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als zwei reine Flammen in der glühenden Begeisterung Eines Liebens, Eines Glaubens, Eines Hoffens zu Gott erheben. Meine ganze Seele schmachtet nach dem Glücke! – Komm, denn ich erwarte Dich!"

Seba faltete, ohne ein Wort zu sprechen, den Brief zusammen, und eben so lautlos warf Eleonore sich mit beiden Armen der Freundin um den Hals und weinte bitterlich. Seba drückte sie an sich und hielt sie sanft umfasst.

Es war sehr still in dem Garten, Davide hatte sich entfernt, um das Kind, das an ihrem Busen eingeschlafen war, zur Ruhe zu bringen, der Knabe war ihr gefolgt, und Paul sass, die französischen Zeitungen lesend, in dem Schatten der grossen, vor dem Gartensaale stehenden Bäume. Kein Lüftchen regte sich. Man hörte die Bienen leise summen, ehe sie sich in die Kelche der Blumen niedersenkten, in dem dichten Buschwerke sang und lockte die Nachtigall.

Richten Sie Sich auf, Eleonore, sagte Seba endlich. Es ist gut, dass dieser Brief gekommen ist. Sie hatten ihn erwartet; ich fühlte es Ihnen immer an. Was denken Sie zu antworten? Was wollen Sie tun?

Weiss ich's denn selbst? entgegnete die Gräfin, und nachdem sie noch einmal in ihr schwermütiges Sinnen versunken war, sagte sie plötzlich: Es ist mir wie einem Träumenden zu Mute. Was ich am deutlichsten wissen glaubte, was mich das Lebendigste, das Notwendigste dünkte, Alles, worauf ich mich stützen zu können wähnte, zerrinnt mir wie Nebel, wenn ich mein Auge darauf richte, und es tut sich mir hinter demselben eine Ferne, eine Weite auf, die mir fremd ist und in der ich mich nicht zurecht zu finden weiss. Ich möchte, wenn es möglich wäresie zögerte und schwieg.

Sie möchten Geschehenes ungeschehen machen können! fiel ihr Seba in die Rede, um ihr zu hülfe zu kommen.

Ja! rief Eleonore, als habe Seba mit dem blossen Aussprechen dieses Wortes eine Fessel von ihr genommen, ja! Ich wünschte, ich hätte mein ganzes Leben nicht gelebt!

So vergessen Sie es und beginnen Sie ein besseres, ein neues!

Kann man das? fragte Eleonore. Kann man es sich selber vergessen machen, was man empfunden hat?

Seba nahm sie bei der Hand. Sehen Sie, Eleonore, sprach sie sanft, seit mehr als zwanzig Jahren schaue ich dem Leben jener Bäume zu, die da drüben, jenseit des Flusses, in dem Garten stehen. Als ich zum ersten Male im Herbste ihr Laub erbleichen und zu Boden fallen sah, war ich jung wie Sie, und unglücklich, weit unglücklicher, als Sie, denn ich hatte mein Herz mit seiner reinsten Liebe einem mann zugewendet, den ich verachten musste, ich hatte durch meine Schuld mich selbst verloren; und ich sah in jenem Herbste auf die entblätterten Bäume hin und dachte: sie sind dein Bild, dein und ihr Frühling, deine und ihre Blütenzeit sind hin, es ist Winter geworden und Alles ist tot und öde, tot und öde für immer!

Sie hielt inne, die Gräfin küsste ihr die Hand. Da glitt ein melancholisches Lächeln über Seba's Antlitz, und ihr Haupt mit seinen schönen Augen zu ihrer jungen Freundin wendend, sagte sie mit einem Tone, welcher dieser tief in's Herz drang: Und nun blicken Sie hinüber, ob ich mich nicht irrte? Ob das Leben nicht viel mächtiger, die Welt in ihrem ewig waltenden Werden nicht viel wundertätiger ist, als unser armes Herz in seinem kleinmütigen Verzagen es für möglich hält? Jener Winter ist entschwunden, und mancher andere nach ihm, und jeder neue Frühling hat meinen alten Bäumen drüben neues Leben und neues Blühen gebracht, und in allem ihrem Blühen und Vergehen sind sie gewachsen und gewachsen, und der Abfall ihrer Blätter selbst hat dem Boden, der sie erzeugte, noch Wärme und noch neue Kraft verliehen! Und Sie wollten dem Leben entsagen, weil Sie einmal irrten? Sie wollten Sich gebunden glauben durch den Eid, den Sie in einer geflissentlich durch fremden Willen in Ihnen erregten leidenschaftlichen Ueberspannung geleistet haben? Wie dürfen Sie nur daran denken, einen unfreiwilligen Irrtum Ihres Verstandes, eine Uebereilung Ihres Herzens zu einer bewussten Lüge zu machen? Nimmermehr, Eleonore! Das darf, das kann nicht geschehen! –

Sie hatte die letzten Worte unwillkürlich mit erhobener stimme gesprochen, so dass Paul und Davide, die herangekommen waren, sie vernommen hatten, und Paul die Frage aufwarf, wovon die Rede sei.

Seba gab ihm eine andeutende Antwort, aber Eleonore sagte sehr bestimmt: Wir sprachen von einem traurigen gegenstand, von mir und meiner Zukunft, und es ist gut, dass Sie, meine Freunde, jetzt dazugekommen sind, denn ich fühle mich halt- und ratlos! Ich habe Stunden, in denen ich mich in Lebenslust an das Dasein klammern, und Tage, an denen ich aus Widerwillen gegen mich selbst, mich vor der Welt verbergen und ein Herz in Einsamkeit begraben möchte, das ... – Sie brach plötzlich ab, und nach kurzem Schweigen heftig auffahrend, rief sie: Wenn Sie es wüssten, wie man mich umworben hat, wenn Sie wüssten, wie ich in dem Glauben an eine grosse, reine Liebe mich mit Stolz zurückgehalten habe, von den Spielen des Herzens, in denen die Mehrzahl der Frauen sich gefällt und genügt! Rein und ganz in meinem Empfinden, so hatte ich mich und