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sich ihr so geschickt und mit so vielem Behagen an der von ihm verübten Täuschung immer als einen durch sie Bekehrten dargestellt, ihre Neugier auf die Geheimnisse in seiner Vergangenheit war von ihm so unmerklich geweckt und befriedigt worden, seine halben Bekenntnisse hatten ihre Begriffe von Sitte, von des Mannes ihm oft verderblicher Freiheit und von des Weibes grossmütig verzeihender Liebe so verfälscht, dass die Gräfin es plötzlich mit Erstaunen wahrnahm, wie der Boden sich verändert hatte, auf welchem ihre Tochter stand. Es fiel ihr schwer, zu glauben, dass Hildegard, obschon sie in der Mitte der Dreissiger war, für den um zwanzig Jahre älteren, kranken Mann je etwas Anderes als anteilvolles Mitleiden, als eine dankbare Ergebenheit empfunden haben könne. Indess Hildegard hatte sich so fest in den Gedanken eingelebt, der Schutzengel des Grafen zu sein, und dieser hatte während ihres ersten gemeinsamen Aufentaltes in dem Badeorte die leidenschaftlich erregte Empfindung und die nicht minder aufgeregte Sinnlichkeit des von Renatus verlassenen Mädchens von Anfang an so geschickt von Renatus auf sich zu übertragen gewusst, dass Hildegard schon lange an den Grafen gekettet gewesen war, ohne sich dessen bewusst zu sein. Trotz aller Vorstellungen der Mutter nannte sie sich entschieden glücklich, dem geliebten mann, dem sie, und sie allein, den Glauben an alles Edle und Erhabene wiedergegeben hätte, den Abend seines Lebens verschönen zu können, und in seiner reinen, sie anbetenden Liebe einen reichen Ersatz für die Leiden zu finden, welche der Leichtsinn des Freiherrn Renatus ihr bereitet hatte.

Alles, was die Gräfin von der Tochter an dem Abende erlangen konnte, war das Zugeständniss, dass die Verlobung nicht bekannt gemacht werden solle, ehe man nicht die Prinzessin, welche sich Hildegarden stets als eine so gnädige Beschützerin gezeigt, davon in Kenntniss gesetzt und ihren Rat und ihre Zustimmung dazu erbeten haben würde. Aber schon bei ihrem Erwachen begrüssten ein Brief und eine Sendung des Grafen seine Braut, und noch ehe die Stunde gekommen war, in welcher man daran denken konnte, die Prinzessin aufzusuchen und bei ihr vorgelassen zu werden, brachte einer ihrer Lakaien Hildegarden ein paar Zeilen von der Prinzessin eigener Hand, mit denen sie ihr zu der Wendung, welche ihr Schicksal genommen habe, ihren Glückwunsch aussprach. Sie nannte es schön, dass ihr früheres Liebeswerk ihr die Möglichkeit gewähre, in Werken der Liebe fortzufahren, und die Prinzessin rühmte dabei die Herzensfeinheit des Grafen ganz ausdrücklich, der ihr vor allen Andern die Mitteilung des geschlossenen Bundes habe zukommen lassen, da er sicher gewesen sei, dass sie sich jedes Guten freuen würde, welches Hildegarden von der Vorsehung beschieden sei.

Damit stand nun die Verlobung als eine Tatsache fest. Denn der Graf hatte sich nach seiner früheren Geschäftserfahrung rechtzeitig daran erinnert, dass es Fälle gibt, in denen man rasch handeln und den Andern zuvorkommen muss, wenn man seiner Sache sicher sein will, und die Genugtuung, die er über seine Entschlossenheit fühlte, verlieh ihm, wie er meinte, wirklich eine neue Kraft.

Es war noch früh am Morgen, als er schon bei der Braut erschien, und es sah aus, als habe er heute des Dieners, auf dessen Arm er sich zu stützen pflegte, kaum noch nötig. Hildegard eilte ihm auch gleich entgegen, ihm ihren Arm zu reichen, und der Graf hatte es so geschickt erlernt, sich mit allerlei kleinen Künsten von einem Platz zu dem andern fortzuhelfen, dass selbst die Gräfin Rhoden sich es nicht versagte, heute der Hoffnung auf seine Herstellung Raum in sich zu geben.

Die Mutter hatte gewünscht, ihrer verheirateten Tochter gleich am Morgen die Nachricht von Hildegard's Erbschaft und Verlobung zukommen zu lassen, aber diese war anderer Meinung. Sie beabsichtigte, der Schwester die Kunde selbst zu überbringen, und das konnte nicht sogleich geschehen. Der frühe Besuch des Grafen, eine Besprechung mit dem Gesandten, die gerichtlichen Vollmachten, welche die neue Erbin auszustellen hatte, nahmen Zeit in Anspruch. Es verstand sich von selbst, dass die Verlobten sich ihrer Beschützerin, der Prinzessin, präsentirten, und es war natürlich, dass die Braut ihre jetzigen Möglichkeiten zu benutzen und sich für die Vorstellung bei der Prinzessin und eben so für den Besuch bei ihrer Schwester nach ihren neuen Verhältnissen einzurichten begehrte.

Unter Besorgungen, Beratungen und Einkäufen gingen die Stunden hin. Hildegard und der Graf waren beide nicht die Stärksten, die ungewohnten Anstrengungen ermüdeten sie, Einer war für den Andern auf Schonung bedacht, man musste etwas Ruhe haben, und der späte Nachmittag kam also heran, ehe man sich anschickte, zu der Schwester hinzufahren.

Die Stadt war schon leerer geworden, der König hatte sich, wie alljährlich, in ein böhmisches Bad begeben, die übrigen Hofstaaten rüsteten sich ebenfalls zum Aufbruche, und obgleich die Residenz damals noch nicht so gross war, dass man nicht bald vor das Tor gekommen wäre und ausserhalb desselben nicht noch Feld und Wald und Wiesen genug gefunden hätte, suchte doch, wer es ermöglichen konnte, sich auch damals eine Veränderung des Aufentaltes zu bereiten. Cäcilie und Vittoria aber weilten in der Stadt, denn Renatus war im Beginne des Sommers längere Zeit zum Ankaufe der Remonte-Pferde auswärts gewesen und war nun wieder seit einigen Tagen mit seinem Regimente zu den grossen Manövern nach einer der benachbarten Provinzen kommandirt. Man konnte seiner Rückkehr erst in einigen Wochen entgegensehen.

Die Sonne brütete über der Strasse und glänzte blendend aus den gegenüberliegenden Fensterreihen wieder. Hier und da wirbelte der Südostwind die Staubmassen empor, dass man sie