der Landschaft den Sinn beruhigte und man es sich gern vorstellen mochte, wie der vorschreitende Frühling hier bald schalten und walten und Alles mit seiner reichen Fülle schmücken und verschönen werde.
Die Baronin war von dem Anblicke des Schlosses überrascht, als hätte sie es nicht zuvor gesehen. Es übertraf an Stattlichkeit noch bei Weitem das Bild, das sie in ihrer Vorstellung davon bewahrt hatte, und dass der Bau in seiner Unregelmässigkeit die Spur des Bedürfnisses oder der Laune an sich trug, welche die Herren von Arten von Geschlecht zu Geschlecht bewogen hatten, ihn zusetzend umzugestalten, das gab ihm den Charakter des Historischen, gab ihm sein feudales Ansehen, indem es den Glauben an die Selbsterrlichkeit seiner Besitzer verstärkte.
Von der uralten, auf steiler Höhe rechts über dem schloss liegenden Stammburg, welche einst die Ebene und den Fluss beherrscht und reichen Zoll von der Schifffahrt auf demselben gezogen hatte, waren nur noch die Hälfte der Aussenmauern und die beiden Türme erhalten, die sich, breit und verbunden mit einer von vielen Fenstern durchbrochenen Zwischenmauer, unverkennbar als ein Bauwerk aus der Zeit der deutschen Ritter darstellten. Diese Burg war aber schon zur Zeit der Reformation verlassen worden, und man konnte es an der Architektur des jetzigen Schlosses noch deutlich wahrnehmen, dass die Herren von Arten, als sie aus ihrer Burg in das Tal hinabstiegen, weder die Macht jener Vorfahren gehabt hatten, welche einst die Burg gegründet, noch den Reichtum, mit welchem der Grossvater des jetzigen Besitzers das Schloss im Style der Renaissance vergrössert und verschönert hatte. Die lange Hauptfronte desselben mit dem turmartigen Aufsatze in der Mitte, den der Vater des baron sich für seine astronomischen Liebhabereien hatte errichten lassen, daneben die beiden Seitenflügel, welche sich weitgreifend, wie vorgestreckte arme, zur Rechten und zur Linken ausbreiteten und den grossen, mit alten Bäumen umgebenen Rasenplatz umfassten, machten einen schönen Eindruck.
Hier werde ich glücklich sein! rief die Baronin aus; hier, wo nichts mich von Dir trennt, wo nicht kalte gleichgültige und genusssüchtige Menschen sich zwischen uns stellen! Hier wirst Du mich lehren, was ich tun muss, Dir zu gefallen, Dir zu genügen und Dich zu beglücken! Hier, wo Du und Deine Vorfahren als Kinder spielten, hier ist unsere Heimat, hier gehören wir hin, und hier –
Sie verbarg ihr erglühendes Gesicht verschämt an ihres Gatten Brust, aber ihre Worte ergänzend, fügte er mit gehobener Stimmung hinzu: Hier sollen Deine Kinder, unsere Kinder und Kindeskinder ihre Heimat haben und das Geschlecht aufrecht erhalten, das nun schon über vierhundert Jahre seinen Wohnsitz auf diesem grund und Boden hat.
Das walte Gott! sprach Angelika aus vollem, gläubigem Herzen und bog im nächsten Augenblicke den Kopf zum Fenster hinaus, als sie in das zweite Dorf der herrschaft einfuhren.
Das ist Rotenfeld, sagte der Baron, und wie ein Schleier zog es über seine Mienen.
Es war vorbei mit der frohen Erhebung, die ihn noch eben erfüllte. Er hätte die Augen schliessen mögen, um nicht den Weg zu sehen, den er so oft gekommen war; er hätte es nicht sehen mögen, das kleine Haus am Ende des Dorfes, dessen schmuckes Ansehen der Baronin auffiel und dessen geschlossene Laden ihrem mann das Blut aus den Wangen weichen machten, als Angelika die Frage aufwarf, wem das Haus gehöre und warum es nicht bewohnt sei.
Mein Amme hat darin gelebt! antwortete der Baron, und mit plötzlichem Entschlusse setzte er hinzu: Aber es ist baufällig; ich muss es niederreissen lassen.
Angelika war zu sehr beschäftigt, um dies auffallend zu finden, denn die einzelnen Teile des Schlosses traten immer deutlicher hervor. Der Baron wies ihr die Fenster der Zimmer, die für sie bestimmt waren; die Grenze des Parkes wurde erreicht, und man langte noch zeitig genug im schloss an, um die Reihe der Gemächer bei Tageslicht zu durchwandern, um die junge Herrin die Aussicht aus dem Wohnzimmer geniessen zu lassen, das der Baron ihr mit den antiken Statuetten ausgeschmückt hatte, um ihr lebhafte Aeusserungen der Freude über ihre neue Heimat und über die Landschaft um sie her zu entlocken.
Zehntes Capitel
Zu einer Wirksamkeit auf ihre Umgebung gehört für eine Frau ein besonderer Sinn. Gaben des Geistes und Güte des Herzens tun es nicht allein. Es ist dazu eine Beobachtung nötig, welche das Bedürfen der Andern versteht und errät, und jener selbstlose gute Wille, der das eigene Bedürfen im Verhältnisse zu dem fremden nicht überschätzt. Angelika war von einer Mutter erzogen, welche diese Eigenschaften in hohem Grade besass und welche es verstand, ihren Gutsinsassen eine hülfreiche Herrin zu sein, wie sie ihren Kindern eine treffliche Mutter war. So hatte Angelika es früh gelernt, für Andere zu sorgen, und jetzt, da sich ihr in Richten ein eigener Wirkungskreis eröffnete, wie ihn ihre Mutter von je gehabt hatte, fing sie erst an, sich recht als Hausfrau und als Herrin zu empfinden.
Die alte Dienerschaft der Familie war ihr zusagender als die Lakaien, welche der Baron für die Dauer ihres Aufentaltes in der Hauptstadt angenommen hatte; die grossen, hellen Säle, die man teilweise in ihrer altertümlichen Pracht belassen, die wohlerhaltenen, schweren und geschnitzten Eichenmöbeln derselben waren ihr noch lieber als die Zimmer, welche man modisch erneuert, und sie sprach es bald nach ihrer Ankunft in Richten zuversichtlich aus, dass sie sich hier nie einsam fühlen könne. Es sei ihr, als lebten alle die verehrten Vorfahren mit ihr, die hier in ununterbrochener Reihenfolge geschafft