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und ihm bangte vor dem Spiegel, welchen ihr Altwerden ihm entgegen halten konnte. Er erinnerte sich mit Vergnügen an den heitern Ton leichter Galanterie, in welchem er mit ihr zu verkehren pflegte, aber er musste sich sagen, dass Angelika für denselben kein Verständniss besitze, dass ihr derselbe missfallen habe, wo immer sie ihm begegnet war. Er hingegen dachte noch gern an jenes Federballspiel des Geistes und des Witzes, in welchem die französische Gesellschaft Meister gewesen war; er fand noch jetzt Vergnügen daran, und es fiel ihm plötzlich auf, dass er einen teil seiner Fähigkeiten zu brauchen aufgehört, dass er an jener Liebenswürdigkeit, die man sonst an ihm bewundert, Abbruch gelitten habe, seit er sich der Führung des Caplans und der ernsten Richtung seiner jungen Frau überlassen hatte. Er ward dadurch verstimmt, denn er mochte sich nicht eingestehen, dass er die grosse Welt und ihre erheiternde Gesellschaft vermisse, und während er sich selbst in seiner jetzigen Gestalt wie ein Fremder erschien, tat es ihm weh, sich auch die Herzogin als eine gebrochene und gewandelte Frau denken zu müssen.

Von dem Marquis hatte er nun vollends keine Vorstellung. Er war vor fünfzehn Jahren ein hübscher junger Mensch gewesen, mit aller Keckheit und Frühreife eines Provençalen, ein wenig prahlerisch, ziemlich unbesonnen und sehr verliebt; und obschon der Baron trotz seiner Hinwendung zur Kirche in seinen Urteilen nachsichtig genug gegen diejenigen zu sein pflegte, welche auf dem von ihm neuerdings verlassenen Wege gingen, so war ihm doch die Aussicht, einen jüngeren Mann von leichten Sitten, dem mancherlei Vorzüge nicht fehlen konnten, zum Hausgenossen zu bekommen, nicht eben erwünscht. Freilich zweifelte er durchaus nicht an der Tugend seiner Gattin, aber an der weiblichen natur und Kraft im Allgemeinen. Weil er oft genug den Widerstand weiblicher Strenge besiegt hatte, machten seine eigenen Erfolge ihn vor den Erfolgen Anderer bange, und er litt jetzt unter dem Gedanken an früheres Glück, unter dem allgemeinen Missgeschick der Lebemänner.

Nicht minder bedenklich als ihr Gatte fühlte sich Angelika. Sie war zur Eifersucht geneigt, war sich dessen bewusst, und der blick, der sich ihr in die Vergangenheit ihres Mannes eröffnet, war nicht danach angetan, ihr dieselbe wert zu machen. Sie hatte sich in die Anschauungen eingelebt, dass Gott sie mit ihrem Gatten zusammengeführt habe, damit er sich mit ihr vereint zu einem reinen und heiligen Leben erhebe und in einer makellosen und würdigen Zukunft seine Jugendsünden und die Fehltritte seines Mannesalters sühne. Sie hatte sich der Hoffnung hingegeben, dass er selbst jetzt mit Widerstreben in seine Vergangenheit zurückblicke, dass er abgeschlossen habe mit den Tagen, welche vor ihrer Ehe mit ihm lagen, und sie fand nun plötzlich, dass dem nicht so sei, sondern dass er sich ihrer und aller ihrer kleinen Einzelheiten mit einer Wärme erinnerte, welche eine noch ungebrochene Jugendlichkeit und Schnellkraft der Empfindung voraussetzen liessen.

Das beunruhigte Angelika. Sie fing an, es sich zum Vorwurfe zu machen, dass sie so schnell und so ohne weitere überlegung in die Aufnahme der fremden Frau gewilligt hatte. Es fiel ihr ein, wie natürlich es gewesen wäre, der Herzogin das Haus in der Residenz wenigstens für die Dauer des Winters zum Aufentalte anzubieten. Dann hätte man sie später zu einem Besuche in Richten auffordern, hätte sich gegenseitig kennen lernen mögen; und wenn es sich auf solche Art erwiesen, dass man zu einander passe, so wäre es ja dann noch immer an der Zeit gewesen, sie zu einem verlängerten Aufentalte einzuladen, den man ihr jetzt in gewissem Sinne wie eine Wohltat zugestand. Indess Angelika verschwieg dem Freiherrn ihre Bedenken. Auch er hielt zurück, was sich Zweifelndes in ihm regte, und nur an den Caplan wendete sich die Baronin, um von ihm zu erfahren, was er von der Herzogin dachte und wusste.

Alles, was er von ihr berichten konnte, stammte aber aus der Zeit, in welcher der Caplan noch Reisebegleiter des jungen Freiherrn gewesen war. Er rühmte an der Herzogin ihre sichere Haltung bei völliger Freiheit des Betragens, ihre zuvorkommende Rücksichtnahme auf Andere bei einer entschiedenen Neigung zur Selbstbestimmung und bei einer gewissen Herrschsucht, welche mit ihrer Fröhlichkeit in Widerspruch zu stehen geschienen hätten. Er erzählte mit Wohlgefallen, wie einnehmend sie gewesen sei und wie sehr sie es verstanden habe, ihre Gäste an sich zu fesseln, obschon sie ihnen volle Freiheit gegönnt. Das klang Alles äusserst bestechend, machte aber der Baronin doch kein sonderliches Vergnügen, und auch der Caplan schien nicht grade erfreut über die Aussicht auf den bevorstehenden Besuch.

Er kannte noch besser als sie selbst den leicht beweglichen Sinn des Freiherrn und die Ansprüche, welche Angelika an die Gesinnungstreue der Menschen machte. Er dachte des schweren Zerwürfnisses, welches zwischen den Eheleuten Statt gefunden und das kaum noch Zeit gehabt hatte, auszuheilen; und obgleich er sich sagte, dass es sein Bedenkliches habe, wenn zwei sehr ungleiche Charaktere lange ausschliesslich auf einander angewiesen blieben, und dass die Gegenwart zwischen ihnen stehender Personen oftmals einen Zusammenstoss verhindere, der sonst nicht wohl ausbleiben könne, so war es ihm, wenn er an das freiherrliche Ehepaar gedachte, doch zweifelhaft, ob eben die Herzogin dazu geeignet und wie weit ihr Bruder dazu gemacht sein würde, diese wohltätige wirkung auszuüben.

Indess auch er behielt seine Besorgniss vorsichtig für sich und da sowohl der Freiherr als Angelika hülfreichen Herzens waren, so schämten beide sich innerlich der halben Abgeneigteit gegen die erwarteten Gäste, Ja, sie zeigten sich eben desshalb doppelt bemüht,