gleichmässig neben einander, als gälte es wirklich eine Arbeit und nicht einen müssigen Zeitvertreib. Dabei sah sie unter ihren dunklen Wimpern von Zeit zu Zeit nach Angelika hinüber, als erwarte sie, dass diese zu sprechen beginnen werde. Endlich, da sie bemerkte, dass die junge Frau leise seufzend den Kopf emporhob, sagte sie mit heiterem Tone: Was haben Sie, Beste? Sie seufzen! Und unseres Volkes Sprüchwort sagt: "Ein Herz, das seufzt, hat nicht, was es wünscht!" Mich dünkt, das Seufzen sollten Sie uns alten Frauen überlassen!
Es war das erste Mal, dass die Herzogin sich im gespräche als eine alte Frau bezeichnete, und sie hatte in der Tat nicht Grund dazu. Angelika würde ihr dies in jedem anderen Augenblicke auch gesagt haben, sie war aber so verstimmt, dass sie sich unfähig fühlte, auf den Ton des Scherzes einzugehen, den die Herzogin angeschlagen hatte.
Ach, sagte sie, ich wollte, ich wäre älter, als ich bin!
Das ist ein Wunsch, den wenig junge Frauen mit Ihnen teilen werden, meinte die Herzogin lächelnd, und es müssen besondere Verhältnisse obwalten, wenn ein solcher Wunsch nicht Sünde sein soll, die – sie hielt inne und nahm ihren Goldbrocat wieder in die Hand.
Ihr plötzliches Abbrechen und Verstummen tat seine beabsichtigte wirkung. Sie hatte stets gefühlt, dass Angelika, die an den Umgang mit ihrer Mutter gewohnt gewesen war und diesen jetzt entbehren musste, sich nicht selbst zu genügen vermochte; indess sie wollte sich ihr nicht zur Vertrauten anbieten, denn sie wusste, dass man nur das schätzt, was man sich selbst erworben hat, oder doch erworben zu haben meint.
Während die Herzogin sich also wieder an das Parfiliren machte, liess die Baronin ihre Nadel ruhen, und mit ihren ernsten Augen die Herzogin anblickend, fragte sie: Sie brachen so plötzlich in Ihrer Rede ab, meine teure Herzogin, wesshalb vollendeten Sie nicht?
Weil ich mir das Recht nicht zuerkenne, Ihnen einen Vorwurf zu machen, liebe Angelika! – und auch Angelika hatte die Herzogin sie nie zuvor genannt.
O, ich versichere Sie, es kann mir Niemand härtere Vorwürfe machen, als ich selbst! Aber ich habe so wenig Menschenkenntniss!
Worauf beziehen Sie das? fragte Jene verwundert, denn sie war auf nichts weniger als auf diese Wendung gefasst gewesen.
Ich hätte es mir denken können, sagte die Baronin, dass von einem mann, der selbst kein eigentlich religiöses Empfinden hat, der, wie dieser junge Architekt, nicht einmal unserer Kirche angehört, für unsere Zwecke nicht das richtige Verständniss zu erwarten sei, und ich hätte es von dem Baron verlangen müssen, dass er einen anderen Baumeister, einen Katoliken für unsern Bau gewählt. Ich kann nicht sagen, wie dieser junge Mann mir missfällt. Sein selbstbestimmtes, herausforderndes Wesen, sein Beharren auf seiner Meinung, sein ganzer Ton, ja, selbst seine Kleidung und sein blick beleidigen mich, so dass ich im stand wäre, aus blossem Widerwillen gegen seine Anmassung auf meinem Vorsatze zu beharren, selbst wenn unser Gelübde uns in dieser Beziehung nicht zur Beharrlichkeit verpflichtete.
Sie hatte das sehr lebhaft ausgesprochen; die Herzogin wusste nicht recht, was sie von Angelika's Worten denken sollte, und weil sie noch nicht entschlossen war, ob sie dies der Baronin sagen sollte oder nicht, schüttelte sie nur leise ihr Haupt.
Angelika fragte, was der Herzogin auffallend oder bedenklich an ihrer Aeusserung erschienen sei.
Auffallend ist mir nichts in Ihren Worten erschienen, bedenklich Manches, entgegnete die Herzogin mit feinem Lächeln, und ihr anmutig mit dem Finger drohend, sagte sie scherzend: Seien Sie auf Ihrer Hut, liebe Freundin!
Auf meiner Hut? Und wesshalb? Wogegen?
Gegen Ihr allzu zorniges Herz! bedeutete die Französin, noch immer im Tone des Scherzes, obschon eine plötzlich auftauchende idee sie zu beschäftigen und ihre Phantasie zu erregen begann.
Gegen mein Herz? Was hat denn das Alles mit meinem Herzen zu schaffen? fragte Angelika, die sich in ihrer Strenge durch den leichten Ton und den blick der Herzogin verletzt fühlte.
Aber die Herzogin legte ihre Hand freundlich auf Angelika's Arm, und mit plötzlichem Entschlusse zu einem gewissen Ernste übergehend, sprach sie: Ich habe Sie heute nicht umsonst daran erinnert, dass ich im Vergleich zu Ihnen eine alte Frau bin, meine teure Angelika, und dass ich also das traurige Vorrecht mannigfacher Erfahrung vor Ihnen voraus besitze. Ich habe viel geirrt, viel gefehlt, viel geliebt und viel gelitten! Ich habe viel verloren und nur Eines gewonnen – ich habe sehen gelernt, wo ich mit dem Herzen sehe!
Sie bog sich bei den Worten zu der Baronin hin
über, und sie zärtlich anblickend, sagte sie: Wenn der gute Wille, zu vermitteln, auszugleichen und zu raten, Ihnen und meinem teuren Vetter, denen ich so tausendfach verpflichtet bin, für Dank gelten kann, so bin ich dankbar! Sie haben Recht, teure Angelika! Sie sind sehr jung und – ich fühle das – Sie haben nie geliebt, Sie sind nicht glücklich, armes Kind! Darum seien Sie auf Ihrer Hut! Ein so heftiger Zorn, wie Sie ihn gegen den Architekten fühlen, ist oft die Knospe, in welcher ganz andere Empfindungen sich verbergen. Denken Sie daran!
Sie küsste die Baronin auf die Stirn und verliess das
Zimmer.
Angelika aber blieb zurück, ohne recht zu wissen,