weil durch das Zusammensein einer grösseren Menschenzahl dem schöpferischen Walten des Zufalls mehr Raum geboten wurde, als bisher. Der Freiherr und seine Gattin und der Caplan kannten einander so genau, Jeder wusste mit nie irrender Zuversicht, was er im gegebenen Falle von dem Anderen zu erwarten hatte. Was man besass, hatte man genossen, und da man sich ausserdem in der Lage befand, der Sorgen für des Lebens Notdurft entoben zu sein, so hatte man in der letzten Zeit im schloss, wenn nicht von Aussen sich Anregungen boten, in einem Zustande der Ruhe gelebt, dessen Vorzüge man zwar zu würdigen wusste, der aber in seiner Einförmigkeit doch auch seine Gefahren barg.
Bei Personen von Bildung, wie die Schlossherrschaft und ihre Gäste, bei Menschen, die sich selbst zu achten verstanden, konnte es natürlich nicht leicht und nicht schnell zu jenen Mitteilungen über die eigenen Angelegenheiten kommen, welche bei Leuten, denen der Sinn für das Allgemeine abgeht, den eigentlichen Boden des gegenseitigen Anteilnehmens ausmachen. Aber da man die gleichen Ansichten über den Kampf hatte, der in Frankreich von dem Bürgerstande gegen den Adel und das von diesem getragene und ihn schützende Königtum ausgefochten wurde, da von dem Siege des Letzteren die Erhaltung der eigenen Vorrechte abhing, während durch seinen Sturz die eigene bisherige Existenz in Frage gestellt ward, so besass man in diesen gemeinsamen Sorgen und Befürchtungen die erste sichere Annäherung und Verständigung, wenngleich der Freiherr und seine Gattin noch keinen Anlass gefunden hatten, an eine ihnen und ihrem vaterland drohende Gefahr zu glauben.
Fünfzehntes Capitel
Neben diesen Befürchtungen und Hoffnungen für die Monarchien und den Adel im Allgemeinen war es der Kirchenbau, welcher bald ein Gegenstand gemeinsamer Beratungen wurde, und auch in Bezug auf diesen fehlte es an Sorgen und an Hoffnungen nicht. Denn wie schon die erste Absicht dieses Unternehmens in der herrschaft nicht mit gutem Auge angesehen worden war, so war die Abneigung gegen dasselbe nur gestiegen, seit man die Vorkehrungen dafür zu treffen angefangen hatte.
Seit mehr als einem Menschenalter und darüber hinaus waren in Richten keine Bauten ausgeführt worden, zu denen man genötigt gewesen wäre, Fremde herbeizurufen. Die protestantische Kirche in Neudorf stand fest gegründet und wohl gefügt seit mehr als hundertundfünfzig Jahren, der Schlossbau war, so wie er sich gegenwärtig darstellte, auch schon vor der Geburt seines jetzigen Besitzers vollendet worden, und was man sonst an Baulichkeiten für das Beamtenpersonal, an Wirtschaftsgebäuden und an gelegentlichen Reparaturen nötig gehabt, das hatte der in Rotenfeld ansässige Maurer teils allein und nach eigener Einsicht mit den Gutsleuten, teils unter Anleitung und Aufsicht des Meisters aus der Kreisstadt mit dessen Arbeitern ausgeführt. Nun sollte endlich wieder einmal ein bedeutendes Bauwerk in Angriff genommen werden, und die Leute hatten sich, so wenig sie sich auch der Gründung einer katolischen Kirche erfreuten, doch der Hoffnung hingegeben, dass dabei ein Gewinn für sie nicht fehlen könne, wenn sie der herrschaft auch zu bestimmten Tagesleistungen, deren Zahl nicht gering war, verpflichtet waren.
Aber gleich bei der Grundsteinlegung in Rotenfeld hatten sie die Erfahrung gemacht, dass es nicht bei dem guten Alten bleiben solle. Denn es waren Briefe nach auswärts geschrieben worden, und nach den Antworten, welche auf diese Briefe gekommen waren, hatte nicht der Maurer aus Rotenfeld, der das doch gewiss verstand, sondern der Meister aus der Kreisstadt die Arbeit verrichten müssen.
Die Missstimmung war seitdem eine allgemeine gewesen. Sogar diejenigen, welche bei dem Baue selbst nichts zu leisten hatten, fanden eine angenehme Beschäftigung darin, die Beteiligten in dem Gedanken der Ehrenkränkung und in der Erbitterung über dieselbe zu bestärken und zu befestigen. Sie wollten doch wissen, wie die Betroffenen sich dabei benehmen würden, wenn ihnen so etwas geboten werde, denn in dem Aufstacheln und Hetzen, in dem eifrigen Zusprechen und in dem schlauen Besänftigen war eine Tätigkeit verborgen, durch die man sich unterhielt und in welcher man für seine Freunde und für die Gutsherrschaft zugleich, zu einer wichtigen person wurde, ohne dass man selbst Kosten hatte oder Gefahr dabei lief; und sich ohne alle Gefahr zu einer wichtigen person zu machen, ist den meisten Menschen ein Vergnügen.
Den Winter hindurch lag das Alles, wie die Saat in der Erde, still und verborgen. Als aber das Frühjahr heraufzog und man daran denken konnte, an den Bau zu gehen, dessen Beginn die Baronin kaum zu erwarten vermochte, änderte sich die Sache.
Es war im Anfang des Maimonats, als der fremde Baumeister in Schloss Richten erwartet wurde. Man hatte ihm einen Wagen bis in die nächste Stadt entgegengesendet, im schloss waren zwei Zimmer für ihn hergerichtet worden, und obschon man wusste, dass der Baron den Bau einem jungen mann übertragen hatte, dessen Vater, einen tüchtigen Maler er zur Zeit seiner ersten Reisen in Italien kennen gelernt, und der dann später auch in Richten die Eltern und die Schwester des baron gemalt hatte, so fand man dennoch, dass um eines blossen Baumeisters, und noch dazu um eines so jungen Menschen willen, viel zu viel Aufhebens gemacht werde.
Als dann an dem festgesetzten Tage der Wagen, welcher den Architekten brachte, durch Neudorf fuhr, bemerkte die Pfarrerin, die den ganzen Nachmittag, als ob es Sonntag wäre, mit dem Strickzeug am Fenster gesessen hatte, dass der junge Herr sich das Verdeck der Kalesche habe zurückschlagen lassen.
Er macht's wie der Herr Baron, wenn er von Reisen kommt, sagte sie spöttisch lächelnd. Er gönnt uns das Vergnügen, gleich sein Antlitz anzuschauen