren weissen Kleidern zur Gesellschaft herauf kam.

Einmal, am Geburtstage der Kriegsrätin, hatte man noch mehr Gäste geladen als gewöhnlich, und zum ersten Male waren auch Herr Flies und seine Frau dabei. Seba hatte rote Korallen durch ihr schwarzes Haar geschlungen, und man lachte und scherzte und tanzte, und unter all den schönen Mädchen und Frauen war Seba bei Weitem die Schönste. Das sah Paul ganz deutlich, das sagte auch Jedermann, und das sagte ihr auch der Graf, dem die Uniform so straff sass, dem die Lebenslust aus seinen blauen Augen lachte und der heute gar nicht von Seba's Seite wich.

Paul konnte das nicht leiden. Er konnte den Grafen überhaupt nicht leiden, denn Seba beachtete den Knaben nicht, wenn Jener in ihrer Nähe war, ja, sie schien Paul überhaupt beinahe vergessen zu haben. Nachdenklich stand der Kleine in der Ecke und sah dem Grafen nach, wie dieser Seba in seinem arme hielt und wie die beiden sich leise und sanft in den weichen Schwingungen des Schleifers durch den Saal bewegten. Niemand kümmerte sich um Paul, und Niemand wusste, wie sonderbar fremd ihm heute der Saal erschien, den man mit Guirlanden und Kränzen aufgeputzt hatte und der wie nie zuvor voll Menschen war. Die Hitze, der Geruch der Blumen, das Blinken der Uniformen, das Drehen und Wenden der Tanzenden verwirrten ihm den blick und den Sinn, und doch musste er immerfort nach Seba und nach dem Grafen Berka hinsehen, musste er immerfort den Namen Graf Berka, Graf Berka in sich wiederholen. Seit Monaten hatte er diesen Namen täglich nennen hören, und nun mit einem Male, wie er neben dem Gewühl der Tanzenden, unter dem Klange der Musik, unter all dem Sprechen und Tönen und Duften so in seiner Ecke stand, meinte er, den Namen Berka habe er schon lange gekannt. Indess er wusste nicht, wo er ihn gehört hatte, und er wusste auch nicht, was ihm dabei einfiel. Aber es tauchte etwas vor ihm auf, es kam ihm vor, als habe er einmal etwas gewusst, als sei einmal etwas geschehen, woran er lange nicht mehr gedacht habe, und immer wieder kam er dabei auf den Namen Berka zurück, den er doch nicht liebte.

Er war froh, als der Tanz zu Ende war und das Drehen um ihn her ihn nicht mehr quälte. Er sah, wie Seba in das Cabinet ging, welches an den Saal anstiess, und er folgte ihr nach. Sie hatte auf einem Sessel neben dem Ecktische Platz genommen, die Kriegsrätin, die ganz entzückt von ihr zu sein schien, hielt sie bei der Hand und der Graf sass an ihrer Seite. Das Cabinet war voll Menschen, denn man hatte im saal die Fenster geöffnet, weil die Nacht trotz der frühen Jahreszeit so heiss war. Wein wurde umhergegeben und mit den Gläsern angeklungen. Auf das Wohl der Kriegsrätin tranken sie, und auf das Wohl der schönen Frauen und auf Sieg und baldige Heimkehr für die Truppen, vor Allem aber auf ein frohes Wiedersehen.

Sie sprachen oft Alle durch einander, dass Paul gar nicht recht verstehen konnte, was sie meinten. Einer freute sich darauf, in Frankreich Ruhe zu schaffen, ein Anderer auf das unruhige Kriegsleben, das ihnen bevorstand und in jedem Augenblicke beginnen konnte, und Graf Berka erzählte lachend, wie man ihn von haus nur mit Tränen habe scheiden lassen, als gäbe es aus dem Kriege keine Wiederkehr.

Ja, sagte der Hauptmann, auch bei uns gab es, als wir aus der Garnison aufbrachen, eine Rührung, die uns hätte eitel machen