1864_Lewald_163_57.txt

seine Schultern, und da sie in sein ernstes Antlitz, in seine Augen blickte, die so fragend und schmerzlich auf sie gerichtet waren, fing sie noch einmal zu weinen an.

Siehst Du es wohl, dass Du ein besseres los, einen andern Mann verdient hättest, als eben mich? wiederholte er in der Erinnerung an ihr gestriges Gespräch.

Sie schüttelte leise das Haupt. Mir fehlte nichts als Dein Vertrauen, Dein volles, ganzes Vertrauen! beteuerte sie. O! wenn Du es gewusst hättest, wie bitter es mir oftmals ankam, mich als eine Fremde in Deinem Leben zu fühlen, während ich doch Dein Weib war! Wenn Du ahnen könntest – – Sie brach plötzlich ab und fragte leise: Wer war die tote? wer war sie? das muss ich wissen.

Es kam dem Freiherrn hart an, das erste Wort zu sprechen, aber da er es getan hatte, erleichterte es ihm das Herz. Er erzählte ihr Alles, Alles, was er einst dem geistlichen Freunde gestanden hatte. Angelika hörte schweigend zu. Die Dämmerung brach allmählich herein, des Freiherrn Mitteilungen wurden dadurch begünstigt. Er konnte nicht sehen, welche wirkung sie auf seine Gattin übten. Mit lebhaften Worten schilderte er ihr den Zustand, den Zwiespalt, in welchem er sich in den Tagen vor seiner Hochzeit befunden hatte.

Was ich in jenen Augenblicken auch an Dir verschuldet, wie sehr meine Verirrung Dich auch gepeinigt haben mag, sagte er, mein Leiden war noch unerträglicher. Ich konnte meine Gedanken nicht sondern, ich war, ein Verzweifelnder, umhergerissen zwischen den widersprechendsten Empfindungen. Wenn ich Dich sah, in Deiner Liebe, in Deiner Unschuld und in Deinem Vertrauen, so rief es in mir: Du bist ein Mörder und verdienst sie nicht! Wenn der Schmerz um Pauline mir das Herz vergiftete, so lockte es mich in Deine Nähe, und ich dachte: ihre Liebe wird dich erlösen, bei ihr wohnt Friede, bei ihr werde ich vergessen, an ihr werde ich sühnen, was ich dort verschuldet habe. Ich war meiner selbst nicht mächtig! Nur dass ich unglücklich war und dass ich Dich glücklich zu machen wünschte, das stand fest in mir. – Da, an dem Abende vor unserer Hochzeit, als man im grauen saal den Kaffee eingenommen hatte, kam man auf die körperliche Erscheinung der Verstorbenen zu sprechen. Man wusste nicht, was man mir tat, als man meine Ansicht darüber zu hören verlangte. Ich vermochte mich nicht zu überwinden, nicht auf die Scherze Deines Bruders einzugehen, als er mich nekkend anrief, aber unwillkürlich sah ich nach der Stelle, auf die er zeigte, und als man die tür öffnete, als das Licht in den Saal einströmte, da sah ich unwiderleglich und völlig klar Pauline auf dem Hintergrunde dieses Lichtes vor mir, das Auge finster und klagend auf mich gerichtet.

Er hielt inne, und mit leisem, melancholischem Tone fuhr er nach längerem Schweigen fort: So habe ich sie gesehen, fast alltäglich in der Einsamkeit meiner Zimmer, so hat sie sich oft emporgerichtet zwischen mir und Dir. Nur unter dem Menschengewühl, nur in der völligen Zerstreuung war ich sicher vor ihr. Keine innere Kraft schützte mich gegen sie. Das war es, was mich in der Residenz von Dir entfernte, was mich die Gesellschaft als eine Befreiung suchen liess; das war es, was mich hier bestimmte, die Zimmer zu verlassen, die mich mit dem Blicke auf den Strom an ihren Untergang erinnerten; das ist es, was mich zur Verzweiflung bringt. Ich habe sie mehr geliebt, als ich es ahnte und wusste; ich liebe Dich, Angelika, Dich, Du reines, edles Weib! mehr, als Du es ermessen kannst. Ich kann sie nicht vergessen, Dich nicht entbehren; sie habe ich in den Tod getrieben, Dein Leben habe ich vergällt! – Ich hatte immer gemeint, einen starken Geist zu haben, ich habe mich über mich selbst getäuscht. Schwach, wie ich mich fühle, möchte ich mich im Glauben erheben und sühnen und büssen; aber der Glaube versagt sich mir. Was bleibt mir übrig? Sage selbstwas bleibt mir übrig?

Angelika hörte den Ton seiner tiefen, verzweifelnden Verzagteit, sie sah in dem letzten Scheine des Dämmerlichtes, der durch die Fenster drang, die Versunkenheit, in der ihr Gatte das Haupt auf seine hände fallen liess, und Alles vergessend, ausser dem Leiden des Mannes, dem sie Treue gelobt für gute und für böse Stunden, rief sie: Dir bleibt die Barmherzigkeit Gottes, die büssende und sühnende Reue, und die Liebe! – Ja, die Liebe! wiederholte sie, und schloss ihn an ihre Brust, die Liebe, die mit Dir leiden und büssen und sühnen will, was Du verschuldet hast, um ihretwillen. Komm, richte Dich auf! Ich bin bei Dir, Franz! ich will bei Dir sein in jedem augenblicke, und mit Dir beten um Beruhigung und Frieden, und Gott wird uns helfen. Er hat mir den Weg gezeigt! Nicht umsonst ist die Mahnung Deiner Schwester an mich erklungen, nicht umsonst ist Amanda's Angedenken in meine Hand gelegt worden. Ihr Wort hat mich heute aufgerichtet, es soll uns überall gegenwärtig sein. Wir haben einander! wir haben in dem Caplan einen treuen Freund und Führer, und unser Erlöser ist ja auch für uns gestorben. In seinem Namen reiche mir aufs Neue