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in der Welt, die nirgends eine Heimatstätte, nirgends ein Vaterhaus für ihn umschloss.

Die Bekehrung und der Uebertritt der Baronin von Arten bildeten, nachdem man dieselben erfahren hatte, eine Weile den Gegenstand der Unterhaltung in den Kreisen, welchen die Familien von Berka und von Arten angehörten; aber die Zeit war zu bewegt, die Menschen waren zu mächtig von den grossen Ereignissen, welche sich jenseit des Rheines immer deutlicher und entschiedener entwickelten, erschüttert und hingenommen, als dass die Vorgänge in einer einzelnen Familie, wie angesehen dieselbe auch in ihrer Heimat sein mochte, nicht darüber hätten in den Hintergrund treten und bald vergessen werden sollen.

Was man in der nächsten Umgebung, auf den Gütern des Freiherrn davon dachte, wie die Gutsleute die Bekehrung der Baronin und den beabsichtigten Kapellenbau ansahen, darüber erfuhr man im schloss nichts Gewisses, und man kümmerte sich auch zuerst nicht viel darum. Allerdings hiess es, dass der protestantische Pfarrer in Neudorf, dessen Patron der Freiherr war, gegen seine vorgesetzte Behörde des beklagenswerten Ereignisses Erwähnung getan und die Weisung erhalten habe, nur um so eifriger für das Seelenheil der ihm anvertrauten Gemeinde zu sorgen; aber wenn er sich dessen auch gegen seine benachbarten Amtsbrüder und gegen den Amtmann, der seinen Wohnsitz in Rotenfeld hatte, vielleicht auch gegen den Schulzen berühmte, so fand sich doch Niemand, der sich berufen gehalten hätte, diese Nachricht auf das Schloss zu bringen; und von den Tagen, in welchen Eisenbahnen und pfeilschnelle Telegraphen die Vorgänge aus den entlegensten Gegenden in die Zeitungen und mittelst derselben durch die ganze Welt verbreiten, war man damals noch weit entfernt. Die Zeitungen beschäftigten sich in jenen Tagen fast ausschliesslich mit den Angelegenheiten der Potentaten, mit den eigentlichen Staatsactionen. Sie erschienen nur ein Paar Mal in der Woche, wurden von der Post nur ein Mal in der Woche nach der Kreisstadt befördert, aus welcher der reitende Bote des Freiherrn sie nach Richten abholte, und hatte man sie im schloss gelesen, so wanderten die kleinen Löschpapierblätter durch die Wohlgeneigteit des Gutsherrn zu dem Pfarrer und zu dem Amtmann, kamen danach in die hände des Schullehrers, des Schulzen und des Krügers, um endlich in das Schloss zurückzukehren, wo sie, nach Jahrgängen wohl geordnet, in dem Nebenzimmer des prächtigen Biblioteksaales unter andern zurückgestellten Drucksachen ihre Ruhestätte fanden. Mochte man also auf den Gütern denken, was man wollte: im schloss ging Alles seinen ruhigen und würdigen gang, seit die Gemütsverfassung des baron sich wieder gefestigt, und die Baronin ihr Kindbett überstanden hatte.

Der Winter, welcher im verwichenen Jahre die Eheleute ohne inneren Einklang in dem haus von fräulein Ester gefunden hatte, sah sie diesmal in jener Vereinigung und Lebensweise, welche der Baron für sich gehofft hatte, als er die Zusage von Angelika's Hand erhalten; und die Besitzesfreude, welche sich in ihm und in seiner Frau geregt, als sie in der Erwartung eines Erben von der Residenz auf ihre Güter zurückgekehrt waren, hatte jetzt, da der Knabe trefflich gedieh, erst ihre volle Kraft für beide Eltern gewonnen, eine Kraft, die sie zu rüstigem Schaffen, zum Säen, Bauen und Erhalten antrieb.

Alles, was man bisher geplant und gewünscht hatte, nahm man jetzt in Angriff und wollte man schnell vollenden. Man bedurfte jener Entsagung nicht, mit welcher der Besitzlose sein Tagewerk bewältigt, weil seine Vernunft ihm sagt, dass die Leistung eine für das Allgemeine und darum auch für ihn selber geforderte sei, wennschon er vielleicht nicht dazu berufen ist, ihre Frucht ausgiebig zu geniessen. Man befand sich in der glücklichen Lage, mit dem Herzen schaffen, sich und den Seinen da eine Genugtuung, einen Erfolg, eine Glücksvermehrung sichern zu können, wo der weniger Begünstigte eine Pflicht erfüllt; und bei Allem, was man vornahm, erhöhte der Gedanke, dass es Renatus und seinen Kindern einst zu Gute kommen werde, den Eifer und den Aufwand, mit welchem man zu Werke ging.

Vor Allem war es natürlich die Gründung des Gotteshauses, welche der Baronin am Herzen lag, und da man an der Schwelle des Winters den Bau nicht mehr hatte in Angriff nehmen können, so beschäftigte man sich an den langen Abenden nur noch mehr mit den Planen für denselben. Dem Freiherrn erwuchs daraus eine vielseitige Anregung und Beschäftigung. Kunstliebend und prachtliebend wie er war, wollte er nicht nur einen dauerhaften Bau hinstellen, sondern zugleich in dieser Kapelle etwas Ansehnliches und Schönes schaffen, und auch die Baronin wünschte, dass das katolische Gotteshaus, welches man auf den Gütern begründete, schon in seiner äusseren Erscheinung jenen zugleich Ehrfurcht erweckenden und freundlich entgegenkommenden Charakter an sich tragen sollte, welchen sie in dem geist des Katolicismus für sich so beglückend kennen gelernt hatte. Man zog Baumeister, Bildhauer und Maler zu Rate, liess Zeichnungen und Kupferstiche kommen, änderte bald Dies, bald Jenes an dem ersten Plane, bis über dem vielen Sehen und Vergleichen des Bedeutendsten und Schönsten der erste Entwurf, welcher auf eine hübsche Kapelle, auf ein mässiges Gotteshaus angelegt gewesen war, mehr und mehr zusammenzuschrumpfen und den Erbauern kleinlich zu dünken begann.

Erst hatte man sich gesagt, dass man, weil man keinen Turm zu errichten beabsichtigte, die Kapelle mit einer würdigen Fronte ausstatten, dass man ihr eine angemessene Grösse geben, sie mit einigen Säulen und einer Statue von aussen schmücken müsse, und dass man ihr innen die Zierde eines guten Bildes über dem Altare nicht versagen dürfe. Nach einiger Zeit kam man zu der Ansicht, dass mit