des Herrn Majors von Arten zu sehen; trotzdem aber habe ich eine Bitte an Sie zu richten.
Es fiel Paul auf, dass Valerio von seinem Bruder in so gezwungener Weise redete, und es lag überhaupt etwas ihn Befremdendes in der ganzen Haltung des Jünglings. Er nötigte ihn also, sich zu setzen und ihm zu sagen, was er wünsche.
Ich würde es nicht wagen, Sie mit meinen Angelegenheiten zu behelligen, hob Valerio fest und ohne alle Verlegenheit an, wären Sie nicht ein paar Jahre lang mein Vormund gewesen und hätte ich nicht von meiner Mutter es einmal zufällig erfahren, dass Sie auch in Ihrer Jugend aus Verhältnissen entflohen sind, die Ihnen unerträglich geworden waren. Ich befinde mich in der gleichen Lage ...
Durchaus nicht! fiel ihm Paul in die Rede, und da Valerio vor diesem Worte inne hielt, sagte Jener: Sie haben eine Mutter am Leben, sind unter dem Schutze eines älteren Bruders in eine gewiesene Laufbahn getreten, in welcher Ihr Name Ihnen von Nutzen ist: das sind Vorzüge, deren ich mich nicht erfreute. Wenn Sie dieselben augenblicklich etwa nicht hoch anschlagen sollten, werden Sie bei der Laufbahn, die Sie erwählten, wahrscheinlich später anders darüber denken!
Erlauben Sie mir, Ihnen eine Bemerkung zu machen, sagte der junge Mann. Ich habe die militärische Laufbahn nicht erwählt, ich bin zu ihr durch meine Mittellosigkeit gezwungen worden. Meine ganze Seele war von meiner frühesten Kindheit an nur auf Ein Ziel, auf die Kunst gestellt. Als Knabe wollte ich Maler werden, weil ich ein Höheres nicht kannte.
Und was hinderte Sie daran? fragte Paul.
O, rief Valerio, ich war ja ein Herr von Arten! Ein Edelmann, ein Herr von Arten kann kein Maler werden; er kann malen, sagte mir der Major, wenn er Zeit und Lust dazu hat, so viel er mag. Ein Herr von Arten kann nicht von seiner hände Arbeit leben, kann nicht um Geld für Kreti und Pleti Bilder malen. Ein Edelmann lebt für sich auf seinen Gütern, von seinen Renten oder in seines Königs Dienst.
über Paul's Antlitz flog ein leises Lächeln; es entging der feinen Beobachtung des Jünglings nicht, und durch dasselbe noch ermutigt, sagte er: Das Testament des Freiherrn Franz, das mich und meine Mutter ganz von dem guten Willen seines Sohnes abhängig macht, hat Sie wahrscheinlich, als Sie es kennen lernten, über Verhältnisse aufgeklärt, die mich, seit ich darüber nachzudenken vermochte, viel beschäftigten, und – er stockte ein wenig, setzte jedoch mit Selbstbeherrschung hinzu: die ich seit gestern verstehen gelernt habe. Vor sechs Jahren indessen, als wir Richten verliessen, war ich ein Knabe und hatte zu gehorchen. So wurde ich für den Soldatenstand bestimmt. –
Aber, fiel ihm Paul, der die Unterredung nicht über die Gebühr verlängert zu sehen wünschte, in die Rede, Sie sind nicht in Uniform! Was bedeutet das?
Ich bin aus dem Kadettenhause ausgestossen, antwortete Valerio, ohne eine Miene zu verziehen, und ich bin überhaupt ein Ausgestossener! Ich führe den Namen der Freiherren von Arten jetzt nicht mehr!
Sie führen den Namen Ihres Vaters nicht mehr? Was wollen Sie damit sagen? fragte Paul, dem die Festigkeit des Jünglings Wohlgefallen an ihm einzuflössen anfing.
Valerio zog einen Brief hervor und reichte ihn Tremann hin. Er war von Renatus an Valerio geschrieben. Der Freiherr hielt dem jungen mann in strengen, trockenen Worten noch einmal den Fehltritt vor, dessen derselbe sich schuldig gemacht hatte, erwähnte des Streites, der gestern zwischen ihnen vorgefallen war, sprach von der Unmöglichkeit, dass er Valerio, wie dieser und seine Mutter es forderten, seine Einwilligung zu einer Künstler-Laufbahn auf der Bühne geben könne, so lange er den Namen eines Herrn von Arten trage, und wies ihn an, reiflich zu überlegen, was er jetzt anzufangen denke, da der Freiherr sich weder in der Lage, noch veranlasst fände, ihn lange und kostspielige Versuche mit seiner Berufswahl anstellen zu lassen.
Paul fragte, wesshalb der Freiherr ihm dies geschrieben und nicht gesagt habe.
Valerio entgegnete, er habe des Freiherrn Haus mit Bewilligung seiner Mutter gleich gestern verlassen, um es nicht wieder zu betreten.
Und was beabsichtigen Sie jetzt zunächst? erkundigte sich Paul, der nun einsah, dass die Sache ernster war, als sie ihm zuerst erschienen.
Ich will einen Namen nicht mehr führen, sprach Valerio mit einem Selbstgefühle, das seine ohnehin edle Gestalt noch höher adelte, den man mich nur aus Gnade bisher hat tragen lassen. Ich habe dem Major geschrieben, dass ich entschlossen sei, fortan auf den Namen seines Vaters zu verzichten und mir meinen Weg zu suchen, wo er für mich zu finden ist. Mit meiner stimme, mit meiner musikalischen Begabung und mit meiner Begeisterung für die Kunst kann es mir nicht fehlen, mir als Sänger eine unendlich glänzendere und unabhängigere Zukunft zu bereiten, als sie mir im Heere und im Dienste werden könnte. Mein eigenes Bewusstsein und meines bisherigen Lehrers und Freundes Emilio Ausspruch sind mir dessen Bürge.
Der junge Mann brach ab, als schäme er sich dieses eigenen Lobes. Paul schwieg ebenfalls.
Wie jedem auf sein eigenes Leben achtsamen Menschen, war es Paul bisweilen wohl begegnet, dass er in irgend einem bestimmten Augenblicke bei irgend einem ganz plötzlich eintretenden, unvorherzusehenden Ereignisse die Empfindung gehegt hatte, als habe er das schon einmal erlebt oder als habe er