wie Wolken vorüberziehen sah. Vor dem haus belud man einen grossen Reisewagen mit Koffern und Schachteln. Der Wirt, ein reicher Kaufmann, der das Erdgeschoss bewohnte, ging mit seiner Familie in ein Bad und wollte die kühlere Nacht für den Beginn seiner Reise benutzen. Cäcilie und Vittoria sassen schon eine geraume Zeit schweigend neben einander. Endlich erhob Cäcilie sich, und die Fensterflügel öffnend sagte sie: Welch ein staubiger Brodem auf diesen Strassen liegt!
Ja, entgegnete Vittoria, ich dachte es eben! Was für ein Land und was für ein Leben ist es, in denen man mitten in der besten Jahreszeit sich den grausigen Winter ersehnt!
Cäcilie setzte sich wieder zu ihr. In Richten muss es heute schön sein! hob sie nach einer Weile an.
In dem leeren, wüsten schloss? entgegnete die Andere, und sich fächelnd, wie es ihre Gewohnheit war, rief sie nach längerem Schweigen: Wenn man nur wenigstens eine Stunde in das Freie fahren könnte!
Renatus hat die Pferde verkauft und noch keine ihm passenden gefunden – wir müssen uns gedulden, bis er wiederkommt! bedeutete Cäcilie wie entschuldigend, und schloss mit der Bemerkung, dass es innen in dem Zimmer erträglicher als draussen sei, das Fenster, welches sie eben erst geöffnet hatte.
Sie nahm ein Buch zur Hand und fing zu lesen an, aber man konnte sehen, dass sie nicht dabei war. Sie blätterte hin und her, legte es fort, griff nach einem Zeitungsblatte und schien auch von diesem nicht gefesselt zu werden. Vittoria sah ihr gelangweilt und ermüdet zu.
Die Aussicht, einen ganzen Sommer in diesen engen Stuben zu verbringen, rief sie dann mit Einem Male aus, ist mir wirklich ganz entsetzlich! – Und nach einer neuen Pause sagte sie, ihre eben erst getane Aeusserung halbwegs vergessend: Ich wollte, Renatus hätte mich wenigstens gelassen, wo ich war – was hatte ich hier in der Stadt zu suchen?
Cäcilie antwortete ihr nicht gleich. Sie fühlte sich selbst gedrückt. Die neue Trennung von ihrem mann ward ihr schwer, der ungerechte Vorwurf, den die Stiefmutter ihm machte, tat ihr weh.
Renatus hat es gut gemeint, sagte sie endlich, und mich dünkt, Du von uns Allen hättest die meiste Befriedigung hier in der Stadt gefunden. Wenigstens hast Du oft genug versichert, dass Dir hier ein neues Leben aufgegangen sei. Du hast Freunde gefunden, der Kronprinz zeichnet Dich aus, Du hast Genüsse aller Art ...
Beklage ich mich denn? fiel Vittoria ihr nach der Weise aller Derer in das Wort, die, keines zusammenhängenden Denkens gewohnt, von jeder in ihnen angeregten Vorstellung auf einen völlig veränderten Standpunkt geführt werden. Ich beklage mich ja nicht! Ich meine, ich hätte es von jeher bewiesen, dass ich mich in das Unabänderliche zu fügen und dass ich auch zu schweigen weiss!
Was nennst Du das Unabänderliche? fragte Cäcilie.
Glaubst Du, entgegnete die Stiefmutter, dass es behaglich ist, dass es für eine Frau, die, wie ich, Herrin in ihrem haus zu sein gewohnt war, behaglich ist, abhängig wie eine Klosterschülerin zu sein?
Mich dünkt, Du wärst so ziemlich die Herrin in unserem haus! wendete Cäcilie ein.
Vittoria lachte. Nennst Du es Herrin sein, wenn mein Sohn, wenn Renatus mich förmlich unter Deine Kontrole stellt? Wenn er mir die Weisung hinterlässt, dass ich in seiner Abwesenheit keine Besuche machen, Niemanden empfangen soll ....
Vittoria, rief die junge Baronin, entstelle die Tatsachen nicht! Renatus hat Dich nur gebeten, Emilio nicht bei Dir zu sehen, weil ....
Weil Emilio Dir den Hof macht! warf Vittoria ein.
Cäcilie wurde blass vor Zorn. Lass das, ich bitte Dich! sagte sie sehr fest. Emilio's plötzliche Galanterie für mich täuscht weder meinen Mann noch mich! Sei zufrieden, wenn wir schweigen – das Schweigen ist nicht immer leicht!
Und schweige ich denn nicht, füge ich mich denn nicht in alles, was Renatus fordert? meinte Vittoria, die von ihrem früheren Klosterleben her ein Vergnügen in dem kleinlichen Kriege mit ihrer Umgebung fand, das sie sich, sobald sie Langeweile hatte, nicht versagte.
O ja, rief Cäcilie, gewiss, Du schweigst, aber man sieht es Dir an, wie unbehaglich Du Dich fühlst, wie widerwillig Du Dich dem unerlässlich Gebotenen fügst! Und glaube mir, das lastet so schwer, so schwer auf meinem mann und auch auf mir, fuhr sie, wider ihren Willen heftig werdend, fort, dass wir .... – Sie brach plötzlich ab.
Vittoria fragte, ob sie nicht vollenden wolle.
Indess die junge Frau hatte sich schon wieder zusammengenommen. Sie bereute ihre Aufwallung, denn Renatus wollte durchaus den Frieden in seinem haus aufrecht erhalten haben, und bemüht, dieses Ziel zu erreichen, bemüht, ihrem mann vielleicht durch eine Erörterung mit seiner Stiefmutter das Leben zu erleichtern, sagte sie, sich überwindend: Du bist wirklich nicht gerecht gegen uns, beste Vittoria! Du weisst es, glaube ich, wirklich nicht, wie schwer der arme Renatus es hat! Er tut für Dich und für uns alle, was er kann, aber .... – sie zögerte auf's Neue und sagte dann endlich, als müsse es einmal ausgesprochen werden: Er will freilich nicht, dass Du darum weisst, indess Du kannst ja ohne das seine Handlungsweise nicht