die Ohnmacht seiner Gattin ihm verursacht hatte, in das Bangen vor der Zukunft seiner Ehe, in das Widerstreben endlich, mit dem er in diesem Augenblicke an das Eintreffen der gräflichen Familie gedachte, mischten sich eine Scheu und ein Widerwille gegen die herrschaft, welche Angelika über ihn erlangen zu wollen schien.
Bedenke, was Du tust, sagte er nachdrücklich; bedenke, dass Verzeihen und trösten die schönsten Vorrechte des Weibes sind, und dass man Geschehenes zum Guten wenden muss, da es unmöglich ist, es ungeschehen zu machen! Hilf mir in dem Zwiespalt, der mich bedrängt, und es wird mich glücklich machen, es Dir zu danken!
Er war bewegt, als er das aussprach; in Angelika's Mienen regte sich kein Zug. Ja, Gott gebe, dass ich uns helfen kann, so Dir wie mir, sagte sie seufzend, ihre Augen mit dem Ausdrucke tiefer Traurigkeit auf ihn gerichtet, aber keine Träne milderte ihren Ernst. Das peinigte den Baron. Er versuchte, sie zum Sprechen zu bringen, ihr Erklärungen zu geben – es war umsonst, sie wollte ihn nicht hören, ehe sie sich gesammelt hatte, und er musste endlich darein willigen, von ihr zu gehen, so ungern er sie sich selber überliess. Er fürchtete Angelika, das konnte er sich nicht verbergen, und eine Frau, welche er auch nur einen Augenblick gefürchtet hat, die liebt ein Mann wie der Baron nicht mehr.
Als Angelika sich allein in ihrem Zimmer fand, rang sich ein Aufschrei der Verzweiflung und des Jammers aus ihrer Brust hervor. Sie hätte beten mögen, aber sie vermochte es nicht. Das Herz in der Brust war ihr wie gelähmt. Sie hing an dem Baron stärker, leidenschaftlicher, als es ihr gegeben war, dies äussern zu können. Sie war sein Weib geworden in der reinsten Hingebung, mit dem Gefühle des Glückes, und er hatte sie an sein Herz geschlossen, einer Anderen, Paulinen's gedenkend, die eben in jenem Augenblicke, der Heirat des baron fluchend, sich den Tod gegeben hatte!
Diese Vorstellung erdrückte die Baronin. Sie fühlte sich entwürdigt und misshandelt, ihre Ehe wurde ihr dem eigenen Gatten gegenüber zu einer Schmach. Der Baron, zu dem sie einst mit verehrendem Vertrauen emporgesehen hatte, stand als ein Schuldbeladener vor ihr, und wie ihr Herz sie auch drängte und mahnte, sich dem Vater ihres Kindes zuzuwenden, wie es sie auch zog, hülfe gegen all das Elend bei ihm selbst zu suchen, ein unüberwindliches Entsetzen hielt sie davon zurück. Wohin sie das Auge richtete, woran sie auch dachte, Paulinen's Schatten stieg überall vor ihr empor. Jetzt begriff sie es, warum der Baron die Zimmer gewechselt hatte, warum er es nicht hatte ertragen können, auf den Fluss hinab zu schauen. Bangte es doch ihr selbst am hellen Tage in ihrem eigenen Zimmer, dass sie nicht wagte, an das Fenster zu treten, aus Furcht, zu sehen, was sie nicht glaubte ertragen zu können. Das Alleinsein ängstigte sie, aber sie konnte sich nicht entschliessen, ihre Bedienung zurück zu rufen. Es wusste ja ein Jeder, was in diesem haus vorgegangen, und auf welche Weise, über wessen Leiche sie als Herrin in dasselbe eingezogen war.
Beten, beten! rief sie immerfort, indess das Gebet wollte ihrem Herzen nicht entströmen, sie vermochte ihren Geist nicht aus seiner Niedergeschlagenheit zu erheben. Sie kam sich selbst als eine schwere Sünderin vor, und doch wollte sie beten, nicht nur für sich, sondern auch für ihren Gatten und die tote. Sie fühlte, als habe sie eine ihr unerreichbare Höhe zu erklimmen, sie sehnte sich nach einer hülfreichen Hand, sie empor zu führen, ihr das Tor des himmels zu öffnen, in den sie ihre Gebete zu schicken wünschte; da fiel ihr Auge auf Amanda's Betring, den sie am Finger trug, und wie ein Labsal ertönten die Worte: "Mein Freund in der Not, der Stab, der mich hielt, da ich schwankte, die Stütze, an der ich mich erhob, das Licht, dessen Leuchten mir die lange Nacht erhellen wird!" in ihrem Herzen plötzlich wieder.
Du sollst mein Beispiel sein; Du Heilige und Reine! rief sie aus. Selbstüberwindung und Entsagung! das ist's. – Sie sank auf ihre Kniee nieder, und ein heisses Gebet um hülfe und Erlösung befreite ihr das Herz.
Sie blieb lange allein in ihrem Zimmer. Als sie dann aus demselben hervorkam, begab sie sich graden Weges zu dem Baron. Er ging ihr schweren Herzens entgegen, weil er nicht wusste, was er von ihr zu erwarten habe, und weil er Mitleid mit ihr fühlte. Auf seine Frage nach ihrem Ergehen sagte sie: Trage keine sorge um mich, es ist mir besser, als in den Tagen angstvoller Ungewissheit. Ich weiss jetzt, was mein Beruf ist, und so gewiss als ich Dich liebe, ich werde trachten, ihn nach besten Kräften zu erfüllen.
Sie reichte ihm die Hand zum Zeichen ihres Versprechens; und da sie nicht weniger gerührt war, als er selbst, schloss er sie in seine arme. Sie wehrte ihm das nicht, ja, es wollte ihn bedünken, als sei ihre Hingebung weicher und freier als seit langer Zeit. Er leitete sie zu einem Sessel und knieete an ihrer Seite nieder, sie sanft umfassend. Sie legte ihre hände auf