Sprechen, Alles stimmt zusammen. Dieser Frau muss sich das Herz der Menschen öffnen, wie dem Frühlingslichte; diese Frau werde ich lieben, das fühle ich.
Der Freiherr hörte das mit Verwunderung. Er selbst war bewegt worden durch das Wiedersehen Margareten's. Ihre edle Bildung, ihre einfache Würde hatten ihm jetzt in ihrem Unglücke einen erhöhten Eindruck gemacht, aber er war weltgewohnter, hatte in sich doch immer den Vergleich zwischen der jetzigen und der früheren Erscheinung seiner Freundin zu machen, und da er überhaupt in seinen Urteilen zurückhaltend war, wenn nicht eine leidenschaftliche Erregung seinen Sinn bewegte, so machte die ausserordentliche Bewunderung, welche Angelika für die ihr noch fremde Frau an den Tag legte, eine entgegengesetzte wirkung auf ihn. Er hätte nicht sagen können, wesshalb ihm die Begeisterung Angelika's missfiel, aber er glaubte sie bekämpfen oder ihr doch wenigstens Schranken setzen zu müssen, und während er die Baronin bisher stets für die Herzogin zu gewinnen und einzunehmen gesucht hatte, erinnerte er sie jetzt daran, dass es nicht weise sei, in ein neues verhältnis mit hochgespannten Erwartungen einzutreten, weil man damit nicht nur sich selbst Enttäuschungen vorbereite, sondern auch demjenigen Unrecht tue, von dem man Ausserordentliches erwarte, ohne zu wissen, in wie weit er gewillt und fähig sei, ein solches zu leisten.
Diese Mahnung betrübte die Baronin. Du weisst, sagte sie mit einem Anfluge von Empfindlichkeit, wie gern ich bereit bin, mich Deiner mir überlegenen Erfahrung unterzuordnen; aber mich dünkt, bisweilen wäre es grossmütiger von Dir, mich den Irrtümern meines Alters zu überlassen. Es ist ein solches Glück, eine recht volle, grosse Bewunderung zu fühlen, und dass die Herzogin mir Gutes bringt, dafür habe ich ein Zeichen.
Der Freiherr wollte wissen, worin dieses Zeichen bestehe; Angelika verweigerte neckend, es zu sagen, da sie bemerkt hatte, dass ihre nicht absichtslose Erwähnung des Altersunterschiedes zwischen ihr und ihrem mann diesem nicht angenehm gewesen war, und als er dann, ebenfalls scherzend, mit Bitten in sie drang, legte sie die arme über einander, blickte ihm in die Augen und sagte: O, frage mich nicht!
Sie hatte dabei Bewegung und Ton der Herzogin nachgeahmt, und das stand ihr vortrefflich, denn Frauen von ernstem Sinne, die immer nur in der Wahrheit leben, immer nur sie selbst sind, bekommen leicht etwas Strenges in ihrer Physiognomie und Haltung, und das war Angelika's Fall. Sie verschmähte den Schein in jedem Betrachte, und doch ist der schöne Schein die eigentliche Form, in welcher der Mensch sein Wesen kund zu geben hat, wenn es nachhaltig wohltuend und in jedem Augenblicke erfreulich auf Andere wirken soll. Auch das Höchste und Erhabenste kann der schönen, der durch Bildung und Achtsamkeit zur natur gewordenen Form nicht entbehren, und es entzückte den Freiherrn, als er plötzlich gewahr wurde, dass Angelika, bestochen von der Anmut der Herzogin, sich selber nicht mehr genügte, dass sie in neuer Weise ihm zu gefallen bemüht war, weil sie selbst ein lebhaftes Wohlgefallen empfunden hatte.
Er sagte ihr verbindlich, dass die kleine Coquetterie sie reizend mache, sie versicherte, dass er das Vergnügen, sie reizend zu finden, der Herzogin verdanke, und von Wort zu Wort, von Scherz zu Scherz fortgetragen, fanden die Eheleute sich in eine Art der Unterhaltung und in eine geistreiche Heiterkeit versetzt, wie sie nie zuvor zwischen ihnen Statt gefunden hatte. Als Braut war Angelika zu schüchtern dafür gewesen, und nach ihrer Verheiratung zu kummervoll. Dann hatte die Richtung auf das Religiöse sie gefangen genommen, und obschon der Baron sich in diese Richtung hineinziehen lassen, ja, zu zeiten selbst Trost und Beruhigung aus ihr geschöpft hatte, so waren doch die alte Gewohnheit und Neigung des Welt- und Lebemannes nicht in ihm erloschen, und der Gedanke, dass Angelika zu ernst, zu streng, zu unjugendlich sei, war in ihm häufig aufgestiegen.
Er kam sich selbst verjüngt vor, und er schien auch Angelika jünger und liebenswürdiger, als sonst, da er sich in dem ihm natürlichen Tone freier Heiterkeit bewegen durfte, so dass er ihr aussprach, wie ihr Frohsinn ihn nicht nur um seinetwillen, sondern auch um ihres Knaben wegen freue.
Ich habe wirklich oftmals besorgt, sagte er, Deine ausschliessliche Hinwendung auf das Ernste und Erhabene könne unserem armen Renatus, wenn er uns heranwächst, sein junges Leben trüben; und wenn ich mir vorstellte, dass mein Sohn, dass ein Arten ohne Freiheit, ohne Heiterkeit, ohne ein wenig Uebermut und Tollheit, ohne die es nun einmal bei Unsereinem nichts werden kann, erzogen werden sollte, so habe ich wohl bisweilen den sündhaften Wunsch gehegt, Du möchtest unbedeutender und harmloser sein, und daran gedacht, den Caplan zu entfernen, wie hart mir das auch angekommen wäre. Denn ....
Denn Renatus geht Dir über Alles, schaltete Angelika ein, welche in der Stimmung war, selbst solche Aeusserungen ihres Mannes, da sie mit lachender Lippe und zärtlichem Auge gesprochen wurden, unbefangen aufzunehmen.
Ja, wiederholte der Baron, Renatus geht mir über Alles. Ist er nicht der Träger unseres Hauses und Dein Sohn?
Sie waren damit in das Nebengemach gegangen, in welchem das Kind in seiner Wiege schlief, und als die Wärterin die Gardine zurückschlug, damit die Eltern, wie sie es an jedem Abende taten, den Kleinen noch einmal betrachten konnten, neigte sich die Mutter zu ihm hernieder,