1864_Lewald_163_69.txt

es gleich zum Willkommen beteuern zu müssen, dass man die Schuld der verzögerten Ankunft nicht trage. In allen Lebensverhältnissen sind ein gemächliches Gehenlassen und eine gewisse anspruchslose Gleichgültigkeit vortreffliche Unterlagen für ein behagliches Zusammenleben.

Soll das eine Anmahnung für mich sein? fragte die Baronin.

Ja! entgegnete er, eine Anmahnung für Dich, an die Du mich erinnern sollst, wenn Du sie mir nötig findest; denn in rechter Weise Gastfreundschaft zu üben, ist eine schwere Kunst, ist eine Selbstprüfung, der nur wenige Familien gewachsen sind. Und ich würde angestanden haben ....

Angelika blickte betroffen zu ihm empor, aber es blieb ihnen keine weitere Zeit für diese Erörterungen.

Das sind sie! rief der Baron, als fern im dorf ein Hund anschlug.

In demselben Augenblicke meldete ein Diener, dass die Herrschaften kämen, man könne bereits das Licht in den Wagenlaternen blinken sehen.

Angelika trat an das Fenster, es war im hof plötzlich lebendig geworden. Das Bellen der Hunde, das Zurückschlagen der grossen eisernen Gittertüren, die stimme des Haushofmeisters liessen sich vernehmen. Im unteren Corridore öffnete man hier und dort ein Zimmer; der Kammerdiener des baron hatte ihm den Hut und den pelzverbrämten Sammetrock herbeigeholt und stand wartend an der tür.

Angelika und ihr Gatte sahen zum Fenster hinaus. Er hatte den Arm um ihren Leib geschlungen, ihre Hand ruhte auf seiner Schulter und sie sprachen beide nicht. Endlich hörte man das Knallen der Peitschen; der Vorreiter, den man den Gästen des Schneefalles wegen bis zur nächsten Station entgegengesandt hatte, ritt in den Hof, und der Baron trat in das Zimmer zurück, um seinen Pelz anzulegen und der Herzogin entgegen zu gehen.

Da fasste Angelika schnell seine Hand. Franz, sagte sie, mich überfällt plötzlich eine kindische Angst!

Vor der Herzogin? fragte der Baron lächelnd und wollte dem Diener folgen, der sich eben entfernt hatte.

O, lache nicht! rief sie, so wie jetzt, ist mir in meinem Leben nicht gewesen, und könnte ich mit den schwersten Opfern es verhindern, dass die Fremden mit uns leben, ich wollte diese Opfer bringen! – Die Tränen kamen ihr dabei in die Augen und ihre Aufregung war unverkennbar.

Der Freiherr war erschrocken, aber es war keine Zeit zu verlieren.

Ich beschwöre Dich, Kind, verbanne diese Gedanken! bat er dringend. Komm, gieb mir die Hand; sind wir doch Eins, waren wir doch Eins in der überzeugung, dass wir der befreundeten fürstlichen Frau hier eine Zufluchtsstätte bereiten müsstenwoher also diese Aufregung? Woher dieses törichte, törichte Bangen, Du liebes, zaghaftes Weib?

Er nahm sie in seine arme, er küsste sie, und er liebte Angelika, weil sie ihn oft schwach gesehen hatte, stets am meisten, wenn sie sich hülfsbedürftig an ihn lehnte. Weine nicht, sei schön und heiter, bat er, als er dann eilig von ihr ging. Aber die Heiterkeit wollte ihr nicht kommen, und bangen Herzens schaute sie in den Hof hinunter, in welchen eben jetzt die Kutsche einfuhr.

Wenn jetzt ein Stern herniederschiesst, sagte sie, plötzlich in die Höhe blickend, so soll mir das ein Zeichen sein, dass ich guten Mutes sein darf und dass es Freunde sind, die mir nahen!

Sie schaute empor, zur Rechten, zur Linkenes blieb Alles dunkel. Das bedrückte ihr das Herz, und eben wollte sie sich vom Fenster entfernen, um die Herzogin zu empfangen, da wandte sie den Kopf noch einmal zurück, und hell und strahlend schoss ein Lichtstreifen vom Zenit quer zum Horizont hinab. Gottlob! rief Angelika, und mit hellem Auge und freudiger Bewegung eilte sie auf die Herzogin zu, welche eben jetzt am arme des baron in das Zimmer eintrat.

Vierzehntes Capitel

Mitternacht war vorüber, als Angelika selbst die Herzogin nach ihren Gemächern geleitete und von dieser mit einer Umarmung entlassen wurde.

Nun, Angelika, fragte der Freiherr, als seine Gattin zu ihm zurückkehrte, wie gefällt Dir unser Gast?

Wie kann von Gefallen die Rede sein, rief die Baronin mit einer ihr ungewöhnlichen Lebhaftigkeit aus, wo man sich wie von einem Zauber umfangen fühlt? Ich hatte mir die Herzogin nach Deinen und des Caplans Schilderungen nicht schön gedacht, und schön ist sie auch nicht, wenigstens nicht in dem Sinne, den die Menge mit dem Worte verbindet; aber ich meine, wenn man einmal in diese sanften, blauen Augen geblickt hat, so kann man nicht mehr aufhören, sich nach ihnen hinzuwenden; sie sind so klug und dabei so mild, dass es mir leid tat, wenn sie die Lider senkte und der dunkle Vorhang ihrer Wimpern mir die hellen, freundlichen Sterne entzog.

Der Freiherr lächelte. Du wirst dichterisch begeistert, meinte er, und ich habe Dich in der Tat noch nie für Jemanden so schnell und so entschieden günstig eingenommen gesehen. Uebrigens hat die Herzogin sich wirklich gut erhalten. Das ist ein Vorzug dieser feinen, kleinen Gestalten und der hellen Blondinen. Ihr Haar ist noch schön, selbst unter dem Puder, und der Contrast desselben mit den schwarzen Wimpern, der ihre Physiognomie reizend machte, als sie jung war, wirkt noch anziehend.

Und wie kleidet sie sich, wie spricht sie! rief Angelika mit der früheren Erregung. Es ist Alles Harmonie an ihr! Das schöne, weiche Haar, welches an ihrer Stirne herabfällt, und das weiche, graue Schleppkleid und ihr leises, sanftes