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; man konnte sich auch kein würdigeres Familienverhältniss denken, als das, welches zwischen der alten Gräfin Rhoden und den Berka's herrschte, bei denen sie jetzt lebte. Die Einigkeit der Mutter und der Tochter, die schönen weltmännischen Manieren des Grafen, der Gräfin edler Sinn für Häuslichkeit machten, dass es Jedem wohl ward, der über ihre Schwelle trat; und da man wegen der Kränklichkeit des Grafen grosse Gesellschaften zu geben so viel als möglich vermeiden musste, so hatte Hildegard sich entschlossen, Mittags immer ein paar Plätze für gute Freunde an ihrem Tische bereit zu halten und allabendlich für dieselben um die Teestunde zu haus zu sein. Man rechnete es ihr sehr hoch an, dass sie ihrem Gatten zu Liebe auf alle Geselligkeit ausser ihrem haus verzichtete, und selbst die Prinzen und Prinzessinnen suchten sie dafür zu entschädigen, dass sie sich's versagte, an den Hof zu gehen. Ihre Beschützerin, die alte Prinzessin, empfing sie in den Morgenstunden, in denen sie sonst Niemanden anders bei sich sah; die jüngeren Prinzessinnen fuhren gelegentlich bei der guten Gräfin Berka vor, die an der Spitze aller wohltätigen Unternehmungen stand und deren Religiosität, obschon sie eine Katolikin war, sich von jeder Ausschliesslichkeit, vor aller Unduldsamkeit fern zu halten wusste. Selbst auf ihren Gatten, der es mit der Religion sonst leicht genug genommen hatte, wirkte der fromme Sinn der Gräfin Hildegard mit Segen ein. Der Graf fuhr regelmässig an jedem Sonntage in die Kirche, die der Hof besuchte, und das einzige, was seine Frau bedauerte, war ihr einstiger Uebertritt zur katolischen Kirche, zu welchem sie von der Mutter in ihrer Kindheit bestimmt worden war und der sie jetzt in gewissem Sinne von ihrem Gatten und von ihren fürstlichen Beschützern und Freunden trennte.

Es war durchaus angenehm, mit den Berka's eng verbunden zu sein, und Hildegard war für ihren Umgang sehr wählerisch geworden. Sie hielt es für notwendig, Jeden und Alles zurückzuweisen, was den Grafen aufregend oder störend berühren konnte, den man nach des Arztes Ausspruch vor heftigen Gemütsbewegungen bewahren sollte, und sie nannte es gegen ihre vertrauten Freunde eine Rücksicht auf das Empfinden ihrer Mutter, dass sie den Freiherrn von Arten und seine Familie trotz ihrer sehr verschiedenen Lebensansichten bei sich sah. Denn, sagte sie eines Tages zu einer ihrer näheren Freundinnen, der Graf ist mit dem ganzen Tun und Treiben seines Neffen gar nicht einverstanden, und selbst mein Zusammenhang mit meiner armen Schwester ist leider ein sehr oberflächlicher geworden. Ich komme so selten in Cäciliens Haus. Sie wissen's ja, ich verlasse den Grafen ungern, und, ich bekenne Ihnen offen, die Baronin Vittoria ist mir nicht sympatisch, ist mir's nie gewesen!

Sie lehnte sich mit diesen Worten in ihren Sessel zurück und nahm ihre Stickerei wieder zur Hand, die für eine der Weihnachts-Ausstellungen bestimmt war, welche sie alljährlich in den schönen Räumen ihres Hauses abhielt. Die Freundin, an welche diese Worte gerichtet wurden, war die Mutter von des Königs Adjudanten. Ihr Mann war General gewesen, ihr zweiter Sohn bekleidete eine Instructorstelle im Kadettenhause.

Die Mitteilung der Gräfin Berka hatte sie nicht überrascht. Man wusste, dass die beiden Familien wenig Gemeinschaft hielten, und eben desshalb konnte die Generalin die Frage an die Gräfin richten, ob sie denn von der Unannehmlichkeit schon unterrichtet sei, die den Major von Arten eben in diesen Tagen betroffen habe.

Eine Unannehmlichkeit? wiederholte Hildegard. Was ist denn geschehen? Ich weiss von nichts, die Arten's waren seit mehr als vierzehn Tagen nicht in unserm haus. Ich bitte, sprechen Sie; Sie beunruhigen mich auf das Aeusserste. Die arme Cäcilie!

Die Generalin liess sich nicht lange bitten. – Es betrifft glücklicher Weise, sagte sie, dieses Mal den Major nicht selbst; es ist nur eine widerwärtige Sache mit dem jüngeren Arten. Man hat ihn von der Anstalt fortgewiesen.

Fortgewiesen? wiederholte Hildegard, und sich zu ihrem mann wendend, meinte sie: Du behältst also auch damit leider wieder Recht, lieber Gerhard! Also von der Anstalt fortgewiesen?

Es war unmöglich, ihn zu halten! versicherte die Generalin. Mein Sohn sagte mir, er habe in Rücksicht darauf, dass der junge Arten zu Ihrer Familie gehört, das Aeusserste getan, diese Massregel zu hindern; aber der Leichtsinn des jungen Menschen sei unverbesserlich gewesen und man habe um der übrigen Kadetten willen nicht länger Nachsicht üben dürfen.

Der Graf wollte wissen, was man Valerio zur Last lege. Die Generalin sagte, wie sie von ihrem Sohne erfahren habe, sei der junge Arten immer kein sonderlicher Schüler gewesen und habe seit Jahren vielfachen Anlass zu Klagen gegeben. Einen Liebeshandel mit der Tochter eines der unteren Beamten, dem man vor einigen Monaten auf die Spur gekommen sei, habe man vertuscht; man habe ihn oftmals wegen seines Hanges zum Spotte verwarnt, die Karikaturen, die er gezeichnet und in der Anstalt in Umlauf gesetzt, geflissentlich übersehen, bis man neulich ein getuschtes Blatt in verschiedenen Exemplaren vorgefunden habe, durch welches die Liebhaberei Sr. Majestät für das Teater und namentlich für das Ballet in wahrhaft empörender Weise zum gegenstand des Spottes, zu einer Karikatur gemacht worden sei.

Und was ist danach geschehen? erkundigte sich der Graf.

Die Generalin zuckte die Schultern. – Es wäre natürlich meines Sohnes Pflicht gewesen, sagte sie, betreffenden Ortes davon Anzeige zu machen, aber eben weil mein Sohn um Ihretwillen auch an dem Major Anteil