der herrschaft einer jungen Frau, die sich kaum die Mühe gab, ihm zu gefallen oder ihre Vorzüge geltend zu machen. Sie hörte Angelika häufig von ihrem und ihres Gatten Gelöbnisse reden, und neulich, als sich bei der Tafel das Gespräch zufällig darauf gerichtet, hatte der Baron, der in seinem früheren Leben sich in mancher Verlegenheit befunden und ihr ruhig Stand gehalten, seine Fassung ganz und gar verloren. Nicht er, nein, Angelika hatte es übernommen, die unangenehme Scene zu beenden. Die junge Baronin fühlte sich also offenbar den Ereignissen, dem Geschehenen gegenüber freier als ihr Gatte, und unwiderleglich hatte sich an jenem Mittag in der Herzogin die Gewissheit festgesetzt, wie irgend ein Unrecht gegen das, was Angelika die Heiligkeit der Ehe nannte, den Anlass zu dem Gelöbniss und der Baronin die herrschaft über ihren Mann gegeben hatte.
Die Herzogin hatte sich des Lachens kaum erwehren können, als dieser Gedanke sich ihr aufgedrängt. Der Baron erschien ihr gegenüber der religiös-pedantischen Sittenstrenge seiner jungen Gemahlin beklagenswert und komisch zugleich. Wie viele Kirchen hätte er gründen müssen, dachte sie, wenn er jede Gunst, deren er genossen, mit einem ähnlichen Gelöbnisse hätte bezahlen sollen. Wäre er noch der Alte gewesen, hätte in seinem haus der Ton geherrscht, nach welchem er und die Herzogin in Frankreich einst mit einander verkehrt, so würde sie nicht angestanden haben, ihm augenblicklich dieses scherzende Wort zu sagen. Aber sie befanden sich in Deutschland, Angelika war, wie die Herzogin es nannte, eine fromme deutsche Schwärmerin, und die Fremde hatte die Sitten und den Brauch des Hauses schon aus Rücksichten der Klugheit so lange zu schonen – bis es ihr gelang, sie allmählich nach ihrem Bedürfnisse und nach ihrem Geschmacke umzuwandeln, wozu sie sehr entschlossen war. Noch ehe man sich an jenem Tage von der Tafel erhob, hatte sie beschlossen, dem Baron zu hülfe zu kommen und ihren alten Freund, den liebenswürdigen frohen Genossen mancher schönen Tage und Stunden, aus der Knechtschaft seines Ehejoches zu befreien.
Sie war noch immer mit sich zu Rate gegangen, wie dies zu machen sei, bis in dem stillen Beisammensein mit der Baronin die widerwilligen Aeusserungen, welche diese über den Baumeister aussprach, die Herzogin auf den Einfall brachten, gleich jetzt einmal die junge Frau an einen Scherz zu gewöhnen; denn nur als einen solchen hatte sie ihre Warnung vor Herbert ausgesprochen. Erst die Bestürzung und das Erschrecken Angelika's erinnerten die achtsame Französin daran, wie viel damit getan sei, wenn man einen Menschen in seinem Glauben an sich selbst erschüttert, wie schnell man in der Regel an das Ziel gelangt, wenn man die Personen, auf die man wirken will, selbst zu Werkzeugen und zu unbewussten Gehülfen für dasjenige macht, was mit ihnen und an ihnen getan werden soll.
Noch während sie Angelika umarmte und küsste, hatte sie, über dieselbe in das Freie hinausschauend, bemerkt, dass der Baron den Billardsaal bereits verlassen und sich auf die Terrasse hinaus begeben hatte. In der Nähe der Baronin war für den Augenblick nichts mehr zu tun. Die Herzogin drängte es also, den Freiherrn zu sehen und zu erfahren, in wie weit bei ihm ihre Voraussetzungen berechtigt sein möchten.
Leichten Schrittes eilte sie durch die Gemächer, durch den langen Corridor, stieg dann die Treppe, welche aus dem Seitenflügel auf die Terrasse führte, hinunter, als käme sie graden Weges aus ihren Zimmern, und trat an den Baron mit der Frage heran, wo ihr Bruder sei.
Der Baron, welcher seinen Knaben auf dem arme hatte, gab ihr Bescheid und wollte das Kind der Wärterin reichen, aber die Herzogin hinderte ihn daran. Nicht doch, nicht doch, rief sie ihm zu, Sie sehen prächtig mit dem kind aus, lieber Freund! Der schöne kleine René kleidet Sie vortrefflich! – Sie kam mit diesen Worten, leicht auf ihren kleinen Absatzschuhen einherschreitend, an den Freiherrn heran, nahm ihm den Kleinen ab, drückte ihn an das Herz und meinte: Es ist sonderbar, ich liebe die Kinder, ich liebe sie sehr, und doch habe ich es nie bedauert, kinderlos zu sein!
Ein Beispiel Ihres widerspruchsvollen Geistes! meinte der Baron.
Durchaus nicht, mein Lieber! Es ist nur ein Beweis dafür, dass ich mich und mein Herz wohl kannte. Ich war nicht edel, nicht tugendhaft genug, um glücklich zu werden durch eine Selbstverleugnung ohne Ende, um mein Leben lang immer eine gute Mutter zu sein!
Und doch erzogen Sie nach dem frühen tod Ihrer Mutter den Marquis! wandte der Freiherr ein.
O, das war etwas Anderes, das war nur ein Bruder; das verpflichtete zu nichts, den konnte man aufgeben wie jeden Anderen, wenn man seiner überdrüssig war! Aber ein Kind, das bleibt, das ist unser eigen, das hat unabweisliche Forderungen an uns und ist eine bindende Fessel; gewiss eine süsse, aber auch eine schwere Fessel – gerade wie die Ehe! rief sie und fügte lachend hinzu: Ihnen darf man das freilich nicht mehr sagen, denn Sie sind auch tugendhaft und ernstaft geworden, sehr tugendhaft, sehr ernstaft, und ich allein bin die Alte geblieben, das alte Kind einer jüngeren und fröhlicheren Zeit! – Sie wiegte dabei den Knaben tändelnd in ihren Armen und reichte ihn danach der Wärterin. Geh', geh', du reizendes, kleines Memento mori, sagte sie, und erinnere uns nicht mit deinen hellen Augen daran