nimmt, hat er davon abgestanden. Er hat den Major sofort von dem Vorfalle benachrichtigt, man hat den jungen Arten in seine Familie zurückgeschickt, und der Direktor der Anstalt hat dem Major den Rat erteilt, den jungen Menschen so bald als möglich von hier fort und in eine andere Lebensbahn zu schaffen, da er ohnehin sehr phantastisch sein soll.
Das kommt von der Mutter! meinte der Graf, während Hildegard die Gräfin Rhoden, welche hinzugekommen war, mit einem Bedauern, dem der Ausdruck ihrer Züge völlig widersprach, von dem Geschehenen in Kenntniss setzte.
Die Generalin bemerkte, der verstorbene Freiherr Franz sei auch sehr phantastisch gewesen.
Der Graf fragte, was sie mit der Erinnerung sagen wolle.
Die Generalin erwiderte, dass leider der Apfel selten weit vom Stamme falle.
Wenn ihn der Baum getragen hat, gewiss nicht! entgegnete der Graf; aber an wie manchen alten Baumes Stamm findet man Früchte, die von aussen hinübergeworfen worden sind und auf die das Sprüchwort also wenig passt.
Die Generalin sah ihn überrascht und neugierig an. Hildegard, der die schweren seidenen Kleider und die kleinen weissen Spitzentücher, die sie über ihre noch immer lang herniederfallenden, rötlich-blonden Lokken zu knüpfen pflegte, ein jugendlich matronenhaftes Ansehen gaben, hob die Augen mit ihrem sanftesten Blicke bittend zu ihrem Gatten auf, und der Graf versagte es sich also, die Neugier der Generalin zu befriedigen. Aber diese gab ihre Erwartung so leichten Kaufs nicht für verloren.
Nehmen Sie es mir nicht übel, rief sie, als müsse sie ihr Herz endlich einmal von einem schweren Zweifel zu befreien suchen, ist denn irgend etwas daran, dass die Vergangenheit der Baronin nicht ganz makellos ist, und ist's denn wirklich wahr, was man sich von der Liaison der Baronin Vittoria mit Emilio erzählt? Ich würde mir, darauf kennen Sie mich ja, eine solche Frage sicherlich nicht gestatten, wenn ich nicht zuverlässig hoffte, von Ihnen zu erfahren, dass man der Baronin Unrecht tue, aber – unvorsichtig bleibt es doch, dass man Emilio auch jetzt noch in des Freiherrn haus sieht.
Die Gräfin Rhoden, deren Mutterherz durch den neuen Kummer, welcher jetzt über Cäcilie wieder hereinbrach, doch bewegt ward, sagte, die Generalin irre, wenn sie glaube, dass Emilio noch zu den Umgangsgenossen ihrer Kinder zähle. Man empfange ihn seit nahezu einem Jahre nicht mehr.
Es war auch gar nicht möglich, länger ein Auge zuzudrücken, fügte Hildegard hinzu, als müsse sie diese Erklärung geben, denn Emilio trieb seine Schauspielkunst in meines Schwagers haus so con amore, dass er, um sein verhältnis zu der Baronin Vittoria zu verbergen, nicht übel Lust bezeigte, sich als den Verehrer meiner Schwester darzustellen.
Das wird ihm nicht eben schwer gefallen sein, meinte die Generalin, denn die Baronin Cäcilie wird mit jedem Jahre schöner. Sie wird Ihnen, liebe Rhoden, seit sie voller geworden ist, nur immer ähnlicher.
Die Mutter nahm das Lob der Tochter, das ihr zugleich schmeichelte, freundlich auf. Hildegard sagte, Cäcilie werde doch gar zu stark, und kaum hatte die Generalin sich entfernt, als Hildegard die Mutter fragte, ob sie nicht anspannen lassen solle und ob sie nicht gemeinsam zu Cäcilie fahren wollten, nachzuhören, was dort wieder vorgefallen sei und was man etwa für sie tun könne. – Cäcilie bemitleiden zu gehen, war die Gräfin Berka immer bei der Hand, und ihr Mitleid war der Schwester und dem Schwager nicht das Leichteste, das sie zu tragen hatten.
Auch jetzt wieder lasteten ihre Zustände schwer auf diesen Beiden. Valerio war seit dem vorigen Tage in des Freiherrn haus. Es hatte heftige Auftritte und die unangenehmsten Verhandlungen gegeben. Cäcilie sah mit Kummer, wie die Furchen auf ihres Gatten Stirn sich mit jedem neuen Jahre vertieften, wie sein ganzer Sinn sich verdüsterte und seine Reizbarkeit sich krankhaft steigerte. Auch der Vorfall mit Valerio hatte ihn wieder sehr niedergeschlagen, während der Jüngling selber und seine Mutter das Geschehene äusserst leicht zu nehmen schienen.
Vittoria sagte, sie habe immer die überzeugung gehegt, ihr Sohn sei nicht dazu geschaffen, in dem geistlosen Zwange der militärischen Disciplin seine glänzende Begabung untergehen zu lassen. Ihr Blut, das Blut eines glücklicheren Volkes, lebe in seinen Adern. Die natur habe ihn bestimmt, ein Künstler zu werden, und die natur lasse sich nicht überwinden, sie räche sich, wenn man ihr Gewalt antue. Auch Valerio sprach von seinem eigentlichen Berufe, von seinem inneren Müssen. Der Freiherr beachtete ihre Worte kaum. Der Gedanke, dass der Jüngling, den er in grossmütiger Liebe als seinen Bruder gelten lassen, der seinen Namen trug, dass ein Freiherr von Arten wegen einer unwürdigen Handlung aus dem Kadettenhause ausgestossen worden sei, brannte als eine Schmach in des Freiherrn Seele, und es hatte ihn eine grosse Ueberwindung gekostet, sich heute zur Parade zu begeben. Allerdings hatte Niemand mit ihm von dem Vorgange gesprochen, aber der Major zweifelte nicht daran, dass er vielen seiner Nebenoffiziere bereits bekannt gewesen sei. Es war gestern ein Sonntag gewesen; die Kadetten hatten ihren Urlaub gehabt, in Hunderten von Familien hatte man das Ereigniss gestern fraglos mitgeteilt, und Renatus hatte es auf der Parade in den Mienen seiner Kameraden zu lesen gemeint, dass sie sich Gewalt antäten, der Angelegenheit nicht zu erwähnen.
Der Freiherr brachte am Mittage keinen Bissen über seine Lippen. Er stand vom Tische auf, weil er es nicht ertragen konnte, Vittoria'