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selbst diese geringe Freiheit ist Naturnotwendigkeit. Alles für ihn und Alles für uns ist vorbestimmtes Müssen. Wir geniessen und erleiden, was uns zuerkannt ist, wir können dem uns zugewiesenen Loose nicht entgehen, gleichviel, ob wir's aus den Händen eines blinden Schicksals oder einer göttlichen Allweisheit zugeteilt erhalten.

Vittoria achtete auf solche Auseinandersetzungen in der Regel wenig, sie war dazu, wie sie es zu nennen pflegte, sich nicht wichtig genug. Cäcilie aber meinte es sich erklären zu können, wie ihr Gatte eben heute zu solchen Betrachtungen gedrängt werde, und sie bemerkte zu ihrem Troste, dass ihn dieselben sichtbar beruhigten. Er verlangte, als man sich schon trennen wollte, die beiden Frauen noch singen zu hören, und da Vittoria, von der Musik erschüttert und an Valerio erinnert, plötzlich zu weinen begann, schloss Renatus sie in seine arme und sprach ihr liebreich und tröstend Mut ein.

Du bist auch ein armer, aus seiner Heimaterde unfreiwillig herausgenommener Baum, sagte er, und Du hast eben desshalb des Erleidens auch Dein teil gehabt. Lass uns hoffen, dass es dem jungen Stamme, den wir jetzt Luft und Erde nach seinem Belieben suchen lassen, besser gehen werde, wenn es uns im Augenblicke auch schwer gefallen ist, ihm seinen Willen zu vergönnen.

Er schlief in der Nacht nicht viel und erhob sich zeitig. Er hatte Cäcilien gesagt, dass er in der Frühe ein wichtiges Geschäft zu ordnen habe, und da sie wusste, wie drückend solche Angelegenheiten in der Regel für ihn waren, fiel es ihr nicht auf, dass er bei ihrem gemeinsamen Frühstücke weniger als sonst genoss. Als er sich dann angekleidet hatte und sich entfernen wollte, sah Cäcilie, dass er in voller Uniform war. Der Gedanke, dass Renatus eben jetzt zu seinem Chef gehe, um ihm die üble Lage, in der er sich befinde, zu entdecken und mit ihm Rat zu halten über die Schritte, die er tun solle, ein öffentliches aufsehen möglichst zu vermeiden, fuhr ihr erschreckend durch den Sinn. Sie wollte ihn fragen, aber sie fürchtete, ihm dadurch nur noch eine neue Pein aufzulegen, und von Liebe und Mitleid überwältigt, schlang sie ihre arme um seinen Nacken und küsste ihn. Er drückte sie mit tiefer Inbrunst an sich, sie gaben sich die zärtlichsten Namen, Cäcilie musste weinen.

Wir lieben einander doch! rief sie endlich, als wolle sie ihm den Trost vorhalten, der ihnen schon über manchen Kummer fortgeholfen hatte.

Ja, und ich liebe Dich sehr, denke daran und vergiss das nicht! gab Renatus ihr zurück. Auch ihm war das Auge feucht geworden, aber er riss sich los und ging die Treppe festen Schrittes hinunter.

Cäcilie trat an das Fenster und sah, wie er in den Wagen stieg. Er blickte noch einmal aus dem Schlage zu ihr hinauf und grüsste mit der Hand. So schieden sie.

Dreizehntes Capitel

Am Mittage durchlief das Gerücht die Stadt, dass der Major Freiherr von Arten im Duell erschossen sei.

Man erzählte es Paul, als er eben in die Börse eintrat, denn man wusste, dass er mit dem Freiherrn in mannigfachem Verkehr gestanden habe. Trotz seiner gewohnten Festigkeit bemerkte man, dass ihn die Nachricht sehr erschrecke. Er suchte sich so schnell als möglich frei zu machen, gab seinem Disponenten die nötigen Anweisungen für die heute zu ordnenden Geschäfte und fuhr augenblicklich nach dem Artenschen haus.

Alles war dort in der völligsten Zerstörung. Vittoria lag in heftigen Krämpfen, Cäcilie rang an der Leiche ihres Gatten, die man vor einer Stunde in seinem Wagen nach haus gebracht hatte, verzweiflungsvoll die hände, ihre Mutter und ihre Schwester waren bei ihr. Die Gräfin Berka war die einzige, die ihrer selber Herr war und grosse Fassung zeigte.

Sie war es auch gewesen, die in dem Zimmer des verstorbenen Freiherrn einen von ihm an seine Gattin zurückgelassenen Brief aufgefunden hatte. Ein paar andere Briefe hatten daneben gelegen, einer davon war an Paul gerichtet, und Hildegard, welche die Leitung aller Angelegenheiten übernommen zu haben schien, händigte ihm denselben aus. Er lautete:

"Wenn Sie diesen Brief empfangen, bin ich nicht mehr am Leben, und es sind die Wünsche eines Hingegangenen, die er Ihnen überbringt. Möge Ihr grosser Sinn sie Ihnen heilig machen.

Die Vorsehung, die uns aus Einem Stamme erstehen liess und unsere Lebenswege dennoch trennte, hat uns in den letzten Jahren in ihrer Weisheit einander angenähert, als wolle sie mir den Pfad zeigen, auf dem ich zu gehen, und die Weise angeben, in welcher ich das Erlöschen unseres alten Stammes in dem Augenblicke zu verhindern habe, in welchem der Letzte Derer, die bis jetzt den Namen unseres Hauses mit Recht besessen, von der Erde scheidet.

Das Blut der Freiherren von Arten fliesst in Ihren Adern; meines hingegangenen Vaters Ebenbild, die Züge unserer Ahnen leben in Ihnen, und selbstich habe, da der Himmel mir keine Kinder gegeben hat, dies stets mit schmerzlicher Rührung wahrgenommenin Ihren Söhnen leben sie noch fort. Wie mein Vater in dem Sinne und nach dem Ehrengebote unseres Standes und unseres Hauses handelte, als er es sich versagte, Sie öffentlich als seinen Sohn anzuerkennen, so handle ich, ich bin dess sicher, in seinem geist und in dem geist unseres Hauses, wenn ich danach trachte, den edlen, alten Namen der Freiherren von Arten-Richten nicht untergehen zu lassen.

Meine Vermögensverhältnisse, die Sie