Paul ihre Hand hin. Er schlug mit festem Schlage ein und schüttelte sie ihr wie einem mann. Mut, Gräfin! sprach er mit der vollen stimme, die schon in ihrem blossen Klange etwas Ermutigendes hatte. Die Welt geht nicht unter, wenn ein Stein unter unseren Füssen fortrollt, auf den wir mit Sicherheit treten zu können meinten! Irgendwo findet sich ein Ast, an dem man sich halten kann, und – er reichte ihr mit schöner, herzgewinnender Freundlichkeit noch einmal seine Rechte hin – zur Not bin ich auch noch da! fragen Sie Seba und Davide, ob ich loszulassen pflege, was ich in die Hand genommen habe!
Lieber, lieber Freund! rief die Gräfin und blickte wie eine Tochter ergeben und vertrauensvoll zu ihm empor. Was soll ich tun? Sagen Sie's, ich folge Ihnen unbedingt!
Paul machte eine abwehrende Bewegung. Kein blindes Gehorchen, kein unbedingtes Vertrauen, liebe Gräfin! warnte er. Ich bin kein Priester! Aber ich würde mich freuen, wenn Sie mir den Brief zu lesen geben wollten, den Sie dem Abbé auf seine heutige Zuschrift senden.
Was soll ich ihm sagen? fragte sie, von dem Gedanken dieser unerlässlichen Annäherung ergriffen und erschreckt. Was soll ich ihm sagen?
Die Wahrheit! entgegnete ihr Paul.
Wird er Eleonore nicht festzuhalten streben? Wird er nicht Alles anwenden, sie uns zu entreissen? wendete Davide ein.
Gewiss! aber Eleonore ist ja nicht mehr allein in ihrem stolzen Haughton Castle! Sie ist in eines Bürgers haus, sie hat sich ja eben freiwillig als der Unseren Eine unter meinen Schutz gestellt, und wenn wir auch nicht wie sie in ihrem freieren vaterland von uns sagen können: "Mein Haus ist meine Burg!" so bin ich doch Herr in meinem haus, und sie soll, wie wir alle ruhig leben, ruhig schlafen, und sich frei bewegen unter meinem dach und unter meinem Schutze, bis sie uns nicht mehr braucht, bis sie gelernt hat, wieder aus eigenem Antriebe ihren eigenen und, ich denke, einen schönen, neuen Weg zu gehen!
Achtes Capitel
Nach grossen Stürmen pflegen, wie in dem Leben der Völker, so auch in dem Leben der einzelnen Menschen, wenn die aufgeregten Wogen sich geebnet haben, lange und tiefe Windstillen einzutreten, in denen die wasser sich beruhigen und allmählich so sanft hingleiten, dass man es leicht vergisst, wie es eben noch anders gewesen ist und was unter der glatten Oberfläche in der Tiefe schlummert. Was man erlebte, was man erlitt, wird von dem Einzelnen mehr und mehr vergessen, von der Gesammteit überwunden und ausgeglichen. Man meint, es sei des Erfahrens nun genug gewesen, man hofft, der gewonnenen Einsicht in Ruhe froh werden zu können, man sieht rund um sich her vielfach ein Wachsen und Gedeihen, und da man ohne sein besonderes Zutun von dem allgemeinen Elende sein reichlich teil getragen, so wird man zu der Meinung verführt, dass man auch ohne sein besonderes Zutun des Guten teilhaftig werden müsse, das sich um uns her entfaltet hat, und dass das allgemeine Wachsen und Gedeihen mit seiner Segensfülle zudecken müsse, was der Eine oder der Andere sich nicht gern eingestehen und gern verbergen möchte.
Handel und Wandel standen denn auch, nachdem wenig mehr als ein Jahrzehend seit der Befreiung Deutschlands von der Fremdherrschaft verflossen war, wieder in voller Blüte. Die Industrie und der Landbau waren zu einem Aufschwunge gekommen, von dem man bis dahin in unserem vaterland noch kaum eine Vorstellung gehabt hatte, und an der Spitze der bedeutendsten Unternehmungen fand man fast immer das mit jedem Jahre mächtiger werdende Tremann'sche Handlungshaus. Paul war einer der reichsten und zugleich einer der angesehensten Männer der Stadt und des Landes geworden. Sein Einfluss kam nicht nur dem eigenen Schaffen, sondern auch den Angelegenheiten der mit ihm verbundenen Menschen sehr zu Statten. Er selber hatte sich freilich schon von den Fabrik- und industriellen Geschäften zurückgezogen, die er bald nach Beendigung des Krieges mit Steinert und Herbert gemeinsam unternommen hatte, um sich gänzlich wieder dem grossen Geldgeschäfte zuzuwenden; dafür arbeiteten aber die Söhne und Schwiegersöhne seiner beiden Freunde mit diesen jetzt gemeinschaftlich und einander in die hände.
Eva war, wie sie das gewünscht hatte, in dem alten, auf das beste ausgebauten Amtshause in Rotenfeld mit ihrem Herbert angesessen. Sie sah in behaglicher Ruhe ihrem Lebensabende entgegen, während der junge Steinert, der seine Cousine Angelika geheiratet hatte, und Steinert's Schwiegersohn mit seiner Eveline, der Eine auf dem von Rotenfeld jetzt abgezweigten Vorwerke, der Andere in Neudorf sich tüchtig regten. Auf den Gütern, deren Ertrag nach dem Abgange von Adam Steinert in den letzten Lebensjahren des Freiherrn Franz so tief heruntergekommen war, dass er die Bedürfnisse der Herren von Arten nicht mehr deckte, fanden jetzt drei Familien ein reichliches Auskommen und ein immer wachsendes Gedeihen, weil sie selber schufen und erwarben, was sie brauchten, weil sie ihre Bedürfnisse und ihre Einnahmen in Einklang erhielten und weil ihre eigene Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit den Arbeitern um sie her zu einem Antriebe und zu einer Ermutigung gereichten, die den Gutsbesitzern ebenfalls zu Nutze kamen.
Ein Jahr nachdem Herbert sich in dem Rotenfelder Amtshause niedergelassen hatte, war Seba in der Mitte des Sommers in ihre heimatliche Provinz zurückgekehrt, um ihr altes Vaterhaus einmal wiederzusehen und Herbert auf seinem Gute zu besuchen, und Eleonore hatte sie dabei begleitet. Seit die Gräfin in das Tremann'sche Haus gezogen und gleichsam ein Mitglied seiner