singen zu lassen ...
Sie war bei aller Milde und bei allem Mitleid dennoch auf dem besten Wege, es der Tochter und dem Schwiegersohne zu beweisen, dass ihnen nur geschehe, was sie verdienten und verschuldet hätten, und weil Cäcilie fürchtete, ihr Gatte könne darauf in seinem Unmute eine die Gräfin verletzende Entgegnung machen, bemerkte sie, natürlich trage Vittoria's grosse Schwäche an dem ganzen Unheil Schuld, und die Mutter sei es auch, die ihnen gestern die meisten Schwierigkeiten in den Weg gelegt hätte.
Ihre Eigenwilligkeit, ihre Launen werden wirklich immer störender für uns, unser bester Wille, meine grösste Nachgiebigkeit vermögen ihr nicht genug zu tun, und, Cäcilie konnte ihr Empfinden nicht mehr beherrschen, und Herr muss Renatus in seinem haus zuletzt doch bleiben! fuhr sie unwillkürlich auf.
Dem Freiherrn kam die plötzliche Aufwallung seiner Frau nicht ungelegen, denn sie gab ihm Anlass, mit der Tatsache herauszurücken, die man der Gräfin vor allen Dingen mitzuteilen hatte. Ruhig, ruhig, mein Kind, sagte er, Du weisst, dass Du von Vittoria's Grillen nicht lange mehr zu leiden haben wirst.
Die Gräfin sah ihn, sah die Tochter fragend an. Renatus bemerkte das. Ich muss eine Aenderung machen, sagte er. Cäcilie kommt wirklich neben Vittoria nicht zur Ruhe. Ich habe daher meiner Stiefmutter gestern den Vorschlag gemacht, sich selbständig einzurichten. Sobald sie eine ihr zusagende wohnung gefunden haben wird, verlässt sie unser Haus.
Gottlob! rief die Gräfin, die in der Tat sich dieses Entschlusses um der Tochter willen freute; aber Renatus hörte darin nur einen Vorwurf, den ihm die Mutter machte, und, wie alle schwachen und eben desshalb eitlen Menschen, stets geneigt, von einer zu der anderen Meinung überzugehen, wenn sie ihr eigenes Ansehen oder ihre eigene Einsicht dadurch aufrecht erhalten zu müssen glauben, erklärte er plötzlich, dass die Trennung von seiner Stiefmutter natürlich nicht heute und nicht morgen vor sich gehen könne und werde. Er sagte, dass er Vittoria, wie sich das von selbst verstehe, nicht drängen, dass er ihr Zeit lassen wolle, Alles nach ihrem Belieben einzurichten, und dass leicht möglich, da eben jetzt, inmitten des Vierteljahres, die Zahl der freistehenden Wohnungen eine beschränkte sei, der Winter darüber verstreichen könne.
Die Gräfin nahm das auf, wie es ihr von ihrem Schwiegersohne dargestellt wurde; sie überlegte jedoch innerlich, dass Renatus vielleicht eben jetzt die Ausgaben für einen solchen Umzug und für Vittoria's besondere Einrichtung zu machen scheue, da die bürgerliche Ausstattung und die Reise Valerio's schon Kosten verursachen mussten, und nach Mitteilungen und fragen, von deren Oberflächlichkeit und innerer Unwahrheit beide Teile überzeugt waren, fuhr die Gräfin wieder fort, ohne sich die völlige Zerstörteit in dem Wesen ihres Schwiegersohnes recht erklären zu können.
Der Vorfall mit Valerio war freilich arg genug; aber je mehr die Gräfin darüber nachsann, um so weniger hiess sie es gut, wenn durch dieses Ereigniss ein öffentlicher Bruch in dem Arten'schen Familienleben herbeigeführt werden sollte. Es war nach ihrer Meinung eine Sache, die man möglichst im Stillen abtun, um derentwillen man nicht an die grosse Glocke schlagen musste. Zu haus wieder angekommen, beklagte sie es, dass Renatus und Cäcilie, trotz mancher gar vortrefflichen Eigenschaften, so wenig Takt besässen, und sie bedauerte es, dass man nicht wagen dürfe, ihnen einen unumwundenen Rat zu erteilen, weil man leider nicht mehr wissen könne, in wie weit sie ihm nachzukommen im stand wären.
Hildegard bemerkte darauf, sie danke Gott täglich dafür, dass er ihr so schöne, so einfache Lebensverhältnisse zubereitet habe und dass sie hier in ihrem haus mit ihrem Gatten und mit der Mutter ein so klares, ruhiges Dasein hätten.
Eben darum, bat die Gräfin, müsse man nachsichtig gegen die arme Cäcilie sein. Man müsse die hände liebevoll über sie breiten, denn sie trage an ihrem Leben schrecklich schwer.
Der Graf meinte, wem nicht zu raten sei, dem sei auch nicht zu helfen. Renatus habe ihm nicht folgen wollen, als er ihn vor Jahren darauf hingewiesen, dass er wohl daran tun würde, sich von der sorge für Vittoria und Valerio möglichst zu befreien. Nun trage er die Folgen seines falschen Handelns, und es sei keine von seines Neffen kleinsten Torheiten, den völlig mittellosen Sohn Vittoria's jetzt auf eine landwirtschaftliche Akademie zu senden. Es ist geradezu unbegreiflich, rief der Graf, denn ich möchte wissen, wessen Güter Valerio einst verwalten soll!
Während man aber noch in dieser Weise mit den Vorgängen in der Arten'schen Familie beschäftigt war, liess sich durch einen seiner Comptoir-Beamten bei Tremann ein junger Mann melden, der ihn zu sprechen wünsche, und gleichzeitig mit dem Diener, welcher die Lampe auf den Schreibtisch seines Herrn niedersetzte, trat Valerio bei ihm ein.
Paul hatte ihn nur einmal an einem Gesellschaftsabend im Arten'schen haus gesehen, als der Jüngling mit seiner Mutter und mit Emilio unter grossem Beifalle verschiedene Terzette gesungen hatte. Das war aber über andertalb Jahr her, Valerio war in der Zeit völlig herangewachsen, der frühe Bart der Südländer kräuselte sich bereits voll auf seiner Oberlippe, und die bürgerliche Kleidung veränderte ihn noch mehr, so dass Paul ihn mit der Bemerkung empfing, dass er ihn kaum wiedererkenne.
Das darf mich nicht wundern, entgegnete der junge Mann, denn ich habe ja nur einmal die Ehre gehabt, Sie im haus