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los, und ich musste mir bald sagen, dass es so gar leicht für mich sei, es zu besitzen, um mich in dem Vorsatze, das Mädchen zu meiden, aufrecht zu erhalten. Hätte Paulinen's Zuneigung sie mir nicht immer wieder in den Weg geführt, ich würde meinem Vorsatze treu geblieben sein.

Der Caplan wurde von dieser Aeusserung betroffen. Der Baron musste sehr erregt, sehr erschüttert sein, dass er sich vor sich selbst in solcher Weise zu rechtfertigen suchte, dass er es nicht fühlte, wie nahe es an das Gebiet des Komischen grenzte, wenn er, der erfahrene, herzenskundige Lebemann, es unternahm, sich halbwegs als durch die Liebe eines Kindes verleitet, darzustellen. Er mochte wohl auch etwas von dieser Verwunderung in den Mienen des Caplans bemerken, denn er brach plötzlich ab und sagte dann: Was soll ich Ihnen erzählen, wie ein unerwartetes Begegnen in einsamer Stunde einmal meine Sinne anfachte, wie des Mädchens Hingebung es mir in die arme warf!

Er erhob sich nach diesen Worten und begann wieder im Zimmer umherzugehen. Dem Genusse folgte die Reue auf dem fuss, sagte er kurz und schnell, als wolle er bald beenden, was ihm zu erzählen noch übrig blieb. Das Mädchen war mein Schützling gewesen; ich konnte das nicht vergessen. Unzufrieden mit mir selbst, dachte ich dem Handel keine weitere Folge zu geben. Ich hatte fest beschlossen, Pauline sogleich zu entfernen, und suchte nur nach einem Orte, nach dem ich sie schaffen, oder nach einem mann ihres Standes, mit dem ich sie verheiraten und von welchem ich eine gute Behandlung des armen Geschöpfes erwarten konnte, denn ich wollte ihr in jedem Falle ein möglichst gutes los bereiten. Aber die leidenschaft des Mädchens hatte etwas Dämonisches. Sie hing sich mit einer Gewalt der Liebe an mich, die ich in ihrem Alter und in ihrem stand nicht für möglich gehalten hätte. Wie an meine Schritte gebannt, folgte sie mir mit einer Art von Instinkt. Sie schien meine Gedanken, meine Absichten im Voraus zu erraten; wohin ich kam, fand ich sie; wo ich sie nicht vermuten konnte, erschien sie plötzlich. Sie wurde mir eine Art von psychologischem Rätsel. Wir wissen ja so wenig von der verborgenen Macht, welche die Wesen aneinander kettet! Ich konnte mich der Vorstellung nicht erwehren, dass ein geheimnissvoller Zusammenhang dieses Mädchen mir verbinde; aus Mitleid, aus einer menschenfreundlichen Grille und, ich mag mich Ihnen nicht besser darstellen, als ich bin, aus Genusssucht endlich behielt ich sie.

Ich verbot ihr jedoch, mir zu folgen oder jemals nach Richten zu kommen; ich versprach, sie aufzusuchen. Ihre Freude war gross, ihr Gehorsam unbedingt, und bald war mir das Idyll, bald war sie selbst mir in das Herz gewachsen. Ich unterhielt mich damit, ihren Verstand zu entwickeln; ich wollte sehen, was Erziehung aus einem Naturkinde zu machen vermöge. Ich wollte einmal eine ungekünstelte, ungeheuchelte Liebe geniessen, mich an der reinen, einfachen natur erfreuen. Ich wies den neuen und tüchtigen Schullehrer an, ihren früh abgebrochenen Unterricht wieder aufzunehmen. Paulinen's Wissbegier, durch das Verlangen, mir näher zu rücken, gesteigert, war so unermüdlich, als ihr Fleiss. Ihre Fortschritte überraschten mich. Neben den geistreichsten Frauen hat mich oftmals das Gefühl einer Ermüdung beschlichen; neben Pauline habe ich das nie empfunden. Ihre Ursprünglichkeit machte sie mir immer reizend, sie ist durchaus eigenartig. Ich habe viel Freude an ihr gehabt.

Der Caplan hatte durch sein Schweigen dem Freiherrn die Genugtuung vollen Aussprechens gewähren wollen, um danach zu berechnen, was geschehen müsse, ein getanes Unrecht möglichst zu sühnen und neue, weiter fortgeführte Sünde zu verhüten. Nun, da der Baron anfing, sich in die Erinnerungen zu versenken, welche ihn an Pauline fesselten, dünkte es dem Geistlichen an der Zeit, diesen Erinnerungen ein Ziel zu stecken, und er fragte plötzlich nach Paulinen's Alter.

Sie war siebenzehn Jahre, als ich sie einrichtete, und neunzehn, als sie den Knaben gebar, der nun im sechsten Jahre steht, antwortete er. Die Frage des Caplans hatte den Baron aber unbehaglich aufgeschreckt; er setzte seinen Weg durch das Zimmer eine Weile lautlos fort.

Auch an dem Knaben hänge ich, sagte er dann mit einem Male. Er erschreckt mich oft durch seine Aehnlichkeit mit meinem Vater und mit mir. Dazu ist er an meinem Geburtstage, wie Pauline an dem Geburtstage meiner Mutter, geboren, deren Namen sie ja auch trägt, fügte er mit unverkennbarer Zärtlichkeit hinzu.

Und weiss sie es bereits, dass Sie sie entfernen wollen, entfernen müssen? fragte der Caplan, um den Baron von der Betrachtung dessen abzulenken, was er als das Dämonische anzusehen liebte.

Ja, sie weiss es. Als sie durch mich zuerst von meiner bevorstehenden Verheiratung erfuhr, nahm sie die Nachricht mit anscheinender Fassung auf, und weil ich sie verständig zu finden wünschte, hoffte ich, dass sie es sei und dass sie mir keine Schwierigkeiten bereiten würde. Ich belobte sie, ich sagte ihr, dass sie mir eine Beruhigung gewähre, mir einen Beistand leiste, dass ihre Zukunft mir sehr am Herzen liege, dass ich für den Knaben in jedem Betrachte sorgen würde, und ich verliess sie, sehr zufrieden, sie so fügsam gefunden zu haben. Ja, ich war ihr dankbar, recht eigentlich dankbar dafür, dass sie mir erleichterte, was mir selber so