, weil die Unkenntniss der technischen und materiellen Hindernisse ihnen das Mutigbleiben sehr erleichtert.
Das mag wohl wahr sein, versetzte die Baronin anscheinend gelassen, aber von einem Mute und einer Begeisterung, welche den Menschen über die Schranken verständiger Erwägung fortreissen könnten, ist ja in unserm Falle, wie mich dünkt, nicht die Rede. Wir haben, ich muss das wiederholen, ein Gelöbniss, eine heilige Pflicht zu erfüllen; das ist eben so unabweislich, und unabweislicher, als sein Wort einzulösen, wenn man es in einer Ehrensache einmal verpfändet hat.
Gewiss, rief der Freiherr, auch handelt es sich nicht um den Bau, sondern nur um den zweckmässigsten Platz für denselben.
Und der Caplan, welcher eben so wie der Freiherr von Anfang an aus doppelten Gründen gegen den Kirchenbau in Rotenfeld und ganz besonders gegen den Bau auf der Stätte von Paulinen's haus gewesen war, ergriff diese gelegenheit, sich lebhaft zu Gunsten der Bauverlegung auszusprechen. Da der Baron es aber weder jetzt noch früher bekennen mochte, dass es ihm quälend dünke, künftig zum Gottesdienst nach Rotenfeld zu fahren, welches er jetzt geflissentlich vermied, und da der Caplan mit seinen oft wiederholten Ermahnungen, nicht eben dort die Stätte weihen zu lassen, bei der Baronin nie Gehör gefunden hatte, so bewegte die ganze Beratung sich in halben Andeutungen, welche den Architekten die wahre Lage der Sache nicht erkennen und ihn sowohl als die Herzogin und den Marquis doch vermuten liessen, man müsse hierbei irgend etwas im Sinne haben, was man verbergen wolle. Das machte Herbert ungeduldig, und weil er ohnehin entschlossen war, seine Stellung zu behaupten, so sagte er plötzlich: Es gibt nur Einen Fall, in welchem der Platz in Rotenfeld nicht aufgegeben werden müsste!
Und welcher wäre das? fragte die Baronin.
Wenn sich eben dort dasjenige ereignet hätte, welches die Herrschaften zu dem Gelöbniss des Kirchenbaues bestimmt hat! antwortete er.
Des Freiherrn ganze Züge veränderten sich plötzlich, und die Baronin, deren Gesicht von einer flammenden Röte überzogen wurde, sagte mit unverkennbarer Selbstüberwindung: Sie haben das Richtige getroffen, mein Herr! und Sie werden es also begreifen, dass hier von blossen Schönheits- und Zweckmässigkeits-Rücksichten nicht die Rede sein darf. – Sie hielt danach inne, als müsse sie sich erholen, als habe sie Alles geleistet, was in ihren Kräften gestanden. Die ganze Tischgesellschaft verstummte. Der Freiherr schien in unbegreiflicher Weise verletzt, auch dem Caplan konnte man es ansehen, dass die gewissensstrenge Aeusserung der jungen Herrin ihm wenigstens in diesem Augenblicke nicht angemessen däuchte, und trotz ihrer Weltgewandteit wagte die Herzogin selbst es nicht, die Unterhaltung mit einem gleichgültigen Worte wieder in gang zu bringen, weil eben die Gemütsbewegung der Eheleute gar zu unverkennbar war. Es hatte sie schon oft bedünken wollen, als habe die grosse Gewalt Angelika's über den Baron noch andere Gründe, als die Macht, welche ihre Schönheit und ihre übrigen Vorzüge ihr über ihren Gatten natürlich sichern mussten, und klug und herzenskundig begriff die Herzogin, dass sie eben jetzt vor dem Punkte stehe, der ihr in dem Leben ihrer Gastfreunde bisher ein Rätsel geblieben war.
Während sie noch mit sich zu Rate ging, ob es klüger sei, ihnen in der augenblicklichen Verlegenheit zu hülfe zu kommen oder nicht, hatte die Baronin ihren Entschluss bereits gefasst, und sich gegen ihren Gatten wendend, sagte sie, indem sie ihm die Hand reichte und in völlig verändertem Tone zu ihm sprach: Gewiss, Bester, Du wirst mich noch böse machen und es dahin bringen, dass man mich für eigensinnig hält. Aber Du weisst es ja, wie meine ganze Seele an der Erfüllung unseres Gelöbnisses hängt, und wie sehnlich ich danach verlange, mich dereinst im Gebet in unserer Kirche vor dem Allmächtigen zu demütigen, der auch mich zu finden gewusst hat. Ich werde nicht eher ruhig sein, bis dort die ewige Lampe über dem Altare brennt und die Messen dort gelesen werden. Wie kannst Du Deine Stirn denn verdüstern lassen durch den Hinweis auf eine Mehrausgabe, die nicht unerschwinglich, und auf Schwierigkeiten und Mühen, die nicht unbesiegbar sein können? Und auch Sie, Hochwürden, fügte sie hinzu, wie können Sie mich grade in diesem Falle im Stiche lassen?
Sie hob mit diesen freundlich gesprochenen Worten die Tafel auf. Der Baron, sehr zufrieden, von dem gespräche loszukommen, begab sich mit dem Marquis in das Billardzimmer und lud Herbert ein, ihnen dahin zu folgen. Indess diesem war die Lust an der freiherrlichen Gesellschaft vergangen. Er sprach davon, das schöne Wetter benutzen zu wollen, und der Baron schlug ihm darauf vor, einen Ritt durch die Gegend zu machen, was Herbert dankbar annahm.
Siebzehntes Capitel
Mehrere Tage waren in Verhandlungen und Beratungen vergangen, ohne dass man zu einem Abschlusse gelangt wäre. Da sassen an einem Nachmittage, als man sich eben auch wieder von der Tafel erhoben hatte und die Herren ihr Billard spielten, die Damen allein in dem Wohnzimmer der Gräfin. Sie hatten dem Fenster gegenüber Platz genommen und eine Weile über das zeitige Beginnen des Frühlings gesprochen, welches dem kleinen Renatus, den seine Wärterin unten auf der Terrasse im warmen Sonnenscheine umhertrug, so wohl zu Statten komme. Indess die Unterhaltung wollte nicht gedeihen. Es währte nicht lange, so sass Angelika schweigend an dem Stickrahmen, auf welchem sie eine Altardecke für die Kirche arbeitete. Die Herzogin parfilirte ein Stück golddurchwirkten Seidenzeuges und legte die ausgezogenen Fäden so vorsichtig und