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sie ab, ihrem Gatten auszusprechen, dass sie ihm ein Schuldbewusstsein zuerkenne, und selbst dem Caplan wagte sie nicht zu entdecken, was sie beschäftigte und bekümmerte.

Die Nacht verging ihr ohne Ruhe, und da die Jugend vor langen, unausgesetzten Qualen zurückschreckt, fing sie am andern Morgen wieder an, die Gedanken auf die Ankunft der Ihrigen hinzuwenden. Das erschloss ihr das Herz. Sie suchte Gründe hervor, sich zu beweisen, dass sie zu schwarz gesehen habe, sie wollte selbst ihre Sorgen verscheuchen, um den Ihrigen ein heiteres Angesicht zu zeigen.

Am Mittage, als es warm und schön war, trat die Baronin aus dem grossen saal des Erdgeschosses auf die Terrasse hinaus und blieb eine Weile unter der tür stehen, sich des Anblicks zu erfreuen. Leer und weit, wie die Terrasse ohne den Schmuck der Orangenbäume sich ausnahm, hatte sie in ihrer Anlage doch etwas Grossartiges, das auch in solchem Zustande gefallen und imponiren konnte. Die Hermen mit den Köpfen der griechischen und römischen Dichter standen feierlich auf der Höhe und sahen ernstaft auf den Beschauer hin, aber rund um sie her waren die Bäume noch kahl, und der blick schweifte, durch die Freiheit in die Ferne gelockt, bald von den Steingebilden zu dem Lebendigen hinüber, das sich in der natur zu regen begann.

Während die Baronin die Treppe hinabstieg, hielt sie sich mehrmals damit auf, die Sträuche und Büsche zu beiden Seiten derselben zu betrachten, denn überall färbten die Stengel sich schon rötlich oder grün, überall waren die Knospen geschwellt, dass man meinte, gleich heute müsse der warme Sonnenstrahl sie zum Aufbrechen bringen, gleich heute müssten die Blätter sich entfalten und den ersten wunderbaren Duft des frischen Grüns durch die Lüfte strömen.

Unten an der Buchsbaum-Einfassung der sternförmig sich wie ein Teppich ausbreitenden Beete schimmerten weisse Köpfchen hervor. Die Schneeglöckchen hatten sich in der Frühe herausgemacht, und Angelika bückte sich, die halberblühten zu brechen, um sie zu schnellerem Erschliessen in ihre Zimmer mitzunehmen, und sie dann ihrem Gatten zu bringen, wie sie seit ihrer ersten Kindheit alljährlich den kleinen Strauss von Schneeglöckchen der Mutter als Liebesgabe, als erstes Zeichen des Frühlings zu bringen gewohnt gewesen war. Das bewegte ihr im Innersten das Herz, das ohnehin von all dem quellenden Werden um sie her bei dem Gedanken an das junge Leben, das sie ihrem mann nun bald selbst als Erstlingsgabe ihrer Ehe in die arme legen werde, in schnelleren Schlägen pochte. Ihre ganze Seele war ein Gebet. Sie war voll Dank gegen den Schöpfer, der ihr Lebensloos bestimmt und geleitet, voll Liebe für die Eltern, voll sorge und Zärtlichkeit für ihren Gatten und voll der seligsten Freude bei der Hoffnung auf ihr Kind.

Alles, was sie umgab, hatte jetzt dreifachen Wert für sie, Alles, was sie liebte, ward in ihrem geist neben einander nur noch enger verbunden durch das ersehnte Kind. Sie sah es schon wachsen und gedeihen und spielen auf diesen Plätzen, unter dem Schatten der Bäume, der hier Geschlecht nach Geschlecht beschirmt; es dünkte ihr unmöglich, dass der Sinn des Vaters sich nicht an seinem kind erheitern sollte. Hoffnung und Zuversicht reichten sich in ihrem Herzen die Hand, dass die Freude ihre Schritte beflügelte und sie weiter und weiter am Ufer des Flusses vorwärts ging, mit sich selbst beschäftigt und doch fortgelockt von jedem neuen Anreize, den der Frühling darbot.

Hart am wasser, wo das dichte Gebüsch den Sonnenstrahlen wehrte, lag am rand noch eine leichte Eisschicht als Zeichen, dass die Nacht noch kalt gewesen sei. Bedächtige Dohlen hüpften prüfend darüber hin, wendeten die Köpfe mit den klugen Augen vorsichtig nach allen Seiten, tranken kräftig schluckend ein wenig, und schwangen sich dann in die Höhe, um bald darauf an anderer Stelle niederzufallen und das gleiche Treiben zu wiederholen. Aber mitten in dem befreiten wasser, da, wo die Sonne es erwärmte und vergoldete, schossen schon pfeilschnell die kleinen Fische aus der Tiefe herauf, sich zu sonnen und der neuen Wärme zu geniessen, während die neuangekommenen Schwalben mit schnellem Flügelschlage sich bis tief auf die Flut herabsinken liessen und im Streifzuge über das wasser wieder die erste Jagd versuchten.

Angelika sah dem Naturleben lange sinnend zu. Mit einem Male schien es ihr, als hinge an der Wurzel einer Weide, die sich weitin in das wasser erstreckte, etwas, das sich hin und her bewegte, ohne doch von der Stelle zu kommen. Sie betrachtete es genauer, es dünkte sie ein Stück Zeug zu sein, das sich von dem wasser aufblähte, und bald kam es ihr vor, als sähe sie unter der Hülle und unter dem wasser die Formen einer menschlichen Gestalt. Sie ging erschrocken vorwärts nach der brücke, wo der Gärtner beschäftigt war, und machte ihn aufmerksam. Er blickte hin, erschrak gleichfalls, und sagte, es werde wohl irgend ein alter Lumpen sein, den man, Gott weiss wo, in das wasser geworfen und den der aufgehende Strom bis hierher mit sich geführt habe. Dabei versuchte er aber, indem er sich nach der anderen Seite wendete, die Baronin zum Mitgehen und zum Verlassen des Platzes zu bewegen; indess diese liess sich so leicht nicht bestimmen, wo sie ihrem Auge trauen zu können glaubte. Sie hiess den Gärtner, ihr zu folgen; es waren inzwischen auch ein paar der Frauen, welche die Wege für die erwartete Ankunft der Gäste reinigten und harkten, bis an das Ufer angelangt, und als die Baronin