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es an keiner Vorsorge und Rücksicht für sie fehlen zu lassen, und für ihren Empfang und Aufentalt Alles in einer Weise vorzubereiten, welche den eigenen Wohlstand und Rang, den Geschmack der Hausfrau, die dankbare Erinnerung des baron und zugleich die Verehrung und den Anteil ausdrücken sollte, welche man für die unglücklichen und sich selbst getreuen Standesgenossen hegte. Man war alltäglich mit der Vorsorge für sie beschäftigt. Der Baron und Angelika wussten immer noch irgend eine kleine Bequemlichkeit, eine Zierat in die Gemächer zu schaffen, die man schon jetzt als die Zimmer der Herzogin bezeichnete, bis man sich an dem Tage, an welchem die Fremden zu erwarten standen, sagen durfte, dass man jetzt das Mögliche mit bestem Willen für sie getan habe.

Die ganze Woche hindurch hatte es sehr scharf gefroren, am Morgen war nach langer Zeit wieder einmal Schnee gefallen, und gegen den Abend hatte ein scharfer Nordwind, der eisig über die Felder und durch die Wälder hinsauste, die Wolken verjagt, so dass die Sterne an dem Himmel flimmerten und man trotz der Dunkelheit es aus den Fenstern sehen konnte, wie die weisse Fläche sich weitin ausbreitete und die mächtige Linden-Allee, welche zum schloss führte, ihre gewaltigen beschneiten Aeste zum Himmel erhob.

Draussen wurde der Wind immer heftiger. Bald zog er in langsamem Stöhnen über die Gegend hin, bald rang sich aus dem Stöhnen ein plötzlicher Sturmstoss hervor, unter dessen Wucht die Aeste der Bäume knarrten, die Wetterfahnen auf dem schloss sich kreischend auf ihren Stangen herumdrehten, und die Krähen, welche sich zur Nachtruhe darauf niedergelassen hatten, erschreckt aufflogen und krächzend eine neue Ruhestätte suchten. Einmal schlug eine tür zu, die man in dem Seitenflügel des Schlosses, in dem sich die Wirtschaftsräume befanden, offen gelassen hatte; dann hörte man, wie mühsam bei dem Froste das Rad am Ziehbrunnen sich bewegte und wie der Russ in den Kaminen und Schloten leise klingend herniederrieselte.

Es mochte sieben Uhr sein. Um diese Zeit konnte die Herzogin eintreffen, und schon seit einer halben Stunde hatte man am Anfange der Allee die Pechtonnen angezündet, deren Feuer dem gast ein erstes Willkommen in die Ferne zurufen und die Nähe der befreundeten wohnung anzeigen sollten. Unten in der Halle und auf den Treppen und Gängen war Alles festlich erleuchtet. Die Dienerschaft hatte ihre Galalivreen angelegt, Windlichter standen bereit, um bei dem ersten Peitschenknalle des Kutschers der Herzogin entgegengebracht zu werden, und oben in ihrem Wohnzimmer ging die Baronin auf und nieder, hier in müssiger Unruhe ein Buch zurecht legend, dort ein Bild grade richtend, bis sie sich ermüdet an dem Kamine niederliess, von dem sie sich bald wieder erhob, um an das Fenster zu treten und in die dunkle Nacht hinauszuschauen.

Der Baron hingegen sass ruhig lesend an dem Tische, der mitten in dem Zimmer stand. Nur von Zeit zu Zeit warf er einen blick auf Angelika, wenn sie eben an ihm vorüberkam, und sah nach der Uhr hinüber, die in grossem, vielschnörkligem Gehäuse auf dem Simse des Kamines stand, hell von den Kerzen der schweren Armleuchter beschienen.

Das verdross Angelika, denn die Aufgeregte fühlte sich durch die Ruhe ihres Mannes getadelt, und als sie wieder eine Weile am Fenster gestanden hatte, wendete sie sich um und sagte: Ich fürchte, wir jagen der Herzogin einen Schreck mit unserm Freudenfeuer ein. Der Sturm erstickt es wieder und wieder, und der Qualm allein wird ihr entgegenkommen. Ich gäbe viel darum, wenn sie einen freundlicheren Abend für ihre Ankunft getroffen hätte.

Ja! versetzte der Freiherr, das Wetter ist sehr rauh! und nach der Fensterseite blickend, fügte er hinzu: Die Feuer scheinen aber doch eben jetzt erträglich zu brennen! Dann wendete er sich gelassen zu seinem buch.

Indess Angelika mochte des Schweigens müde sein, denn sie bemerkte: fremd, wie der Norden der Herzogin sei, müsse dieselbe doppelt widerwärtig von der Kälte berührt werden. Der Freiherr entgegnete, dass auch in der Provence heftige Winterstürme wüteten, und dass die Herzogin doch bereits zwei deutsche Winter durchlebt habe. Und wieder herrschte eine Weile das frühere Schweigen, und wieder ging Angelika auf und nieder, bis sie nicht ohne einen Anflug von übler Laune die Frage aufwarf: ob der Freiherr sich etwa vorgenommen habe, das Buch, mit welchem er sich beschäftige, noch vor der Ankunft ihres Gastes zu beenden.

Nein, o nein! antwortete der Freiherr, indem er sich erhob und das Buch zusammenlegte; ich liebe es nur nicht, mich unnötig in den Zustand eines Wartenden zu versetzen.

Als ob man das in seiner Gewalt hätte! wendete Angelika ein.

Ich wüsste wirklich nicht, meinte der Baron, was so völlig von uns selber abhängt, nichts, was uns so schmählich um die Zeit betrügt, als jenes Warten, das mit seiner Ungeduld das Herankommen eines bevorstehenden Ereignisses beschleunigen möchte. Man verwandelt auf diese Art einen Zustand, in welchem wir uns notwendig leidend verhalten müssen, in einen gewisser massen tätigen, und man wird durch diese fruchtlose Anstrengung, die sich von Minute zu Minute steigert, so gequält, dass man dem erwarteten Ereigniss oder der erwarteten person, eben um desshalb meist überreizt oder abgespannt, also jedenfalls nicht in wünschenswerter Verfassung entgegentritt.

Kann es denn Jemanden verletzen, fragte Angelika, ungeduldig und lebhaft erwartet worden zu sein?

Gewiss, meine Beste! denn es ist nicht angenehm, zu erfahren, wie man seinen Wirten ein Unbehagen verursacht habe, und noch weniger angenehm,