1864_Lewald_163_507.txt

Familie geworden war, trennte sie sich von Seba nicht. Sie waren einander in tiefem Verständniss nahe getreten.

Du hast so Viele gepflegt und gehegt, sagte die Gräfin bisweilen, dass es nur in der Ordnung ist, wenn sich endlich Jemand findet, der Dich nun hegt und pflegt. Davide hat ihren Mann, hat ihre Kinder; ich habe Niemanden als Dich, und es kommt Dir zu, dass ein Wesen um Dich ist, über welches Du ganz verfügen kannst. Wo Du bist, da bin ich, wo Du hingehst, gehe ich mit Dir!

Seba wollte das nicht gelten lassen, denn sie wünschte, Eleonore in einer ihr angemessenen Ehe glücklich zu sehen; aber es war, als hätte das Gemüt der Gräfin noch ein Ruhen nötig, nachdem es ihr in schweren Kämpfen gelungen war, sich mit hülfe ihrer Freunde völlig von den Banden frei zu machen, in denen der Abbé sie gehalten hatte; und Paul bestärkte sie in ihrer Hingebung an Seba.

Lasst sie ungestört gewähren, riet er, wenn Davide in ihrem Glücke Heiratsplane für die Freundin machte. Für eine Eleonore kommt gewiss der Tag, an welchem die Freundschaft ihr nicht mehr allein genügt; lasst uns ihn erwarten.

Sie und Seba hatten in den letzten Jahren verschiedene grosse Reisen gemacht, sie waren auch einen Sommer in Haughton Castle gewesen. Aber Eleonore hatte in England nur ihre nächsten Anverwandten aufgesucht, und obschon von ihnen jetzt wieder bereitwillig empfangen, hatte sie sich doch nach Deutschland und in das Haus zurückgesehnt, in dem ihr zuerst selbstlose Liebe begegnet war und in dem sie es erlernt hatte, sich im Anschlusse an ihre Umgebung, im engverbundenen Zusammenhange des Familienlebens durch Hingabe zu bereichern, durch Unterordnung zu erheben. Man dachte nicht daran, sie besonders aufzuklären, sie zu erziehen. Die Luft macht eigen und die Luft befreit. Man liess das Leben walten.

Freilich wunderten die Leute, vor Allen Renatus und die Seinigen sich darüber, dass die Gräfin Haughton der Aufforderung ihres Gesandten, sich bei hof vorstellen zu lassen, nicht nachkam, dass sie noch immer in Deutschland, noch immer als eine Genossin des Tremann'schen Hauses lebte; man fand sich jedoch endlich damit ab, es ihr für eine ihrer englischen Grillen auszulegen, und des Freiherrn Angelegenheiten waren nicht der Art, ihm eine besondere Teilnahme an den Seelenzuständen der Personen einzuflössen, die nicht im nächsten Zusammenhange mit ihm lebten.

Renatus mochte es ansehen, wie er wollte, das Glück wendete sich ihm nicht wieder zu. Während in Paul's haus eine ganze Schaar von Kindern in Kraft und Gesundheit heranwuchsen, war das einzige Töchterchen, welches Cäcilie ihrem mann geboren hatte, ein schwächliches Kind gewesen, das bald gestorben war, und er hatte bisher vergebens auf die Geburt eines Sohnes gehofft, der seinen Namen erben und in die Zukunft tragen sollte. Die Aussicht, dass Valerio, dass der seinem Vater untergeschobene Sohn vielleicht der einzige Erbe des alten, schönen Namens derer von Arten werden könne, widerstand dem Freiherrn bei der eigenartigen Entwicklung dieses jungen Menschen mit jedem Jahre mehr, und etwas, woran er sich recht von Herzen freuen konnte, hatte Renatus nirgend.

Allerdings war seine Ehe eine würdige und friedliche; aber Vittoria war eine schwere Last für ihn und seine Frau, und auch seine Dienstverhältnisse gestalteten sich nicht so günstig, als er es erwartet hatte. Er wurde trotz der grössten Pflichttreue nicht befördert, das Avancement im Frieden war sehr langsam, und er konnte sich des Gefühles nicht erwehren, dass ein unbekanntes Etwas, dass ein heimliches Uebelwollen ihm, wohin er sich auch wende, hindernd im Wege stehe. Dazu kam er auch mit seinen Vermögensverhältnissen nicht, wie er es gehofft, in die Ordnung. Der Pächter hatte nicht den Mut, seine erarbeiteten Capitalien in das fremde Gut zu stecken, und der Freiherr keine Capitalien, mit denen er selber auf dem Gute etwas hätte unternehmen lassen können. Das Pachtgeld, welches regelmässig genug einging, blieb immer nicht lange in des Freiherrn Händen, weil er gleich bei seiner Verheiratung eine Summe aufgenommen, die er zu verzinsen hatte; und es fanden sich, da die gesellschaftlichen Beziehungen des Freiherrn sich mit jedem Jahre ausdehnten und das Leben in der Residenz mit dem wachsenden Reichtume ihrer Bewohner auch glänzender und üppiger wurde, mit jedem Jahre irgend welche neue Ausgaben, denen man sich anstandshalber nicht zu entziehen vermochte und die ein Abzahlen des gemachten Anlehens hinderten.

Hier und da, wenn Cäcilie es sah, dass Renatus sich in Geldverlegenheit befand, wenn es sie drückte, dass man die eingehenden Rechnungen nicht gleich bezahlen konnte, wenn man die Handwerker und sonstigen Lieferanten um Geduld angehen musste, hatte sie den Vorschlag gemacht, Renatus solle sich von der Garde zu einem der Linien-Regimenter versetzen lassen. Wenn man indessen von der Hauptstadt fortging, wenn man sich also auch aus den Kreisen des Hofes entfernte, so gab man damit alle die Vorteile auf, welche in monarchischen Staaten dem Staatsdiener aus der persönlichen Bekanntschaft mit seinem Herrn gelegentlich erwachsen können, und die man im Laufe der Jahre zu erreichen eben bemüht gewesen war. Eine Versetzung von der Garde zur Linie, eine Uebersiedelung in eine Provinzialstadt liess sich aber, ganz abgesehen davon, dass sie dem Freiherrn wie ein Herabsteigen erschienen wäre, ohne einen namhaften Geldaufwand auch nicht bewerkstelligen, den man denn, wie die beiden Gatten meinten, doch besser und dem Zwecke entsprechender in der Residenz verwerten konnte.

Man blieb also