und der Löwe zu haus waren, die Paul am fuss eines grossen Tafelaufsatzes zu bewundern liebte.
Alles gefiel ihm in dem Laden. Er hatte immerfort etwas zu betrachten. Er hörte es gern, wenn Herr Flies den Käufern die Schönheit seiner Waaren rühmte, er sah ihm gern zu, wenn er das eingenommene Geld im Zählen so blitzschnell aus der Rechten in die Linke gleiten liess, um es dann in gleichmässigen Haufen neben einander aufzustapeln, oder wenn die Leute kamen, denen man Geld zu zahlen hatte, und der Cassirer es im Comptoir mit nie fehlender Sicherheit in richtigem Betrage auf den Zahltisch hinschiessen machte. Die Handlungsgehülfen an den Stehpulten hinter den hölzernen Gittern, welche in den grossen, schweren Büchern schrieben, der Hausknecht, der Päcke von Waaren nach der Post trug oder Säcke voll harter, blanker Taler in das Haus brachte, das alles beschäftigte des Knaben Phantasie, das alles liebte er zu sehen. Mehr aber noch als alles das liebte er Seba, und Seba war es wert, dass man sie liebte.
Sie war das einzige Kind des Juweliers. Seinen grössten Schatz nannte sie der Vater, einen wahren Edelstein nannte sie die Mutter, die schöne Seba Flies, die schöne Jüdin hiess man sie in der Stadt. Des Vaters namhaftes Vermögen war für sie erworben; was Liebe gewähren, Geld erkaufen konnte, Pflege und Unterricht aller Art waren ihr zu teil geworden. In der Liebe ihrer Eltern hatte sich ihr Herz entfaltet, durch Bildung ihr Geist sich entwickelt, sie wusste, was sie wert war, und gerade darum lasteten die Verhältnisse, in denen sie geboren war und lebte, so schwer auf ihr.
Was half es ihr, dass sie weit schöner war, als die meisten der reichen Bürger- und Kaufmannstöchter und selbst als die Edelfrauen und fräulein, welche in ihres Vaters Laden den Schmuck für ihre Feste und den Trauring für ihre Hochzeit kauften? Was half es ihr, dass sie nur zu sprechen, nur zu wollen brauchte, um die Edelsteine zu besitzen, welche ihr begehrenswert erschienen? Keiner der Männer, für welche jene Frauen sich schmückten, war für die Jüdin vorhanden, keines von all den Festen, auf denen Jene sich vergnügten, öffnete seine Türen für Seba, und sich zu schmücken und zu putzen für die Gesellschaft ihrer Stammes- und Standesgenossen machte ihr keine Freude. Die Verachtung, die Zurücksetzung, welche auf den Juden lasteten, drückten sie. Mit unerbittlicher klarheit sah sie die Schwächen und Widrigkeiten, welche den von der Allgemeinheit ausgeschlossenen Juden anhafteten, und schon oftmals war ihr der Gedanke durch die Seele gegangen, dass Bildung und Erziehung zum Schönen und zum edlen für denjenigen keine Wohltat sein könnten, dem es nicht vergönnt sei, sich frei und gleichberechtigt unter den Gebildeten zu bewegen.
Eine heimliche Unzufriedenheit, die auszusprechen schon die Zärtlichkeit und Liebe für ihre Eltern sie abgehalten haben würde, arbeitete, seit sie herangewachsen war, in ihrem inneren fort, und ihre phantastische Hoffnung auf einen Wechsel ihrer Lebensverhältnisse, auf eine Aenderung der allgemeinen Zustände sog ihre Nahrung aus der grossen gesellschaftlichen Umgestaltung, die sich jenseit des Rheines durch die Revolution vollzog und auf welche auch ihr Vater sein Auge und seine Erwartungen gerichtet hielt. Denn, wie Herr Flies auch gelegentlich zu schweigen wusste, wenn man sich mit Entrüstung über die Revolutionäre in Frankreich äusserte, welche weder vor göttlichen noch vor menschlichen Gesetzen achtung hegten – in seines Herzens Innerem dachte er anders, und er hatte dessen vor seiner Familie und vor seinen Freunden auch kein Hehl.
Zweites Capitel
Im Flies'schen haus erregten der bevorstehende Krieg gegen Frankreich und das Einrücken der Truppen, welche bestimmt waren, der revolutionären Bewegung in Frankreich wo möglich ein baldiges Ende zu machen, also keine Freude, denn man hatte allen Grund, der Sache den Sieg zu wünschen, die zu bekämpfen das Heer entsendet wurde, und es war dem Juwelier recht erwünscht, dass der Kriegsrat die Offiziere bei sich ins Quartier nahm. Brauchte Herr Flies es nun doch nicht mit anzuhören, wie verächtlich die jungen Edelleute von den Franzosen sprachen, wie sie die in Paris verkündigte Anerkennung der Menschenrechte verspotteten und mit welchen Schmähungen sie die Namen der grossen Männer begleiteten, welche in Frankreich die Aufhebung aller Privilegien und Standesvorrechte ausgesprochen hatten!
Es waren aber schöne junge Männer, vornehme Offiziere, die oben bei der Kriegsrätin die grossen Vorderstuben bewohnten. Sie gingen täglich vielmals durch das Haus und grüssten dabei Seba immer sehr verbindlich. Nur auf einige Tage hatte man die Einquartierung angemeldet, aber sie blieb und blieb, und wie man überall auch vom Kriege und von seinen Schrecken sprach, die Offiziere schienen ihn wie eine Vergnügung anzusehen. Das Leben, das man jetzt im Orte führte, war auch lustig genug. Die Offiziere stolzirten prächtig durch die Strassen, wurden gehegt und gepflegt, ritten und fuhren umher und sassen und scherzten mit den Frauen und Mädchen, die sich gar keine besseren Gesellschafter wünschen konnten, und sich schmückten, als wären es lauter Feiertage. Auch die Kriegsrätin trug jetzt immer ihre guten Kleider und war von früh bis spät in bester Laune, wenn die Offiziere, so nannte sie den Hauptmann und den Grafen, bei ihr im Zimmer waren. Abends gab es noch häufiger Besuch als sonst, man spielte oftmals, man tanzte auch bisweilen, und selbst der Kriegsrat schloss sich jetzt von der Gesellschaft selten aus, denn des Grafen Onkel war der krieges-Minister, von dessen Gunst und Meinung des Kriegsrates