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Worten zum Erstaunen der Nächststehenden sichtbar entfärbte, aber, schnell wieder gefasst, sich eilig zu dem Grafen in das Nebenzimmer begab.

Es entstand eine kleine Bewegung, man sah sich nach den beteiligten Personen um; indess es waren alles Leute von Welt, die Formen der guten Gesellschaft zogen sich über der augenblicklichen Störung, deren Ursache Niemand mit heftiger Neugier auf die Spur zu kommen suchte, schnell wieder zusammen, und da der Abend schon vorgerückt war und man im Berka'schen haus um des Grafen willen nie spät zusammen blieb, fiel es nicht auf, dass Graf Aurel und der Marquis sich bald empfahlen und auch Renatus seine Gattin zum Aufbruche anmahnte.

Früh am anderen Morgen, als Renatus noch mit Cäcilie beim Frühstücke war, meldete man ihm den Besuch eines seiner Kameraden. Cäcilie wunderte sich über den frühen Besuch, indess er flösste ihr keinen Argwohn, keine Besorgniss ein, und auch der Name des Gemeldeten fiel ihr durchaus nicht auf. Es war ein Vetter des Grafen Aurel, der mit Renatus in demselben Regimente diente und mit dem der Freiherr immer auf gutem fuss, in einem angenehmen kameradschaftlichen Verhältnisse gestanden hatte.

Der Besuch währte für die frühe Stunde ungewöhnlich lange, so dass Cäcilie, als Renatus endlich zu ihr wieder zurückkam, sich erkundigte, was der Rittmeister ihm gebracht habe. Er sagte, sie solle nicht neugierig sein, und klagte sich an, dass er sie verwöhnt habe; da er das alles aber freundlich, ja, scherzend aussprach, gab sie sich auch bald zufrieden, und es war davon die Rede nicht mehr.

Der Tag verging unter Besorgungen aller Art äusserlich in gewohnter Weise. Am Vormittage erhielt Renatus einen Brief von Paul, in welchem dieser ihm anzeigte, dass er und die Gräfin Haughton für Valerio die nötigen Schreiben besorgt hätten und dass er den jungen Mann, da in drei Tagen das nächste Packetboot nach London abgehe, angewiesen habe, sich für die heutige Abendpost zur Reise nach Hamburg einschreiben zu lassen. In einem Billet von Valerio, das beigefügt war, ersuchte dieser den Freiherrn, ihm persönlich Lebewohl sagen zu dürfen, und Renatus war jetzt dazu geneigt, dem Verlangen zu willfahren.

Valerio war, da er am Nachmittage zu dem Freiherrn kam, weich und sehr bewegt. Nicht als ob er in sich unsicher oder in seinem Vorhaben und in seinen Hoffnungen schwankend geworden wäre, nur der Abschied von den Seinen schien ihm schwerer zu fallen, als man es erwartet hatte.

Er hatte, wie er es gleich nach der Stunde ihres Zusammenstosses getan, den Freiherrn als einen Fremden mit seinem Titel anreden wollen; aber da er nun vor Renatus hintrat, fiel es ihm auf, dass dieser bleicher und sehr ermüdet aussah, und weil der Jüngling meinte, es sei der Kummer über ihn, der den Freiherrn also verwandelt habe, warf er sich demselben mit Leidenschaftlichkeit an die Brust.

Ich lerne es nicht, ich lerne es nicht, Dich als einen Fremden anzusehen! rief er mit überströmender Empfindunghabe ich Dir doch mehr, weit mehr zu danken, als wenn Du mein Bruder wärest, und ich habe Dir es schlecht gelohnt!

Renatus drückte ihn an sein Herz und redete ihm ernstaft zu. Valerio wollte, dass er ihm ganz ausdrükklich seine Verzeihung aussprechen solle, und der Freiherr tat es. Er zeigte sich ebenfalls erschüttert, schloss Valerio's Haupt in seine hände und küsste ihn, da sie schieden, als ob er segnend einen Sohn entliesse. Cäcilie weinte, indess es wurde ihr doch leichter, da sie sich jetzt sagen konnte, ihre grosse Bangigkeit und die Schwermut ihres Mannes, die ihr im Lauf des Tages aufgefallen war, würden durch die Trennung von Valerio herbeigeführt.

Sie verliess den Gatten so wenig als sie konnte, und er schien es gern zu sehen, dass sie blieb, selbst als er am Abende lange Zeit schreibend an seinem Arbeitstische sass. Ein paar Mal meinte sie ihn seufzen zu hören, und sie wollte ihn fragen, was ihn drücke, aber sie unterliess es, weil sie wusste, dass er dies nicht liebe, dass er eben jetzt, am Ende des Jahres, der unerfreulichen Geschäfte die Menge habe.

Abends, als sie den Tee einnahmen, zu dem Vittoria sich eingestellt hatte, war Renatus ruhiger, als in den ganzen letzten Wochen. Er schien die Andern und sich selber zerstreuen zu wollen und machte die Unterhaltung fast ganz allein. Er kam mehrmals auf seinen Vater, auf seine verstorbene Mutter, auf die Zeit zu sprechen, in welcher er noch ein Knabe gewesen und Vittoria in sein Vaterhaus gekommen war. Dann erging er sich in Betrachtungen über das, was man in dem Leben des Menschen die höhere Fügung nenne, und über die geheimnissvolle Grenze zwischen dem sogenannten freien Wollen und dem unabweislichen Müssen. Es war das schon ein Lieblingstema seines Vaters gewesen, und Renatus hatte, wenn er sich dem Nachdenken und Sprechen über dasselbe hingab, es stets geliebt, den Menschen mit einem Baume zu vergleichen. Auch jetzt kam er bald wieder auf dieses ihm genehme Bild zurück.

Wie kann von einem freien Willen die Rede sein, sagte er, wo wir, wie der Baum, unser eigentliches Wesen und Gepräge als ein angestammtes in uns tragen und Boden und Luft, die wir auch nicht frei erwählen, unsere Entwicklung bedingen? Der Baum mag seine Blätter im Winde spielen lassen und seine Aeste nach der Sonne wenden; das ist seine ganze Freiheit, und