1864_Lewald_163_82.txt

Pause erwiderte er: In gewissem Sinne könnten Sie Recht haben. Die Verehrung ist nicht immer ein Beförderer der Liebe, und Nachsicht finden, Nachsicht gewähren, Verzeihen und Verzeihung erhalten, kann sehr süss sein, kann die Herzen sehr nahe zusammenführen, sie sehr dauernd verbinden!

Er hatte das mit einer gewissen inneren Bewegung gesagt. Die Herzogin wusste jetzt, woran sie war; aber sie wollte auch hier nicht absichtlich, nicht zudringlich erscheinen, und sie beherzigte bei sich, dass man um zu herrschen nicht eilig sein, dass man verstehen müsse, zu warten, um sicher vorwärts zu kommen. Mit jenem spielenden Lächeln, das selten von ihren Lippen wich und das ihren feinen Zügen so wohl anstand, ging sie völlig wieder zum Scherze über. Nun, rief sie, in diesem Falle, mein Cousin, sind Sie durch reichliche Erfahrung competent! Zum Verzeihen haben Sie uns immerdar Anlass gegeben undich rühme Ihnen das nachSie waren liebenswürdig, wenn man Ihnen Nachsicht zeigte!

Und bedurften Sie der Nachsicht weniger als ich, teure Herzogin? fragte der Baron, dem mit diesem Lächeln und diesem Tone seiner Begleiterin eine Vergangenheit wach wurde, deren zu gedenken er bisher der Herzogin gegenüber nicht gewagt hatte. Die Treue ....

Treue! Wer spricht davon? Ich habe das Wort nie leiden mögen.

Weil Sie sich nie entschlossen, es zu einer Wahrheit zu machen!

Als ob es Ihnen Vorteil gebracht hätte, wäre ich treu gewesen wie die Heldinnen der Fabliaux! Treu sein, heisst beschränkt sein, Nichts weiter! In Einem Menschen sein ganzes Leben lang die ganze Welt sehen, das heisst ja sich Augen und Ohren verbinden und Herz und Geist ertödten! Treue ist ein halber Selbstmord. Warum denn von Treue sprechen in einer Welt, in welcher Alles wechselt ....

Und Alles eigentlich so schön ist! unterbrach sie der Baron, der sich mehr und mehr erheiterte. Der Frühling hat seine Blüten, der Sommer seine Blumen und seine heisse Glut ....

Und der Herbst? fragte sie, indem sie ihm mit einem langen Blicke, dessen wirkung sie früher oft genug erprobt, in die Augen schaute, und der Herbst?

O, rief der Freiherr, der Herbst hat seine klare, heitere Wärme, der Herbst hat oft das Licht des Frühjahres und den Duft des Sommers, und darüber hinaus die süsse, erquickende Traube des Weines, dessen Feuer beständig ist und dessen Wert sich steigert mit der Zeit.

Er hatte den Arm der Herzogin fester an sich gezogen, undwar es der magische Glanz des hellen Sonnenlichtes, das seinen glühenden Schein über das Gesicht der Herzogin ergoss, oder war es der Reflex des dunkelroten, kleinen Fächers, mit dem sie ihre Augen überschattetesie kam dem Baron noch jung vor und er fand sie noch reizend. Freilich sah er die Fältchen in ihren Augenwinkeln, aber sie erhöhten nur die Freundlichkeit ihres Blickes. Er sah auch die feinen Furchen auf ihrer Stirn und die tieferen Züge, welche die leidenschaft und die Jahre um ihren Mund gezogen hatten, aber er sah sie nur mit dem Bedauern, dass auch diese einst so anmutvolle Bildung der Vergänglichkeit zum Raube fallen müsse, und obschon weit davon entfernt, jetzt noch ein Gefühl der Liebe für die Herzogin zu fühlen, wie er es einst vorübergehend auch für sie gehegt, hatte er sie doch nie höher gehalten, als eben in dieser Stunde.

Sie war ihm wert, unschätzbar wert! Er sprach ihr das aus. Er gestand ihr, dass er in diesem Augenblicke, in welchem er finde, was er so lange entbehrt, erst inne werde, wie schwer er einen Menschen, eine Freundin vermisst habe, die seine Erinnerungen mit ihm teile, die durch Menschenkenntniss, durch Welterfahrung ihm nahe stehe, die in sich selbst die Schwäche des Herzens und der menschlichen natur erfahren habe, die ihm helfen könne, den zu ernsten Sinn Angelika's zu erheitern, ihr Lust an den Freuden ihres Alters zu geben. Und, so schloss er, ich bin glücklich, teure Herzogin, dass ich in Ihnen, meine Freundin, jene Jugend des Geistes und des Herzens wiedergefunden habe, die auch mir noch nicht entschwunden ist, und die in meiner Angelika zu beleben mir sicherlich gelingen wird, wenn Sie, teure Margarete, mir die Hand dazu bieten!

Er hielt ihr die Hand hin, sie reichte ihm die kleine zierliche Rechte, deren reichberingte Finger blendend aus dem schwarzen Halbhandschuh von Filet hervorsahen, und er führte sie an seine Lippen. Sie gefielen einander gar wohl in dieser Lage, denn sie betrachteten einander mit den Augen früherer Tage, und in den neuen Freundschaftsbund schlossen sie stillschweigend die einstige kurze Liebe mit ein.

Wie segne ich die Stunde, sagte der Baron, in welcher Sie sich entschlossen, uns hier aufzusuchen!

Machen Sie mir den Aufentalt durch Ihre Freundschaft nicht zu wert, das Exil wird mir zu schwer und zu hart danach erscheinen!

O, rief der Freiherr, das muss feststehen zwischen uns, Cousine, dass Sie uns nicht verlassen, bis wir selbst Sie nach Vaudricour zurückgeleiten können! Ihr Wort darauf!

Was hilft Ihnen das Versprechen einer Treulosen, die obenein wetterwendisch ist wie alle alten Frauen? meinte sie mit guter Laune, während sie umlenkte, um den Rückweg nach dem schloss anzutreten.

Nun denn, so appellire ich an die Vergangenheit, um mir die Zukunft zu sichern,