s Gleichmut und die unverminderte Esslust anzusehen, mit der Valerio sich Genüge tat.
Als man sich von der Mahlzeit erhob, folgte Cäcilie ihrem Gatten in sein Zimmer. Er bemerkte sie kaum. Gesenkten Hauptes, die hände auf den rücken gelegt, ging er auf und nieder. So pflegte sein Vater umherzuwandern, wenn ihn Sorgen drückten, wenn er etwas mit sich abzumachen hatte; aber Renatus war nicht mehr, wie einst der Freiherr, in den grossen Gemächern des Richtener Schlosses, in denen man seiner Aufregung weit ausschreitend Luft machen konnte, und die Bewegung in dem engen Zimmer steigerte seine Heftigkeit, statt sie zu mässigen. Er kam sich wie ein Gefangener vor, er meinte, die Wände immer näher zusammenrücken zu sehen, es versetzte ihm den Atem, und sich rasch umwendend, wie Einer, der sich zur Wehre setzen muss, schellte er dem Diener.
Cäcilie fragte, was er wünsche.
Ich muss mit dem Burschen zu Ende kommen! gab er ihr zur Antwort und befahl dem Diener, ihm Valerio zu rufen, der auf dem andern Flügel bei der Mutter wohnte.
Ohne eine Bewegung zu verraten, trat derselbe bei ihm ein. Er war zu einem vollendet schönen Jünglinge erwachsen. Seine Gestalt war hoch und tadellos, der Italiener war in jedem seiner Züge, in seiner ganzen Haltung, vor Allem in seinem Mienenspiele und in seiner Geberdensprache unverkennbar, und selbst die steif machende militärische Schulung hatte den freien Adel seiner Bewegungen nicht zu unterdrücken vermocht.
Du hast mich rufen lassen, Bruder? fragte er, als er bei Renatus eintrat.
Dieser hatte sich niedergesetzt, als wolle er sich damit zur Ruhe zwingen, und langsamer sprechend, als er sonst pflegte, sagte er: Ich habe Dich kommen lassen, um von Dir selber zu erfahren, welche Vorstellung Du Dir von Deiner Zukunft machst. Dass Du fort musst, weisst Du, dass Du kein Vermögen hast, auf welches Du Dich irgend stützen dürftest, habe ich Dir gesagt, als ich Dir den Rat erteilte, in das Heer einzutreten, und als die Gnade unseres Königs Dir die Aufnahme in das Kadettenhaus bewilligte.
Er hielt inne. Valerio regte sich nicht. Er hatte den Arm auf einen kleinen Schrank gestützt, der dem Spiegel gegenüberstand, und Cäcilie, die besorgt der Unterredung folgte, konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass Valerio auch in diesem Augenblicke noch mehr mit sich und seiner schönen Stellung, als mit den Worten seines Bruders beschäftigt sei.
Ich spreche nicht davon, hob der Freiherr, da Valerio schwieg, auf's Neue an, ich spreche nicht davon, wie Du Sr. Majestät dem Könige die Gnade gedankt hast, die er Dir angedeihen lassen; das würde, wie Du Dich erwiesen hast, eine vergebene Mühe sein. Lass uns also kurz zur Sache kommen! Was soll aus Dir werden? Was denkst Du mit Dir anzufangen?
Valerio änderte seine Stellung nicht; aber er hob den Kopf, den er bis dahin gesenkt gehalten hatte, in die Höhe und sagte: Fragst Du mich das im Ernste, Bruder?
Mich dünkt, entgegnete der Freiherr bitter, Deine Lage ist nicht dazu angetan, mir Lust zum Scherzen einzuflössen!
Nun denn, rief Valerio, wenn es Dein Ernst ist, wenn Du mir jetzt wirklich endlich die Freiheit geben willst, über mich selber eine Meinung zu haben und über mich zu verfügen, so will ich Dir sagen, was ich wünsche! – Er zögerte, als habe er ein Bedenken, es auszusprechen; dann aber fasste er sich ein Herz, zog mit rascher Bewegung einen Sessel heran, und sich seinem Bruder gegenüber niederlassend, sagte er: Du bist immer gut gegen mich gewesen, und ich habe Dich immer lieb gehabt, Renatus; aber Du hast meine natur nicht verstanden, hast mich nie aufkommen lassen ....
Du machst Vorwürfe, wo Du Dich entschuldigen solltest, fiel der Freiherr ihm in die Rede; die Taktik ist nicht neu, aber sie ist hier nicht angebracht. Ich habe es heute nicht mit Deinen Bekenntnissen, nicht mit Betrachtungen über die Vergangenheit zu tun, die jetzt zu nichts mehr führen. Beantworte mir rund und nackt die Frage: Was soll aus Dir werden?
Da hob der junge Mann seinen vollen blick auf den Freiherrn und meinte: Wenn Du auf mich geachtet hättest, brauchte ich Dir das nicht erst zu sagen! Ich werde zur Bühne gehen!
Valerio! rief der Freiherr, als traue er seinen Ohren nicht, und plötzlich die stolze Oberlippe aufwerfend, dass seine Miene, so wenig seine Züge dem Vater glichen, dem Ausdrucke des verstorbenen Freiherrn von Arten äusserst ähnlich wurde, sprach er mit schneidender Kälte: Aber freilich, Du bist kein Arten!
Er wurde blass, als das Wort seinem mund entflohen war. Er hätte viel darum gegeben, es nicht ausgesprochen zu haben, sehr viel! Denn er erschrak vor dem wilden Blicke des jungen Mannes, der ihm gegenübersass, vor dem unheimlichen Zucken seines schönen Mundes.
Sie schwiegen beide; Cäcilie klopfte das Herz, dass sie wähnte, die Andern müssten es hören können. So entschwanden ein paar Minuten. Renatus konnte zu keinem Entschlusse kommen. Einmal stand er auf dem Punkte, seinen Ausspruch als eine bildliche Redeform auszugeben, dann wieder meinte er mit der Entüllung dieses Geheimnisses einen Zügel gewonnen zu haben, durch den er den unruhig phantastischen Sinn des jungen Mannes wirksam lenken könnte; aber Valerio