! Ach! und er ist so höflich, gleich zu grüssen! bemerkte sie in demselben Tone, während sie jedoch nicht unterliess, mit der freundlichsten Miene zu danken und dabei die rechte Hand, wie die gute Sitte es mit sich brachte, an die unterste Krampe des Fensters zu legen, als stehe sie auf dem Punkte, es zu öffnen und den Vorüberfahrenden zur Einkehr aufzufordern.
Der Pfarrer, der sich nicht leicht von seinem stuhl vor dem Studirtische fortlocken liess, hob sich doch von seinem Sitze empor und hatte offenbar die Absicht, auf die Bemerkung seiner Frau an das Fenster zu treten. Aber das Gefühl seiner Würde trug es über seine Neugier schnell davon, und ruhig sitzen bleibend sagte er: Was lässt sich denn Anderes als Selbstverblendung erwarten von einem jungen mann, der durch die Gnade Gottes in einer rechtschaffenen protestantischen Familie geboren worden ist und sich dazu hergiebt, dem Ball Tempel zu erbauen! Ich hoffe, er wird nicht die Stirne haben, sich in ein ehrbares protestantisches Pfarrhaus einzuführen. Ich mag nichts zu schaffen haben mit solchen Abtrünnigen.
Man wird ihn aber doch im schloss treffen, wenn man an den Feiertagen zur Mittagstafel eingeladen wird! wendete die Pfarrerin ein, die stets überlegt und vorsichtig an die Zukunft dachte und dabei nicht abgeneigt war, von dem Architekten auch einmal etwas Neues aus der Welt zu vernehmen.
Dann wird man ihn nach Gebühr zu behandeln wissen, erwiderte der Pfarrer, und schlimm genug, dass er nicht der einzige Abtrünnige ist, dem man jetzt auf dem schloss zu begegnen hat!
Mann! Aber um Gottes willen, lieber Mann! rief die Pfarrerin, der solche Aeusserungen ihres gestrengen Eheherrn immer die Kälte durch alle Glieder jagten, und die sich vorsichtig umsah, ob nicht etwa die tür nach der Küche offen sei. Bedenke doch, dass unseres Gottold's ganze Zukunft von der herrschaft abhängt, und dass ....
Mag er durch die land gehen, wie ich vielleicht es auch noch tun werde, und wie mancher Bessere als ich, wie ja auch der fromme Paul Gerhard es einst getan hat. Besser Hunger und Durst und Frost und Hitze tragen, als abfallen von der heiligen reinen Lehre, auf die wir getauft sind und die zu verkünden wir geschworen haben!
Er stand bei diesen Worten endlich von seinem platz auf, und ging in der stube auf und nieder, in so ernste Gedanken versenkt, dass die gutmütige und ängstliche Frau, die zu ihrem Gatten wie zu dem Urquell aller Weisheit emporschaute und zu ihm als zu einem Muster gewissenhafter Redlichkeit aufsehen durfte, ihn nicht mehr unterbrach, und schweigend überlegte, wie es hier noch werden, und was ihr und ihrem mann und ihrem Sohne noch für Unglück beschieden sein könne.
Während dessen fuhr der junge Mann, welcher, ohne es zu wissen, den Anlass zu dem Kummer der Pfarrerin gegeben hatte, in fröhlichster Stimmung durch das Dorf. Er freute sich des Sonnenscheins und der Wärme, er sah die weissen Wölkchen an dem hellen Himmel mit dem träumerischen Wohlgefallen eines Kindes über sich hingleiten, er warf, als er durch Rotenfeld kam, einen freundlichen Gruss nach dem Amtshause hinüber, aus dessen offenem Fenster die hübsche Schwester des jungen Amtmannes neugierig nach dem Fremden hinausguckte, und er gewahrte dann mit Behagen, wie das Schloss sich immer deutlicher vor seinen Augen entfaltete.
Seine Gedanken gewannen dadurch eine bestimmte Richtung, das hindämmernde Wohlgefühl machte ernsteren Ueberlegungen Platz. Er erkannte, nach den Zeichnungen, die man an ihm übersendet hatte, die Stelle, welche für den Kirchenbau bestimmt war, und die überzeugung, die er schon brieflich mehrfach ausgesprochen, dass der geweihte Ort nicht der rechte Platz sei, dass die Kirche von dem Punkte aus lange nicht die wirkung machen würde, die sie haben könnte, wenn man sie auf der kleinen Höhe aufrichtete, welche sich am Ende des Parkes, fast dem schloss gegenüber, erhob, stellte sich ihm jetzt als eine Gewissheit dar.
Dazu sah er, dass man ihm auch über das Terrain nicht mit der nötigen Sachkenntniss berichtet habe. Der Boden in Rotenfeld war keineswegs so trocken, als man ihn geschildert hatte und wie er sich an der Oberfläche zeigte. Ueberall, selbst ganz in der Nähe des Bauplatzes, kamen Quellen zum Vorschein, und wenn man auch bei der Grundsteinlegung für die Kapelle nicht auf wasser gestossen war, so konnte es nicht fehlen, dass man jetzt, da man für den Kirchenbau ein ganz anderes Fundament zu legen und desshalb viel tiefer zu graben hatte, notwendig auf wasser kommen musste, das zu beseitigen jedenfalls Schwierigkeiten und unnötige und bedeutende Kosten veranlassen konnte.
Wer es mit einer Arbeit, einem Gewerbe oder Geschäfte zu tun hat, das seiner natur nach die beständige Anwendung des streng urteilenden Verstandes erfordert und in dem sich das Abweichen von dem gesetz und der Regel stets augenblicklich und ersichtlich rächt, der gewöhnt sich, die Unterordnung unter das Vernünftige und Zweckmässige, deren er sich zu befleissigen hat, auch bei anderen Menschen vorauszusetzen. Er wird, wie gross sein Gemütsleben und sein Schönheitssinn daneben auch sein mögen, vor allen Dingen ein praktischer Mensch, und kann es sich nicht erklären, dass Andere sich mit launenhafter persönlicher Willkür gegen das von der Vernunft und notwendigkeit Gebotene auflehnen mögen. So hatte denn Herbert das Schloss noch nicht erreicht, als es bei ihm feststand, dass man die Kirche nicht in Rotenfeld, sondern auf der Höhe in Richten erbauen müsse. Er erwog daher im