selbst das kranke Kind, dem der Arzt das Leben abgesprochen hatte, zu meiner Amme, die damals noch eine rüstige, unverzagte Frau war, und sich mir zu Liebe, seiner Pflege zu unterziehen versprach.
Der Baron hielt einen Augenblick inne, dann sagte er, an seinen früheren Ausspruch anknüpfend: Diese Tat war Freiheit; was ihr folgte, möchte ich Verhängniss nennen. Denn als ich mit dem kranken kind durch den Wald fuhr und es so elend in seinen Kissen auf dem Rücksitze des Wagens vor mir liegen sah, schoss mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf: wenn das Kind wider alles Erwarten genese, wenn es mir die tödtliche Krankheit nicht übertrage, so solle mir das ein Zeichen sein, dass mir noch Freude und Wirksamkeit hienieden bestimmt sei, und wie ein Pfand meines Glückes wolle ich dann die Kleine ansehen und in meiner Nähe behalten.
Der Baron hatte das alles in eigenem Rückerinnern gesprochen. Jetzt blickte er dem Caplan fest ins Auge, als wolle er dessen innerste Meinung erforschen, ohne dass er um dieselbe zu fragen oder sie anzuhören brauchte, und sagte: Ich weiss, was Sie über solch ein Würfelspielen mit dem Zufalle denken. Sie nennen es unchristlich; ich nenne es töricht, und doch übte es damals, übt es noch in dieser Stunde seinen Einfluss auf mich aus. – Um des Beispiels willen, so sagte ich mir damals, in der Tat jedoch mehr, um mein Schicksal zu erproben, fuhr ich im Laufe der nächsten Woche häufiger nach Rotenfeld hinüber, um nach dem kind zu sehen. Was der Mensch aber zu beobachten anfängt, darauf richtet er seine Neigung, und hatte ich doch ohnehin meine eigene Zukunft in meiner Phantasie an dieses Kind geknüpft! Ich sorgte mich um dasselbe, sein Ergehen beschäftigte mich lebhafter, als ich es für möglich gehalten hätte, ja ich empfand eine grosse Freude und Beruhigung, als die Kleine sich zu erholen begann und endlich vollständig genas. Ich glaubte von jenem Zeitpunkte ab wieder an die Zukunft, ich hoffte für mich wieder etwas von der Zukunft.
Ihre Teilnahme an dem kind hatte, als wir von Venedig heimkehrten, für die verstorbene Frau Baronin und auch für mich allerdings etwas Auffallendes. Wir wussten uns Ihr Verhalten nicht zu enträtseln und fanden Sie überhaupt ganz ungemein verändert. Indess die Mitteilungen, welche Sie mir eben zu machen belieben, erklären mir jene Teilnahme wie jene Veränderung, bemerkte der Caplan, der immer nur dann sich in die Rede des Freiherrn mischte, wenn er befürchtete, dass sie ins Stocken geraten, und die Angelegenheit, um welche es sich handelte, dadurch nicht zu ihrem Ende geführt werden möchte.
Die Wandlung in meinem Wesen war natürlich genug, meinte der Baron. Der Wechsel der Umgebungen und der Zustände war für mich sehr grell gewesen. In Dresden ein Leben des Genusses, welches mir das Herz zerrissen, hier Not und Elend, an denen ich mich aufgerichtet hatte. Nun kamen Sie mit meiner Mutter von dem Sterbebette meiner Schwester aus Venedig heim ....
Ja, fiel der Caplan ihm mit einer Weise in die Rede, als wünsche er bei dieser Erinnerung nicht zu verweilen, der Verlust, welchen die Frau Baronin, welchen das Haus erlitten hatte, machte dieselbe nur geneigter, sich der Unglücklichen auf den Gütern anzunehmen. Das kam Ihrem Schützlinge damals sehr zu Statten.
Gewiss! Auch verlor ich Pauline, so lange meine Mutter lebte, mehr und mehr aus den Augen, sprach der Baron, der sich von dem Caplan schnell wieder zu seiner Erzählung zurückgeführt fand. Mein Sinn hatte sich allmählich erheitert, ich überliess mich wieder den Neigungen meines damaligen Alters. Ich wechselte öfter den Aufentalt, und wenn ich dazwischen die Kleine einmal wiedersah, so freute ich mich ihres Gedeihens, sah mit Vergnügen, wie hübsch sie sei, und liess mir von meiner Mutter und von der alten Margarete erzählen, dass das Kind mich wie seinen Herrgott verehre und liebe, während ich selbst es nicht vergessen konnte, dass ich es einst als Glückspfand betrachtet hatte. – Jahre gingen so hin. Man schickte Pauline in die Schule, in der freilich wenig genug zu lernen war; aber sie liess sich gut an, und als man sie dann nach dem tod meiner Mutter confirmirte – ich lebte eben wieder im Auslande –, fragte man mich, ob man sie jetzt in fremde Dienste tun oder versuchen solle, sie im schloss unter die Dienstboten einzureihen. Um der Anfragen ledig zu werden, bestimmte ich, dass sie bei Margarete bleiben solle; und vor der wohnung meiner Amme, unter ihrer tür sitzend, sah ich Pauline eines Abends zum ersten Male wieder, als ich nach längerer Abwesenheit von haus einmal nach Rotenfeld hinüberritt, meine Amme zu besuchen. Mein Vetter Waldern begleitete mich auf diesem Ritte. Mich erblicken, auf mich zustürzen, meine hände küssen war für Pauline, sobald ich vom Pferde gestiegen, das Werk eines Augenblickes. Es überraschte mich, sie so erwachsen zu sehen, wie meinen Vetter der ganze Vorgang überraschte. Um ihn aufzuklären, sagte ich, dass ich das Mädchen hätte erziehen lassen. Für sich? fragte er lächelnd, und ich liess die Frage unbeachtet, weil sie mir zuwider war. Gutsherrliche Liebschaften waren niemals mein Geschmack, und meine Sinne haben mich nie beherrscht ohne die Mitwirkung meines Herzens. Trotzdem aber wurde ich das Bild des schönen Geschöpfes, das in seiner feurigen Dankbarkeit mir nur noch reizender erschien, nicht wieder