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hatte und von denen hier und da eine oder die andere ihnen auch zu teil ward.

Auf solche Art geschah es, dass die Kriegsrätin ihre Handwerker und diese die Weissenbach'sche Familie lobten, dass Herr Weissenbach mit seiner Laura sehr zufrieden war, dass Laura mit heiterer Sicherheit ihre sämmtlichen Angelegenheiten leitete und dass man die Familie Weissenbach durchaus als eine sehr achtungswerte bezeichnete. Wem die Menschen aber, sei es mit Grund oder ohne Grund, einmal wohlwollen, dem legen sie das Gute doppelt und dreifach als ein solches aus, und Frau Weissenbach hatte selbst nicht voraussehen können, welch ein Gewinn ihr durch die Aufnahme von Paul erwachsen sollte, da man einmal günstig für sie gestimmt war.

Die Leute, welche sich nur an die materiellen Verhältnisse hielten, meinten, dass verständige Personen sich nur dann die sorge für eine Waise aufladen, wenn ihnen dies ein Leichtes sei. Die weichen Seelen rühmten das liebevolle Herz der Kriegsrätin, welches sich in der Hingebung an ihren Gatten noch nicht genug zu tun wisse, und kam dem Kriegsrat inzwischen doch einmal die Frage, wie seine Laura es nur anfange, mit seinen Mitteln so weit auszureichen, so wusste diese, seit Paul in ihrem haus war, Alles auf die für ihn bezahlte Pension zu übertragen und es deutlich zu beweisen, was sich leisten und bestreiten lasse, wenn neben der ausreichenden Summe für das Unerlässliche noch eine sichere Einnahme zur Beschaffung des Ueberflüssigen und Angenehmen vorhanden sei. – Es machten sich also, wie gesagt, die Dinge alle ganz vortrefflich, und Jedermann war recht zufrieden, bis auf den Knaben, der in dem Weissenbach'schen haus seine Heimat haben sollte und der es deutlich genug empfand, dass er von der Kriegsrätin, die sich seine Mutter nannte, nur geduldet, nicht geliebt ward; dass sie ihn entfernte, wenn sie konnte; dass sie ihn ängstlich bewachte, wenn man mit ihm sprach, und dass sie ihn zum Schweigen verwies, sobald er von seiner wahren Mutter und von seinen Erinnerungen zu reden begann.

Dieses Letztere währte jedoch gar nicht lange, denn er hatte des Neuen in der Stadt so viel zu sehen, dass es die alten Eindrücke zurückdrängte, und nachdem der Knabe in den ersten Wochen täglich nach seiner Mutter verlangt hatte, sprach er bald gar nicht mehr von ihr und schien es nach Jahr und Tag völlig vergessen zu haben, dass er je eine andere Heimat gehabt hatte. Aber mit seinen ersten Erinnerungen hatte Paul auch seine kindliche Fröhlichkeit verloren. Er war ein ernstafter, still beobachtender Knabe geworden, der sich in den Willen und die Weise der Personen, von denen er abhängig war, früh zu schicken lernte.

Morgens, wenn der Kriegsrat sich in sein Bureau verfügte, und der alte, reiche Herr Präsident der schönen Laura seine alltägliche Morgenvisite machte, ging Paul bald ganz von selbst hinaus. Er hatte es ja auch schon so oft gesehen, wie der alte Herr der Pflegemutter zärtlich die vollen, weissen hände küsste und ihr mit zierlicher Armbewegung und gespitzten Fingern den frischen Strauss oder die gefüllte Bonbonnière überreichte, in der neben dem Zuckerwerk wohl auch ein zierlich gefaltetes Briefchen oder ein kleines, wertvolles Geschenk sich verbargen. Abends hingegen, wenn die Herren Offiziere und die geputzten Damen mit den hohen Flatteusen auf dem kopf zum Spiele kamen, dann sollte Paul freilich in der Gesellschaft bleiben, aber er musste es dann stets aufs Neue rühmen hören, wie gut, wie grossmütig seine Pflegemutter, und wie sie zu beklagen sei, dass ihr Pflegesohn nicht freundlicher, nicht fröhlicher, dass er, trotz seiner schönen Augen und seines lebhaften Gesichtes, ein so verschlossener, ein so wenig liebenswürdiger Knabe sei.

Er war herzlich froh, wenn er endlich die Weisung erhielt, das Zimmer zu verlassen, wenn er aus den lichten Räumen sich über den Corridor in die letzte stube der wohnung flüchten konnte, in welcher der Kriegsrat, zwischen Actenstössen vergraben, bei seiner Arbeit sass, oder wenn er hinuntergehen durfte zu dem Hauswirte in die grosse stube, welche an den Laden anstiess.

Unten bei Herrn Flies, da kamen Morgens keine besonderen Besuche zu der Hausfrau und Abends war keine Gesellschaft zum Spiele dort. Da hiess man ihn nicht reden und nicht schweigen, da liess man ihn nicht hart an, ohne dass er wusste, was er verbrochen habe, da küsste und lobte man ihn nicht vor Fremden, ohne dass er einsah, womit er dies verdient hätte. Herr Flies sass auch Abends niemals so, wie der Kriegsrat, ganz allein in einer stillen, dunkeln Arbeitsstube.

Freilich hatte Herr Flies auch vollauf zu tun von früh bis spät, aber sein Tun war lustiger, als das des Kriegsrates, es war nicht einsam und nicht immer dasselbe. Denn vorn im Laden, der nach der Strasse hinaussah, da standen die spiegelhellen Silbervasen, auf denen allerlei Figuren: Menschen, Tiere und Pflanzen nachgebildet waren, vor dem Fenster. Da führte der silberne Mohr mit goldenem Schurz den schneeweissen Elephanten an goldener Kette, da ringelten sich goldene Schlangen um silberne Palmbäume, da gab es in kostbaren Geschmeiden die roten Korallen und die schimmernden Perlen, welche man, wie ihm Herr Flies sagte, aus der Tiefe des Meeres hervorholte, und daneben funkelte der rote Rubin und leuchtete der blaue Saphir über dem strahlenwerfenden Diamanten und dem glänzenden Smaragd, die man in jenen Gegenden finden konnte, in denen die Schlange sich um den Palmbaum ringelte und der Neger und der Elephant und der Hindu