, Valerio erzählen zu machen, sei es, dass er von seinem Leben auf dem land oder von seinen gegenwärtigen Besuchen in seines Bruders haus und bei seiner Mutter plauderte. Sein lebhaftes Mienenspiel, seine Beobachtungs- und Nachahmungsgabe, die Keckheit seiner Bemerkungen gewährten den jungen Leuten einen heitern Zeitvertreib. Sie hielten vor ihm auch nicht, wie vor den andern Knaben zurück. Mit Cherubin, dem schönen Pagen, wie sie ihn hiessen, brauchte man sich auch nicht in Acht zu nehmen. Er wusste, was er sagen und wovon er schweigen sollte; er hatte das in Richten zwischen den beiden feindlichen Haushaltungen früh erlernt, und er hörte es gern, wenn man ihn den Pagen hiess.
Er hatte schon in der Heimat seinen Figaro gelesen, er hatte das Pagenlied stets vor allem Andern geliebt; und nun vollends, seit er mit der Mutter Mozart's Figaro auf der Bühne gesehen und gehört hatte, seit die Mutter und Emilio es rühmten, wie genau er das Mozart'sche Pagenlied behalten habe, liess er sich den Namen im Kadettenhause doppelt gern gefallen. Vittoria selber nannte ihn bald nicht anders, und ihren Cherubino Sonntags, wenn sie Leute bei sich hatte, das "Voi che sapete" zum Flügel singen, ihren Cherubino von der Gesellschaft bewundern zu lassen, das war, wenn Renatus es nicht hinderte, ein Genuss, den sie sich und ihrem Sohne selten nur versagte.
Siebentes Capitel
Die Aurikeln blühten schon, und die grossen Dolden der Fliederbüsche strömten ihren Duft über die weiten Rasenplätze des alten Gartens von Tante Ester aus, als Seba eines Tages auch wieder ihren Kranz auf das Monument gehängt hatte und langsam, des schönen, warmen Frühlingswetters froh, durch die breiten Wege nach dem Zelte vor dem Gartensaale zurückging. Die Gräfin Eleonore war an ihrer Seite.
Die Genesene hatte noch nicht ihre völlige Frische wiedergewonnen, aber das Leben war doch wieder mächtig in ihr, und sie bedurfte des stützenden Armes ihrer Freundin nicht mehr. Sie ging frei und festen Schrittes neben ihr her, nur ihr Auge war nicht mehr so strahlend, als in den Tagen, in welchen Renatus sie hatte kennen lernen, und auch die stolze Zuversicht jener Zeit war nicht mehr in ihr.
Eine Weile schritt sie schweigend durch die Alleen, dann, als sie sich schon dem Zelte genähert hatten, unter welchem Davide sass, die ihr Töchterchen nährte, während der Knabe mit seinen von der Sonne schon gebräunten Armen sich in dem grossen Garten, recht nach Menschenart, seinen eigenen Garten zu machen strebte, wendete Eleonore sich in einen der Seitenwege, und Seba's Arm in den ihren legend, führte sie sie mit sich fort.
Kommen Sie, meine Freundin, sagte sie, ein wenig will ich Sie noch für mich besitzen. Sind Sie erst wieder in dem Zelte, dann gehören Sie mir nicht mehr allein, dann gehören Sie Ihren Kindern und Ihren Enkeln – Eleonore bezeichnete Tremann und die Seinen gegen Seba stets mit diesem Namen – und nicht nur Adel, wie es das französische Sprüchwort sagt, legt uns Verpflichtungen auf: auch Güte verpflichtet. Sie müssen gütig zu mir sein, weil Sie so gut gegen mich gewesen sind.
Seba drückte ihr mit freundlichem Worte die Hand, und Eleonore meinte nach einer kurzen Pause: Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie tröstlich es mir ist, wenn ich Sie an jedem Tage mit derselben Herzenstreue das gleiche Liebeswerk verrichten und immer befriedigt von demselben wiederkehren sehe. Anfangs ging ich dazu mit, weil ich eben bei Ihnen bleiben, Sie begleiten wollte. Jetzt denke ich schon, wenn ich zu Ihnen komme, dass wir die Blumen pflücken und nach dem Denkmal tragen müssen, und ich glaube, wären Sie nicht hier, ich täte, ohne Ihre toten hier gekannt zu haben, ganz dasselbe. Es ist etwas Schönes um ein alltäglich Tun, es verbindet jeden unserer Tage mit der Vergangenheit und Zukunft, es gibt jedem Tage einen Mittelpunkt. Wenn ich – – ihre stimme wurde weich – wenn ich fern von Ihnen sein werde, liebe Seba, werde ich zu Ihrem und der Ihren Angedenken an jedem Tage auch einen solchen Herzenskultus üben, und wie Sie unter den Lebenden der toten denken, werde ich in meiner Einsamkeit mit noch grösserer Liebe – ach, und mit welcher sehnsucht! – an Sie Alle, die ich hier verlasse, denken.
Sie waren während dieser Worte nach der Seite des Gartens gekommen, an welcher Paul's Arbeitszimmer lagen, und dieser, der eben sein Tagewerk beendet hatte, trat, als er sie gewahrte, zu ihnen in den Garten hinaus.
Er sah sich zuerst nach seiner Frau und seinen Kindern um, erkundigte sich dann nach Eleonorens Ergehen und nannte es einen bequemen Zufall, dass sie eben da sei, da er einen Brief für sie erhalten habe. Sie fragte, woher derselbe sei.
Er ist uns durch einen unserer römischen Geschäftsfreunde vor einer halben Stunde zugekommen, und ich hoffe, dass man ihn noch nicht zu Ihnen in das Hôtel geschickt hat, gab er ihr zur Antwort, während er hineinging, sich nach dem Briefe umzusehen.
Die Gräfin war bei der Nachricht bleich geworden, und die Bewegung, mit welcher sie das Schreiben aus Paul's Hand empfing, liess ihre Freunde nicht darüber im Ungewissen, von wem es ihr kam. Auch wollten beide sich entfernen, ihr Zeit und Ruhe zum Lesen zu geben; aber wie ein Kind, das sich