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und gewaltet, um ihr den Wohnsitz zu bereiten, auf den sie stolz sei und den für die Zukunft zu erhalten und zu schmükken ihr wie ein Priesterdienst erscheine. Sie besass jenen lebendigen, historischen Sinn, der eine grosse Stütze für den Menschen, und den ererbter Besitz in bevorzugten Naturen zu entwickeln geeignet ist.

Es verging daher nur kurze Zeit, bis sie die Lebensverhältnisse der Leute kannte, welche ihr dienten, bis sie wusste, was geschehen müsse, sie zufrieden zu stellen, und was im weiteren Kreise in der herrschaft ihres Mannes für das Wohl ihrer Bewohner noch zu leisten und zu schaffen sei. Es war das nicht Folge neugieriger, gewaltsamer fragen, nicht absichtliches Erforschen. Weil sie teilnehmend war, kam ihr überall das Vertrauen entgegen, und der Caplan stand ihr mit Rat und Aufschluss überall zur Seite. Die ersten Tage in Richten flogen ihr auf solche Weise wie Stunden schnell dahin, und das schöne Frühlingswetter erhöhte ihr Behagen.

Der Baron, der es seit dem tod seiner Mutter entbehrt hatte, eine Hausfrau im schloss walten zu sehen, hatte Freude an der stillen Tätigkeit seiner jungen Gattin, ja, er gestand ihr, dass sie hier erst recht an ihrem platz sei, dass sie ihm nie zuvor besser gefallen habe, als hier in seinem schloss. Er verliess sie auch wenig, sein Auge folgte ihr überall, aber es kam Angelika bisweilen vor, als ziehe oft plötzlich ein schwermütiger Ernst durch sein Gesicht, wenn er sie betrachte, als sei es nicht nur seine Liebe für sie, welche ihn in ihrer Nähe festalte, sondern als bewache er sie und die Personen, welche sie bedienten, mit einer ihr unerklärlichen Achtsamkeit. Sie neckte ihn damit, er liess es gelten; indessen von Tag zu Tag fiel es der Baronin mehr und mehr auf, dass in dem Betragen ihres Mannes auch hier in Richten ein fortdauernder Wechsel herrschte, dass er oft sehr reizbar, oft noch schwermütiger war, als in der Stadt, ja, dass er recht eigentlich launenhaft geworden und eine Unruhe über ihn gekommen sei, welche sie früher nicht an ihm wahrgenommen hatte.

Er machte im haus Anordnungen, für welche sich kein Grund absehen liess. Er fand die ganze Einteilung der Zimmer, welche er vor seiner Verheiratung selbst veranlasst hatte, unzweckmässig. Bald wurde Dieses geändert, bald Jenes, und man war noch nicht vierzehn Tage im schloss, als der Baron seine nach der Terrasse und dem Flusse hinaussehenden Gemächer ein für alle Mal verliess und ein paar andere Zimmer für sich auswählte, welche nach der entgegengesetzten Seite gelegen waren.

Jede Frage, welche Angelika in diesem Betrachte an ihn richtete, verschlimmerte seine Stimmung, so dass sie sich in ihrer sorge an den Caplan wendete, um von seiner Erfahrung sich Rat zu erholen. Der aber schob die Veränderung, welche mit dem Freiherrn vorgegangen sei, leichtin auf eine Hypochondrie, mit der man Nachsicht haben müsse, und ersuchte die Baronin, es ihren Gatten nicht merken zu lassen, dass man seine gesteigerte Reizbarkeit und seine Unruhe bemerke und beobachte. Geduld und Zeit würden Alles wieder heilen.

Angelika liess sich die Trostgründe des Caplans gefallen, und der treue, herzenskundige Mann wusste sie so vielfach zu beschäftigen, so zuversichtlich auf bessere Tage hinzuweisen, dass seine Nähe ihr mehr und mehr zum Bedürfniss wurde. Auch der Freiherr schien die Gesellschaft seines alten Freundes jetzt in Richten nicht entbehren zu können. War er allein in seinem Zimmer, so forderte er fast immer die Anwesenheit des Caplans, und selbst wenn er sich bei der Baronin befand, zog er ihn meistens als Dritten hinzu.

Seine Lust an Geselligkeit, an Zerstreuungen schien er in der Residenz völlig gesättigt zu haben, denn er verliess das Schloss sehr selten, und selbst die notwendigen Besuche in der Nachbarschaft, von denen häufig die Rede war, wurden immer noch hinausgeschoben. Der Baronin fiel es nicht auf, wie einsam und still man in dem sonst so gastlichen schloss lebte. Sie war hingenommen von den neuen Verhältnissen, in denen sie sich bewegte, von der sorge um ihren Gatten, von der Hoffnung auf ihr Kind, und der Verkehr mit den beiden Männern gab ihrem Herzen und ihrem geist reiche Nahrung aller Art.

Es waren bald literarische, bald künstlerische Gegenstände, welche die Unterhaltung bildeten, aber vor Allem liebte der Freiherr es jetzt, die grossen Grundsätze der sittlichen Weltordnung in den Bereich des Gespräches zu ziehen. Etische und dogmatische fragen, die angeborne Sündhaftigkeit des Menschen und die notwendigkeit seiner sittlichen Erhebung lagen ihm offenbar sehr am Herzen, während der Gedanke an den Tod, an die Unsterblichkeit und an die Art der Fortdauer, welche dem Menschen gegeben sei, ihn jetzt nicht minder lebhaft als in Berlin, wennschon in weniger phantastischer Weise beschäftigte. Aber auch das Nächstliegende wurde erwogen. Angelika und der Caplan fanden nach solchen Gesprächen den Gutsherrn meist geneigt, Verbesserungen in der Lage seiner Leute zu bewilligen und manchen vorhandenen Missständen Abhülfe zu bereiten.

Es war seit Monaten festgesetzt worden, dass die gräfliche Familie von Berka zu dem Osterfeste, das diesmal spät im Jahre fiel, ihren ersten Besuch bei der Tochter machen sollte, und man fing bei zeiten an, sich darauf vorzubereiten. Der Baron, dessen Stimmung sich nicht bessern wollte, liess seiner Gattin in allen ihren Vorkehrungen freie Hand, ja, er willigte endlich sogar darein, die lange verschobenen Antrittsbesuche zu machen, damit es seinen Schwiegereltern bei ihrer Anwesenheit nicht an Gesellschaft fehlen möge.