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zum Dienen bin ich nicht geschaffen! Wäre es mir nicht gelungen, mich durch jene Zeichnung von diesem Rockeer riss die Uniform vom leib und trat sie in wild aufwallender Heftigkeit unter die Füssevon diesem Rocke und von der Sklaverei, zu der er mich verdammte, zu befreien, so hätte ich mir durch die Flucht geholfen; denn mich des Namens zu entäussern, der mir nichts wert ist in der Laufbahn, die ich einzuschlagen denke, war ich ohnehin entschlossen! – Ich begehre Ihres Namens nicht!

Renatus trat in rascher Bewegung auf ihn zu, seine

Hand erhob sich – – aber wie im Entsetzen über sich selber blieb er mitten im Zimmer stehen. Geh! sagte er so tonlos, dass er seine eigene stimme nicht erkannte.

Valerio hörte es nicht mehr. Er hatte das Gemach

bereits verlassen, seine Uniform blieb auf dem Boden liegen.

Eilftes Capitel

Als die Gräfin Berka fast um dieselbe Stunde bei der Schwester vorfuhr, wurde ihr Besuch nicht angenommen, und Hildegard erzählte dies ihrem Gatten und der Mutter mit dem Zusatze, dass sowohl Cäcilie als Vittoria zu haus gewesen wären, denn in ihren beiden Zimmern habe sie Licht gesehen.

Ich habe das Meine getan, ihnen meine schwesterliche Teilnahme zu beweisen, sagte sie; man muss jetzt abwarten, bis sie kommen.

Indess der nächste Morgen brachte nur ein paar Zeilen von Cäcilie, in denen sie der Schwester ihr lebhaftes Bedauern aussprach, dass es ihr gestern unmöglich gewesen sei, sie zu empfangen. Eine unangenehme Angelegenheit, die ihr und ihrem mann allerdings nicht unerwartet gekommen sei, habe sie hingenommen und gebe ihnen eben in diesen nächsten Tagen mancherlei zu bedenken und zu ordnen. Sei das geschehen, so würden Hildegard und die Mutter die ersten sein, zu denen sie eile, um ihnen Nachricht von der neuen Einrichtung zu geben, die sie und Renatus für sich zu machen beschlossen hätten.

Die Schwestern waren schon seit lange auf den Fuss jener ganz äusserlichen Rücksicht und Höflichkeit gekommen, hinter denen die völlige Entfremdung sich verbirgt. Hildegard lächelte, als sie dem Grafen das Billet der Schwester hinhielt. Die Mutter aber hatte Mitleid mit Cäcilien. Sie fuhr am Nachmittage zu ihr.

An dem Zimmer Vittoria's vorübergehend, bemerkte sie, wie man in demselben einen Koffer packte, und sie war kaum bei ihrer Tochter eingetreten, als sich Renatus zu ihnen gesellte.

Obschon er sich auf Cäcilie unbedingt verlassen konnte, sah er es doch seit lange nicht mehr gern, wenn sie mit einem der Ihrigen allein beisammen war. Er wusste das Gemüt seiner Frau mannigfach belastet und bedrückt; und er besorgte, die Macht der Gewohnheit und der alten Zusammengehörigkeit möchte ihr der Mutter oder der Schwester gegenüber doch einmal Geständnisse oder Klagen über ihre Lage entlocken, die er laut werden zu lassen nicht wünschen konnte.

Noch ehe die Mutter eine Frage getan hatte, dankte der Freiherr ihr dafür, dass sie gekommen sei, und sagte, sie kenne ja von seinem Vater her die alte Arten'sche Maxime, Verdriesslichkeiten mit sich selber abzumachen, und sie werde sich also desshalb gestern nicht gewundert haben, dass er seine Frau abgehalten, den Besuch der Schwester anzunehmen.

Sie wissen, liebe Mutter, Cäcilie ist sehr weich, es fasst sie daher Alles mehr als nötig an, namentlich, wenn sie mich ergriffen sieht, und ich war das gestern in der Tat! Wir haben grosse Unannehmlichkeiten mit Valerio!

Die Gräfin gab sich das Ansehen, als wisse sie noch nicht, was vorgegangen sei. Sie wollte ihrem Schwiegersohne mit feinem Takte die Freiheit lassen, ihr in der ihm zusagendsten Weise zu berichten, was er eben für angemessen hielt.

Dem Freiherrn war das sehr willkommen. In leicht hingeworfener Weise erzählte er, wie wenig ernstaft Valerio seine Studien betrieben, wie schwer er sich in die militärische Zucht gefunden und wie nachteilig die an und für sich edle und schöne Kunstliebe seiner Mutter auf den Jüngling eingewirkt habe. Er erinnerte die Gräfin daran, wie Valerio habe Maler werden wollen, nun, seit Emilio und Vittoria es ihm in den Kopf gesetzt hätten, dass er eine der seltensten Stimmen besitze, sei er auf noch viel verkehrtere Plane gekommen. Er habe nichts als seine törichten Liebhabereien betrieben, habe sich in der Anstalt unmöglich gemacht, und nach längeren Beratungen sei man denn gestern dahin übereingekommen, ihn auf eine süddeutsche landwirtschaftliche Akademie zu senden. Valerio verlange durchaus nach einer grösseren Freiheit; man wolle also versuchen, ob er Neigung für die Landwirtschaft gewinnen könne, und müsse dann zusehen, wie man später für ihn ein Fortkommen ermögliche, mit dem es nicht so dränge, als man es ihm darstelle, denn er sei im grund doch erst achtzehn Jahre alt.

Die Gräfin nahm das ganz so auf, wie Renatus es aufgenommen zu sehen wünschte. Sie sagte, er tue wohl daran, wenn er die Sache nicht so schwer als Cäcilie auffasse. Valerio sei ja nicht der erste junge Mensch, der den Seinen einmal sorge mache; man möge bedenken, dass seine Erziehung früher verabsäumt worden sei, dass sie und Hildegard schon lange vor des Freiherrn Heimkehr darauf gedrungen hätten, den lebhaften Knaben einer männlichen Aufsicht zu übergeben und ihn von der Mutter fortzunehmen. Sie und Hildegard hätten sich auch stets darüber gewundert, und Graf Gerhardsie könne das jetzt wohl sagenhabe es nie gebilligt, dass Renatus es Vittoria erlaubt, den Sohn in alle Opern und Concerte mitzunehmen und ihn in ihren Soiréen