was ihr geschehen war. Alle ihre Vorstellungen, alle ihre Gedanken waren unklar und drängten sich wirr durch einander. Sie fragte sich, was sie denn gesagt habe, um die Herzogin zu solchen Aeusserungen zu ermächtigen. Sie besann sich, ob sie jemals etwas über ihre Erlebnisse ausgesprochen oder von wem die Herzogin etwas über jene Vorgänge erfahren haben könne, welche ihren Uebertritt zur katolischen Kirche veranlasst hatten. Indess sie fand keinen Anhalt zu einem Vorwurfe gegen sich, keinen Anhalt für den Rat und die Ermahnung, welche ihr geworden war. Daneben klangen ihr immer wieder die Worte in den Ohren: "Sie sind nicht glücklich, Sie haben nie geliebt!" und ein plötzlicher, bitterer Schmerz in ihrer Seele gab diesen Worten Recht.
Ja, sie hatte im grund nie geliebt. Das Wohlgefallen, die Bewunderung, die dankbare Zärtlichkeit und die erwachende Sinnlichkeit, welche sie ihrem Gatten gegenüber gefühlt und die sie in ihrer Unschuld damals für Liebe gehalten hatte, das Alles hatte den Namen der Liebe nicht verdient. Jetzt wusste sie es lange schon, dass sie wohl einer anderen Liebe fähig gewesen wäre. Aber der Gedanke, dass in ihrem Herzen, in der Brust der verheirateten Frau noch einmal jene grosse, starke Liebe, wie sie die Dichter schilderten und deren Darstellung sie immer bis zu Tränen rührte und entzückte, erwachen, für einen Andern erwachen könne – dieser Gedanke hatte ihr völlig fern gelegen, und sie erschrak vor der Vorstellung, welche die Herzogin in ihr heraufbeschwor.
Sie tröstete sich damit, dass es ein Scherz der Herzogin gewesen und dass sie eine Törin sei, demselben irgend eine Bedeutung einzuräumen. Sie wollte darüber lachen, sich darüber erzürnen, sie wollte sich verspotten, und musste sich doch immer wieder fragen, wie die Herzogin denn auf den Einfall geraten sei, ihr eben Herbert gegenüber eine solche Warnung zu erteilen. Sie fühlte sich aufgeregt und wusste sich ihr Empfinden nicht zu deuten. Eine schmerzliche sehnsucht wachte in ihr auf und unwillkürlich drängten sich ihr die Worte auf die Lippen: Wenn ich meine Jugend wieder hätte!
Da fiel ihr Auge auf das Bild Amanda's und auf Amanden's Ring, den sie am Finger trug, und sie richtete sich empor. War es denn nicht Gottes Fügung gewesen, die sie zu dem Baron geführt hatte? War es nicht Gottes Fügung gewesen, die sie und ihn der heiligen Mutter Kirche wiedergegeben? Wie durfte sie sich unglücklich fühlen, während sie das Werkzeug einer höheren Macht gewesen war, deren Einwirkung sie ja unablässig anerkannt und empfunden hatte! Und war es vielleicht der Wille dieser höchsten Fügung, dass eben jetzt in jenem jungen mann, in Herbert eine Versuchung an sie herantrat? Wollte der Himmel sie prüfen, sie kämpfen, sie unterliegen oder siegen lassen?
Wie sehr sie sich dagegen sträubte, immerfort sah sie ihn vor sich, hoch aufgerichtet, stolz und schön und trotzig. Und was hatte er denn im grund genommen verbrochen? Er hatte eine Meinung geäussert, die abzugeben er als Fachmann verpflichtet war. Man bezahlte ihm sein bestes Wissen, er musste es also für diejenigen nutzen, denen zu dienen er sich anheischig gemacht hatte. Sie aber hatte ihm gleich Anfangs mit Herbigkeit widersprochen, ihn beleidigend behandelt, nur weil ihr seine Tracht unangenehme Vorstellungen erweckt, oder weil sie gefürchtet hatte, in ihren Gästen durch dieselbe unangenehme Erinnerungen erzeugt zu sehen. Sie fing an, sich vor sich selbst zu schämen. Sie gestand sich's ein, dass sie dem Architekten ein Unrecht zu vergüten habe. Aber mitten in der überlegung, wie sie das anstellen solle, mitten in der Frage, was sie tun und ihm sagen und wie er das aufnehmen und dabei aussehen würde, erfasste sie der Gedanke: Woher kommt es, dass du dich so viel mit ihm beschäftigst? Ist das nicht schon jenes Gefühl, das jetzt Sünde für dich ist? Beginnt die Prüfung, welche der Himmel dir auferlegt hat, schon jetzt? – Und sie schlug an ihre Brust und gelobte sich, fest und stark zu bleiben und es der Herzogin nie zu vergessen, dass dieselbe sie wie eine Mutter treu gewarnt. Jetzt wusste sie es, jetzt wusste sie es zuversichtlich, dass die Sterne ihr nicht gelogen, als sie ihr in der Herzogin eine Freundin verheissen hatten!
Achtzehntes Capitel
In den Augenblicken, in welchen Angelika sich also mit ihrem Gewissen beriet und zweifelnd und bange auf ihr ganzes Dasein blickte, fühlte sich die Frau, welche die Baronin geneigt war als ihre mütterliche Freundin zu verehren, so heiter, wie sie es in Richten noch nicht gewesen war. Denn ein Zufall hatte ihr ganz plötzlich dargeboten, was sie bisher vergebens gesucht hatte: eine Handhabe zur herrschaft über ihre jetzige Umgebung, eine Beschäftigung für ihre leere Zeit.
Das kühle und doch einschmeichelnde Wesen der Herzogin war zum Herrschen geschaffen, und sie hatte wie jeder Mensch das Bedürfniss, die Fähigkeiten zu brauchen, welche sie besass. Während ihres Wanderlebens hatte der Wechsel ihrer Verhältnisse sie zerstreut, die sorge sie gelegentlich gefangen genommen. Nun hatte das aufgehört, die Tage in dem schloss erschienen ihr sehr lang, und sie musste sich doch sagen, dass es für sie geraten sei, sich in demselben möglichst festzusetzen. Indess sie hatte bisher keinen Boden für die Ausführung dieser Absicht entdecken können, so auffallend Vieles ihr in der Ehe ihrer Gastfreunde auch erschien. Sie sah den Freiherrn, den sie als einen Lebemann gekannt, völlig unter