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jetzt frei, und das Leben wird Dir seine schönsten Kränze nicht versagen!

Er brach ab und hüllte sein Gesicht in seine hände. Hildegard hatte ihr Haupt an des Grafen Schulter gelehnt, sein Arm umfing sie; die Gräfin stand bestürzt an ihrer Seite, aber die Verherrlichung des von ihr so vorzugsweise geliebten Kindes tat ihr wohl. Hildegard erschien ihr wieder jung und schön, wie sie jetzt, von dem letzten Schimmer des Abendsonnenscheines umflossen, vor dem Grafen knieete, dessen gehobene Stimmung den ursprünglichen Adel seiner Züge trotz seiner Jahre und seiner Krankheit mehr als gewöhnlich hervortreten liess.

Endlich richtete er das Haupt der jungen Gräfin empor, und noch einen Kuss auf ihre Stirn drückend, während er ihrer Mutter die Hand hinüberreichte, sprach er: Nun ist's gut! Nun geh', nun geh', Du liebes Kind, und denke' nicht mehr an mich! lebe' wohl! – Leben Sie wohl, Hildegard! Leben auch Sie wohl, teure Mutter! Wir sehen uns nicht wieder!

Onkel, mein Freund, mein teurer Freund, rief Hildegard, was soll das heissen? Nehmen Sie das Wort zurück!

Er schüttelte verneinend das Haupt und gab ihr, als könne er nicht sprechen, ein Zeichen, sich zu entfernen.

Hildegard blieb vor ihm stehen. – Ich komme morgen wieder! sagte sie!

Er wendete sich von ihr ab. – Nein, das geht über meine Kraft! Wie soll ich künftig schweigen, da das unselige geständnis meinen Lippen nun entflohen ist? sprach er dumpf in sich hinein.

Hildegard regte sich nicht; der Gräfin begann die Scene peinlich und bedenklich zu werden. Sie nahm die Tochter bei der Hand. – Komm, komm, mein Kind, sagte sie, der Onkel ist zu sehr ergriffen, und auch Du bist sehr erschüttert. Wir haben Alle, Alle Fassung nötig! – Sie wollte die Tochter mit sich fortführen. Hildegard wendete ihr Antlitz nach dem Grafen zurück; er hatte das Haupt auf seine arme niedersinken lassen, die auf dem Tische ruhten.

Da machte sich Hildegard von der Mutter los, und noch einmal vor dem Grafen niederknieend, rief sie: So kann ich ihn doch nicht verlassen! Und warum soll ich denn auch von ihm gehen? – Weinen Sie nicht, weine nicht, mein Freund, ich bleibe! Wo soll ich denn auch bleiben, als bei Dir, der mir beigestanden hat in meiner grössten Not?

Engel des Lichtes, sprich es, sprich es noch einmal aus, dieses Wort, das mich beseligt! rief der Graf, und es war vergebens, dass die Mutter es versuchte, dem Vorgange das Gepräge einer förmlichen Verlobung zu entziehen.

Hildegard lag in des Grafen Armen, er küsste ihr Haupt, ihre hände; sie nannte sich glücklich in dem Besitze seiner Liebe, und noch einmal genoss der fünfzigjährige und kranke Mann den Triumph, sich eines Weibes zu bemächtigen, dessen er nicht wert war, weil die unklare Herzensüberspannteit Hildegard's ihm dazu die Handhabe darbot.

Es dunkelte schon, als die Gräfin mit der Tochter sein Haus verliess. Er war sehr mit sich zufrieden. Es war ihm ein Meisterstreich gelungen, und er hätte nur gewünscht, ihn irgend Jemandem mitteilen zu können. Nie zuvor hatte er daran gedacht, Hildegard zu seiner Erbin einzusetzen; er hatte sich überhaupt nie mit seinem Testamente beschäftigt. Es war ihm stets zuwider gewesen, auf sein einstiges Ende hinzublikken, denn er fühlte in sich noch Lust, zu leben, und die Nachricht von der reichen Erbschaft seiner Freundin Hildegard hatte ihm plötzlich die Aussicht eröffnet, sich grössere Lebensbequemlichkeit, sich noch grössere Lebensfreiheit zu verschaffen, als bisher.

Er konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als er sich sagen musste, er sei Bräutigam, er habe sich verlobt. "Ward je in dieser Laun' ein Weib gefreit? Ward je in dieser Laun' ein Weib gewonnen?" fragte er sich selber, Shakespeare's Worte brauchend, den er anzuführen liebte.

In seine Genugtuung mischte sich jedoch ein Schmerz. Die Anspannung seiner Kräfte hatte ihn erschöpft. Es kam wie eine Reue über ihn. Er hätte jung, er hätte noch ganz er selber sein mögen! Aber er nannte diese rückblickende Wehmut eine Schwäche, eben eine Folge der Anstrengung, die er sich zugemutet hatte. Er liess sich gegen seine Gewohnheit Wein hinstellen, trank ein Paar Gläser davon, und als er dann sein Lager aufsuchte, und das auf dem Nachttische liegende Buch aus der Hand legte, waren es philosophisch-religiöse fragen, fragen, mit denen sein völliger Unglaube sich zu beschäftigen liebte, unter denen ihm endlich das Bewusstsein schwand und Schlaf und Traum ihn sanft umfingen.

Neuntes Capitel

Die Gräfin und Hildegard hatten die Ruhe nicht so leicht gefunden. Das Erbe, welches der Letzteren zugefallen, war noch weit beträchtlicher, als man es erwartet hatte, und der Gedanke, die Tochter ohne alle notwendigkeit mit dem Grafen Gerhard sich verbinden zu sehen, dessen Vergangenheit, trotz der Gunst und königlichen Gnade, deren er sich gegenwärtig rühmen durfte, doch immer eine bedenkliche blieb und für den eine Herstellung nicht zu hoffen war, während man ein langes, furchtbares Siechtum für ihn befürchten musste, widerstrebte der verständigen Einsicht der Mutter auf das höchste. Aber ihre Vorstellungen, ihre Bitten, ihre Ermahnungen scheiterten an Hildegard's Entschlossenheit.

Der Graf hatte sich seit Jahren ihrer Neigung zu bemeistern gewusst, er hatte