vor dem Alleinsein fürchtet, langte die Gräfin unwillkürlich nach der älteren Freundin Hand, und sich auf die nahe stehende Gartenbank niederlassend, bat sie leise: Bleiben Sie!
Es war ein langer Brief. Die Gräfin hatte ihn gelesen und noch einmal gelesen, dann liess sie die Hand, mit der sie ihn hielt, auf ihre Kniee niedersinken und sah sinnend vor sich hin. Seba sass schweigend an ihrer Seite. Sie kannte die Erlebnisse der Gräfin jetzt in allen ihren Einzelheiten durch diese selbst, und Eleonore hatte auch vor Paul und vor Davide kein Hehl aus ihnen zu machen gewünscht, wennschon sie den Beiden nicht direkt davon gesprochen hatte. Nur von dem Religionswechsel und von ihren religiösen Zweifeln war zwischen ihr und Paul zum Oefteren die Rede gewesen, und er hatte es ihr nie verborgen, wie er über das blinde, unbedingte Glauben, wie er über den Glauben an positive Religion, wie er über den Gottglauben überhaupt denke und was er von jener Anschauung halte, die im neunzehnten Jahrhundert die Veredlung und Selbstvollendung des Menschen noch durch seine Einsamkeit erreichen zu können wähne. Aber er hatte diese gespräche nie geflissentlich gesucht. Denn gerade weil Eleonore durch augenblickliche Entschlüsse, durch gewaltsame Eindrücke und durch die Macht einer ihr Herz beherrschenden mächtigen leidenschaft zu einem Abfalle von ihrer wahren überzeugung und zu einem Handeln gegen die eigentlichen Bedingungen ihrer natur verleitet worden war, meinte er, dass, wenn überhaupt eine hülfe für sie möglich sei, ihr diese nur auf dem Wege der eigenen Einsicht und der ruhigen, sie zur erkenntnis langsam führenden Erfahrung mit Erfolg bereitet werden könne.
So liess denn auch Seba ihr eine Weile Zeit, sich zu sammeln, und erst als sie bemerkte, dass Eleonore es schwer finde, in diesem Augenblicke von sich zu sprechen, sagte sie: Sie haben einen Brief von dem Abbé erhalten?
Eleonore bejahte es, und was sie nie zuvor getan hatte, sie reichte der Freundin das Schreiben hin.
"Ich komme von einer Reise zurück," also hob es an, "die ich im Auftrage meiner Oberen unternommen und die mich durch den ganzen Winter und das ganze Frühjahr in den Geschäften unsers Ordens fern im Orient gehalten hat. Von den Ufern des Nil, an den heiligen Wassern des Jordan, von der Schädelstätte und an des heiligen Grabes geweihter Schwelle sind meine Gedanken zu Ihnen gegangen, und ich habe für Sie gebetet, Eleonore, gebetet, dass auch Ihnen der Friede kommen möge, mit dem ich an Sie denke; dass Ihre endliche Bekehrung zu der einzigen und alleinig wahren Lehre Sie reinigen und Ihren Sinn erheben möge, wie sie mich hinaushebt über mich selbst und über all mein menschliches Verlangen und Begehren. Ich habe Ihnen geschrieben und meine Briefe in unser Frauenkloster nach Trinità di Monte gesendet. Zurückgekehrt nach Rom, bin ich gegangen, Sie in den heiligen Mauern aufzusuchen, in denen ich Sie zu finden glauben musste. Aber Sie waren nicht dort, und erst auf Umwegen habe ich erfahren, wo Sie weilen und dass Sie krank gewesen sind.
Wesshalb schrieben Sie mir nicht, wesshalb riefen Sie mich nicht? Ein Wort von Ihnen, das mich hätte ahnen lassen, Sie bedürften meines Trostes, hätte mich zu Ihnen geführt. Streng, wie unsere gesetz uns binden und unsere Oberen über uns walten, würde man es mir als mein Recht zuerkannt und nicht geweigert haben, Ihnen, deren Seele ich dem Lichte gewonnen, in den Stunden der Krankheit und der möglichen Entmutigung meinen Beistand leisten zu dürfen, und Sie zu ihm und auf ihn hinzuweisen, der unser Stab und unsere Leuchte, unser ewiges Heilmittel und der Weg zu unserem ewigen Leben ist.
Sie waren dem tod nahe, Sie sind genesen und Sie haben, ich weiss es, nicht einmal danach verlangt, Sich durch den Genuss des heiligen Abendmahles, Sich durch das erlösende Sakrament, der Gemeinschaft anzuschliessen, der Sie angehören, Sich der Gnade und Vergebung zu versichern, die uns den Weg durch dieses Leben und den dunkeln Pfad in das Jenseitige ebnet und erhellt. Was soll ich davon denken? Was bedeutet das?
Wäre es möglich, dass Ihre Seele wankend geworden ist? Wäre es möglich, dass Du sie vergessen könntest, die Schwüre, mit denen Du Dich mir und meinem Glauben zugeschworen? Dass Du sie vergessen könntest, die gesegnete Stunde, in der meine blutigen Tränen und die Angst meines durch Dich gemarterten Herzens Dich und mich neugeboren haben zu dem ewig unauflöslichen Bündnisse unserer Liebe in Gott? Solltest Du abfallen, untreu werden können mir, Dir selbst und ihm, dem Du gelobt hast, Dein Leben ausschliesslich seiner Anbetung zu weihen?
Meine Seele erbebt vor dem Gedanken! Ich liege auf meinen Knieen, und meine starke, feurige Liebe für Dich ersehnt und erfleht von dem Höchsten Deine Treue für ihn. Ich zähle die Stunden, bis mir Kunde kommen wird von Dir, die Stunden, bis ich, an das Gitter des frommen Hauses tretend, mir werde sagen dürfen: es birgt wie ein goldener Heiligenschrein den Schatz, den du der heiligen Gemeinschaft zugeführt, es umschliesst das edle Herz, das du der Kirche zu gewinnen durch Gottes Gnade würdig befunden bist, und es erwächst in dieser gesegneten Mauern stiller Hut eine jener Frauenseelen für das Herrscheramt innerhalb der Kirche, der die Starken sich mit Anbetung und Wonne neigen.
Komm, meine Schwester! Komm, Du Ersehnte meiner Seele, lass mich die Stunde nicht mehr lange erwarten, in welcher unsere Seelen sich