denken, die hier an derselben Stelle einst ihre Eltern bewirtet, die hier in solcher milden Herbstessonne die letzten Tage ihres Lebens zugebracht hatte, und auch in Herbert tauchte ein altes, schönes Erinnern mit seiner stillen Wehmut auf. Fast in Allen lebte mehr oder weniger deutlich das Bewusstsein der grossen Wandlungen, welche sich in ihnen selber und während der letzten vierzig Jahre auch in der erkenntnis und in dem Gemeingefühl der ganzen Menschheit befreiend und erlösend vollzogen hatten.
Während man in gutem gespräche so beisammen sass, brachte der Diener dem neuen Besitzer von Richten die Briefe, welche von seinem Geschäftsführer ihm regelmässig nach dem Gute gesendet wurden. Paul legte sie ruhig zur Seite, da er in diesem Augenblicke sie doch nicht zu erledigen und zu beantworten vermochte; nur ein Brief schien ihm durch Form und Siegel aufzufallen, und er eröffnete ihn. Er kam aus dem Kabinette des Kronprinzen.
Eine flüchtige Röte und ein feines Lächeln flogen über das Angesicht des Lesenden. Seba und Davide blickten ihn fragend an.
Es ist eine Gnade, die man mir anzutun denkt, sagte er gelassen. Der König ist, wie es in dem Schreiben heisst, nicht abgeneigt, mich in Anerkennung meiner Verdienste um die heimische Industrie und als jetzigen Besitzer der Güter eines edlen Hauses unter Beilegung des Namens und Titels der Herren von Arten, wie der Letzte dieses Hauses und Stammes es von ihm erbeten hat, in den Adelstand zu erheben.
Die Anwesenden sahen einander an und blickten dann fragend auf den Sprechenden.
Paul hatte das Schreiben bereits wieder zur Seite gelegt. Die Sache kommt mir nicht unerwartet, sagte er. Der Staat ist klug genug, sich der Besitzenden so viel als möglich versichern und den finanziellen Schwerpunkt so viel als möglich dem Bürgertum entziehen zu wollen. Ich hatte es für sehr wahrscheinlich gehalten, dass man mir dieses Anerbieten machen würde.
Und Du hast es nicht gehindert? fragte Steinert, dessen fester, aber eben desshalb zum Argwohn geneigter Bürgersinn sich nicht gleich in die Handlungsweise des Freundes zu finden wusste.
Wie sollte ich ablehnen, was man mir noch nicht angeboten hatte? entgegnete Paul. Aber sei unbesorgt, alter Freund, ich gehöre weder zu denen, die Gnaden zu erbitten, noch zu denen, die unerbetene Gnade anzunehmen gewohnt sind! – Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er: Der verstorbene Freiherr Renatus hat es auf seine Weise wohlgemeint und er hat als ein wahrer Repräsentant seiner Kaste nur an sich und seine Ehre, an sich und seinen Stamm und an die Erhaltung seines Namens gedacht, nicht an mich, an meine Ehre und an meinen Stamm. Er konnte es sich von seinem Standpunkte aus nicht denken, dass ich keines andern Namens begehren kann, als dessen, welchen ich selber mir erschaffen habe, und dass derjenige, der mich aus meinem stand in einen andern nicht nur versetzen, sondern sogar erheben zu können glaubt, mich und meine ganze Vergangenheit beleidigt; denn er erniedrigt in mir nicht nur mich selbst, sondern alle Diejenigen, welche mit mir bisher als mit Ihresgleichen in achtendem Vertrauen verbunden gewesen sind. Und ich lebe der sichern Hoffnung: von uns Allen, die wir heute hier in meinem haus beisammen sind, soll keiner je danach verlangen, etwas Anderes zu sein, als ein unbescholtener, unabhängiger Mann, ein nützlicher Bürger seines Vaterlandes! Darauf lasst uns anstossen, dass ein starker, freier Bürgersinn auch unter unsern Kindern und Kindeskindern mächtig sein und dass er die Freiheit, deren wir nach allen Seiten noch bedürfen, heraufführen helfen möge über unser Volk und über die ganze Welt!
Er hob sein Glas, sie drängten sich Alle um ihn; seine Brust atmete frei und stolz.
Am Abende, da alle seine Gäste unter seinem dach bereits die Ruhe gesucht hatten, trat er mit Daviden noch einmal aus seinem Zimmer auf die Terrasse hinaus. Er hatte seinen Arm um seines Weibes schlanken Leib gelegt, und in stillem Frieden wandelten sie langsam und schweigend hin und wieder.
Der Mond war inzwischen emporgestiegen, die Nacht war sehr warm, der volle Duft der Levkojen und des Reseda erfüllte die ganze Luft. Fortgezogen von der Schönheit der Nacht, stiegen die Beiden von der Terrasse hinunter und gingen dem Flusse zu, über dessen wasser die Mondstrahlen eine goldene brücke bauten.
Jenseit des Wassers blieben die beiden Eheleute stehen. Das Schloss lag vor ihnen, der Mond erhellte es in seiner ganzen Stattlichkeit.
Sieh, sagte Paul, hier habe ich gestanden, hier an dieser Stelle, mit meiner armen Mutter an dem Tage, ehe sie sich das Leben nahm. Aber es war ein rauher, kalter Abend, der Nebel stieg von dem wasser empor, die welken Blätter flogen in der Luft empor. Ich wunderte mich damals über die vielen Schornsteine des Schlosses und über die vielen Fenster, denn ein so grosses Gebäude hatte ich nie zuvor gesehen, und weil die untergehende Sonne sich in den Fenstern spiegelte, fragte ich die Mutter, wer darin wohne. – Er hielt inne, dann sagte er sehr bewegt: Du kommst nicht hinein, sprach sie zu mir; hinter den blanken Fenstern, in denen die Sonne sich spiegelt, werden glückliche Kinder wohnen ...!
Er konnte nicht weiter sprechen, trotz seiner Kraft überwältigte ihn diese Erinnerung doch. Davide umschlang ihn, in Verehrung, in Glück und Liebe zu ihm emporsehend.
O, mögen sie immer, immer glücklich sein, die geliebten Kinder, denen Du dieses Haus bereitet hast!