gewusst, dass und wie dies eben jetzt geschehen müsse; aber nie zuvor war er von diesem Eindrucke so betroffen worden, wie von dem Gegenbilde, welches Valerio's Vorhaben ihm zu seinen eigenen Jugenderlebnissen jetzt vor Augen stellte.
Ihm, dem unbezweifelten Erben seines Blutes, dem Sohne seiner Liebe, hatte der Freiherr Franz einst den Namen derer von Arten aus Standesrücksichten versagt, während er mit eben diesem Namen, aus denselben Standesrücksichten den im Ehebruche von Vittoria erzeugten Knaben zu bedecken sich verpflichtet gehalten hatte. Und vor Paul, der einst entflohen war, weil sein Vater ihm die Anerkennung und seinen Namen geweigert hatte, stand jetzt eben jener dem Freiherrn untergeschobene und von ihm doch anerkannte Sohn, entschlossen, den Namen Arten von sich abzuwerfen, um in Freiheit der ihm angeborenen Begabung zu entsprechen. Schnell wie diese Gedanken in Tremann sich erzeugten und an einander reihten, entstand durch sie doch eine Unterbrechung in dem Zwiegespräche; und mit unruhiger Spannung blickte Valerio zu dem älteren mann hinüber, bis dieser die Frage an ihn richtete, welchen Beistand und welche hülfe er von ihm begehre.
Ich habe davon sprechen hören, dass Sie Mitbesitzer der Schiffe sind, die zwischen Hamburg und England den Personenverkehr besorgen, sagte der Jüngere. Meine Mittel sind beschränkt ... Er hielt inne, und eine heisse Röte überflog sein schönes Antlitz; er war des Bittens, er war es noch nicht gewohnt, hülfe begehren zu müssen. – Ich möchte nach London gehen, den Unterricht des dort lebenden grössten Sängers zu geniessen. Verschaffen Sie mir eine freie Ueberfahrt, und – in Ihrem haus lebt die Gräfin Haughton; sie hat sicherlich Verbindungen in England. Ich möchte, bis ich zur Bühne gehen kann, Unterricht zu erteilen versuchen, portraitiren. Ich treffe gut!
Seine Festigkeit drohte ihn zu verlassen, und er wartete mit sichtbarer Unruhe auf die Antwort Tremann's, als dieser statt derselben die Frage an ihn richtete, ob der Major von Arten von diesen Absichten und von dem Besuche, welchen Valerio ihm jetzt eben mache, unterrichtet sei. Der Jüngling verneinte dies.
So erlauben Sie, versetzte Paul, dass ich mich erst mit dem Herrn Major verständige, ehe ich Ihnen sage, ob ich etwas und was ich für Sie tun kann.
Valerio erhob sich. Sie weisen mich zurück! meinte er, und man konnte ihm den gekränkten Stolz und die schmerzliche Enttäuschung in jeder Miene ansehen.
Nein, entgegnete ihm Paul, aber Sie sind unmündig. Ich muss erst wissen, wie Ihr Vormund über Ihre Plane denkt.
Valerio blieb zögernd stehen; er schien etwas sagen zu wollen und den Mut dazu nicht zu finden. Endlich stiess er rasch die Worte hervor: Entflohen Sie denn mit erlaubnis?
Paul blickte den Jüngling ruhig an und sagte mit seinem schönen, ruhigen Ernste: Nein; aber ich hatte Niemandem von meinem Vorhaben gesprochen und von Niemandem hülfe dabei begehrt! Ich verliess mich auf mich selbst!
Valerio schlug beschämt die Augen nieder. Paul hatte indess durchaus nicht beabsichtigt, ihn zurückzuscheuchen, und stets zum Begütigen geneigt, fügte er sofort hinzu: Ich war ein Kind, das man zur Verzweiflung getrieben hatte. Ich wusste, ich übersah nicht, was ich tat, denn ich kannte vom Leben und von der Welt weit weniger, als Sie, und ich tadle es durchaus nicht, dass Sie Sich an mich wandten, im Gegenteile! – Er sann einen Augenblick nach, blickte auf einen Kalender, der zur Seite seines Schreibtisches hing, und sagte dann: Kommen Sie morgen um die gleiche Stunde wieder zu mir, und Ihre Hand darauf, junger Mann, jetzt, da Sie mit mir über Ihre Zukunft Rücksprache genommen haben, treffen Sie keine Entscheidung über Sich, ohne dass ich davon weiss!
Er hielt ihm die Hand hin; Valerio schlug mit neu belebter Hoffnung herzhaft in die dargebotene Rechte. Dann hiess Paul ihn gehen, und kaum hatte der Jüngling ihn verlassen, so setzte Jener sich nieder, an Renatus zu schreiben.
Zwölftes Capitel
Der Verkehr und der Zusammenhang zwischen den Familien von Paul und von Renatus, die nach Eleonorens Genesung Anfangs eine Art von Lebhaftigkeit gewonnen hatten, waren allmählich wieder geringer geworden und hatten sich in den letzten beiden Jahren auf jene Einladungen zu grossen Festlichkeiten beschränkt, mit denen man sich gleichgültigen Herzens und oft widerwillig genug gegen die grosse Anzahl derjenigen sogenannten guten Freunde abzufinden sucht, die zu sehen oder gar zu sprechen man kein sonderliches Verlangen trägt und die man doch nicht durch gesellschaftliche Vernachlässigung zu Feinden werden lassen mag. Wenn man einander traf, ergingen Vittoria und Cäcilie sich immer in Erklärungen und Betrachtungen darüber, wie es habe geschehen können, dass man einander so lange nicht gesehen, und Seba's und Daviden's Arglosigkeit war stets bereit, die Gründe gelten zu lassen, welche von Jenen vorgebracht wurden. Paul aber, der, ohne von natur zum Misstrauen geneigt zu sein, die Menschen besser als die Frauen kannte, sah und beurteilte die Gründe, aus welchen Renatus sich von ihm zurückhielt, in einer anderen Weise.
Er kannte die Einkünfte des Freiherrn so genau, als dieser selbst, und Renatus wusste, dass Paul ein guter Rechner sei. Es konnte also dem Freiherrn, der sich für verpflichtet erachtete, einen Aufwand zu machen, welcher bei Weitem über seine Mittel ging, in keinem Falle erwünscht sein, einen Beobachter neben sich zu haben, der nach seinen grundsätzen eine solche Handlungsweise entschieden tadeln