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der Legationsrat liess den Grafen darüber auch nicht lange im Ungewissen.

Es ist uns heute, sagte er nach einigen einleitenden Begrüssungsworten, mit dem Petersburger Courier eine Privatmission zugegangen, die der hiesigen Gesandtschaft ganz ausdrücklich von dem Ministerium anempfohlen worden ist. Es handelt sich um eine Todesnachricht, um den Brief eines Verstorbenen an eine Dame der hiesigen Aristokratie, die, wie ich aus zuverlässiger Quelle weiss, Ihnen befreundet ist, mit Einem Worte, um einen Brief an die Gräfin Hildegard von Rhoden. Wissen Sie zufällig, ob die Gräfin irgend eine nähere Beziehung zu einem Herrn von Kabeniew gehabt hat, der zur Zeit des ersten Feldzuges Major gewesen ist, und der danach eben seiner Wunden wegen den Dienst verlassen hat?

Der Graf besann sich eine Weile, dann sagte er: Ich habe den Namen von der Gräfin nennen hören, dünkt mich.

Und Sie wissen nicht, ob Herr von Kabeniew ihr nahe gestanden hat, ob man befürchten müsste, ihr mit der Nachricht seines Todes eine Erinnerung zu erwekken, die, ihr von fremder Hand nahe gebracht, vielleicht peinlich für sie sein könnte?

Der Graf hatte dem Legationsrate mit jener verbindlichen Achtsamkeit zugehört, welche ein Zeichen guter Erziehung ist. Jetzt wurde seine Miene plötzlich ernst und kalt, und mit dem Tone bestimmtester Abwehr sagte er: Ich meine mich zu erinnern, dass die Gräfin gegen mich hier und da eines Majors Kabeniew erwähnte, den sie in einem unserer Hospitäler durch eine lange Zeit gepflegt hat; aber wo oder wie sie den Gestorbenen auch kennen gelernt hat, so wird sie sicher das Andenken an ihn nicht zu scheuen haben; dessen dürfen Sie versichert sein, mein Herr!

Der Legationsrat machte eine zustimmende Verbeugung. Ich war dessen selbst gewiss, Herr Graf, beteuerte er. Aber, was wollen Siees waren aufgeregte zeiten, die Bewegung der Gemüter war eine gewaltige, under lächeltenun, wir waren Alle jung, jünger vielleicht als unsere Jahre! Wo eine Welt in Flammen steht, fasst auch der Einzelne leicht Feuer, und es hat dann bisweilen doch sein Schmerzliches, auf eine solche alte Brandstätte zurückgeführt zu werden! – Gerade die ausserordentliche Verehrung aber, deren die Gräfin geniesst, machte es den Gesandten wünschen, sie wo möglich vor jeder Erschütterung zu bewahren, und die Auskunft, die ich von Ihnen, mein Herr Graf, zu erhalten die Ehre habe, bestätigt nur eine Vermutung, die wir selber hegten. Herr von Kabeniew, ich darf Ihnen dies als einem Freunde der Gräfin wohl vertrauen, der unvermählt und ohne nahe Verwandte gestorben ist, hat der Gräfin Rhoden sein ganzes, äusserst beträchtliches Baarvermögen hinterlassen, das, falls sie etwa nicht mehr am Leben gewesen wäre, den hiesigen Hospitälern überwiesen werden sollte. Ich will mich also beeilen, noch heute mich des Auftrages meines Gesandten bei der Gräfin zu entledigen.

Er erhob sich; man wechselte noch einige Worte, welche sich zum teil um die edlen Eigenschaften der Gräfin bewegten, und der Legationsrat hatte sich kaum empfohlen, kaum das Haus verlassen, als um die gewohnte Stunde die Gräfin und Hildegard sich bei dem Grafen einstellten. Sie fanden ihn erhitzt und aufgeregt. Sein Auge glänzte, seine hände waren kalt und selbst der Ton seiner stimme schien seinen Freundinnen ein veränderter zu sein.

Sie fragten, was ihm widerfahren sei. Er wich der Antwort aus, erkundigte sich nach ihrem Ergehen, nach den Vorkommnissen des Tages; aber Hildegard sowohl als ihre Mutter fühlten ihm an, dass er zerstreut, dass er nicht bei der Unterhaltung sei, und man nahm also zu dem buch seine Zuflucht, mit welchem man sich schon seit mehreren Abenden beschäftigt hatte. Indess auch dieses Auskunftsmittel wollte heute nicht verschlagen. So oft Hildegard, welche die Vorleserin machte, ihr Auge von dem buch aufhob, fand sie den blick des Grafen in einer Weise auf sich gerichtet, die sie beunruhigte, und als sie einmal ihre Linke auf dem Tische ruhen liess, so dass der Graf sie von seinem platz aus erreichen konnte, ergriff er ihre Hand und führte sie an seine Lippen.

Das war sonst auch geschehen, und doch lag heute etwas Besonderes in des Grafen Tun, etwas Besonderes in dem Seufzer, mit dem er sich in seinen Sessel zurücklehnte und seine Augen mit seiner feinen, durchsichtig gewordenen Hand bedeckte.

Hildegard konnte nicht weiter lesen. Sie legte das Buch nieder, und sich über den Tisch zu dem Grafen neigend, sprach sie: Es ist etwas geschehen, lieber Onkel, etwas, das Sie betrübt, das also auch uns nicht gleichgültig sein kann. Ich fühle es unwiderleglich, ich empfinde es wie eine Ahnung und es ängstigt mich! Sagen Sie es, sprechen Sie es aus, geliebter Onkel, was haben Sie, was ist vorgefallen?

Der Graf stützte mit der geschlossenen Hand sein Haupt, und es leise und traurig wiegend, sagte er: Wir werden nicht mehr oft beisammen sitzen!

Was soll das heissen? riefen Mutter und Tochter wie aus Einem mund.

Aber statt ihnen zu antworten, entgegnete der Graf: Wie durfte ich darauf auch rechnen? Wie konnte ich nur wähnen, dass so viel Anmut, Geist und Güte allein dazu geschaffen wären, den Niedergang eines Daseins wie das meinige zu verschönen! Und Hildegarden's hände ergreifend, zog er sie näher an sich heran und nötigte sie damit unmerklich, sich von ihrem platz zu erheben.

Sie begriff nicht, was der ganze Vorgang bedeuten konnte