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, und er musste jetzt zusehen, wie er mit den Folgen seiner unzeitigen Grossmut fertig werden konnte, auf die Vittoria in ihrem Leichtsinne sich zu verlassen gewohnt worden war. Er trug auch in diesem Falle die Folgen eines fremden Verschuldens; es war wieder die Rückwirkung an und für sich guter, aber nicht an rechter Stelle angewendeter Empfindungen und Taten, unter welcher er zu leiden hatte und die ihn misstrauisch nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen sich selber zu machen begann.

Seine grübelnde Sinnesart, sein alter Glaube, dass er einmal nicht zum Glücke geboren sei, fingen wieder an, sich in ihm zu regen. Das rasche bewegte Leben während des Krieges hatte diesen Grundton seines Wesens übertäubt, der ihm, wie er glaubte, durch die Schwermut angeboren sein mochte, mit welcher seine Mutter ihn unter ihrem Herzen getragen hatte. Nun, da er trotz seiner guten Vorsätze und seiner redlichen Bestrebungen, sich ein ruhiges und würdiges Leben zu errichten, immer auf neue Behinderungen stiess, tauchte jener melancholische Zug auf das Neue so stark in ihm empor, dass er die notwendigkeit fühlte, sich dagegen aufzulehnen, wenn er durch sein Schwarzsehen nicht Cäciliens ihn beglückende Heiterkeit zerstören wollte. Sie machte ihm ohnehin aus Liebe stets den Vorwurf, dass er in seinen Besorgnissen weiter gehe, als es nötig sei. Sie übernahm es gutwillig, Vittoria in ihren Ansprüchen allmählich einzuschränken, sie bat ihren Gemahl, keine weiteren Erklärungen mit der Stiefmutter herbeizuführen, keine bindenden Versprechungen von ihr zu begehren. Sie erbot sich, Vittoria des Abends zum Ausgehen oder zu einer gemeinsamen Geselligkeit zu überreden, sie verhiess, in ihrer Wirtschaft solche Ersparungen zu machen, dass man die Möglichkeit behielte, der Stiefmutter eine gewisse eigene Geselligkeit zu gestatten, und da Vittoria, von der jungen Baronin gutem Willen gerührt und beruhigt, sich dieser immer wieder mit der alten Neigung anschloss, übernahm Cäcilie ihr Mittleramt in der Tat mit Zuversicht und Freude.

Sie, die zuerst auf Vittoria's Unbesonnenheiten warnend hingewiesen hatte, gab es dem Freiherrn doch zu bedenken, dass Vittoria's Unstätigkeit erst seit ihrer Trennung von Valerio hervorgetreten sei. Sie verlangte also, dass man Valerio so oft als möglich nach haus kommen lasse. Sie setzte es durch, dass er, in dem sich auch eine auffallend schöne stimme herauszubilden begann, die Mutter, wenn es sich irgend tun liess, in die Teater begleitete; und Mutter und Sohn verlangten es nicht besser. Die Baronin verzichtete, wenn sie Valerio bei sich hatte, am Abende auf geselligen Besuch in ihren Zimmern, sie sang mit dem Sohne, dessen musikalisches Gedächtniss ein ganz ungewöhnliches war, und selbst Renatus und Cäcilie hatten ihr Vergnügen daran, wenn Valerio mit seiner feurigen Lebendigkeit ganze Scenen aus den Opern, in welche die Mutter ihn an den Sonntagen zu führen pflegte, vor ihnen nachzuspielen und zu singen unternahm.

Seine Vorliebe für das Zeichnen schien dadurch plötzlich in den Hintergrund zu treten. Er hantierte allerdings noch immer mit dem Bleistifte und der Feder, aber es waren nur noch Opern-Scenen, die er entwarf, wenn er nicht Karrikaturen auf seine Mitschüler und Vorgesetzten zeichnete, deren komische wirkung bei unverkennbarer Aehnlichkeit in der ganzen Anstalt von sich sprechen machte.

Von Valerio's Verhalten in dem Kadettenhause war überhaupt nicht viel zu rühmen. Seine Zeugnisse erkannten zwar seine Begabung an, rügten jedoch seinen Mangel an Ausdauer und wahrer Arbeitslust, und kaum eine Woche verging, in welcher es für ihn nicht irgend ein Vergehen gegen die Disciplin der Anstalt zu büssen gegeben hätte. Wenn er auf solche Weise an einem Sonntage den Besuch bei der Mutter verscherzte, wusste er das nächste Mal durch verdoppelte Liebenswürdigkeit seine Bestrafung vergessen zu machen, und selbst Renatus, der sich vorgenommen hatte, ihn streng zu behandeln, fühlte sich oftmals wider seinen Willen von ihm hingerissen. Man musste sich sagen, dass ein Knabe, der in so schrankenloser Willkür aufgewachsen sei, es schwerer als Andere finden müsse, sich dem strengen Zwange zu fügen; sogar unter seinen Lehrern fanden sich Einer und der Andere, die für ihn sprachen, die der Ansicht waren, dass man mehr als mit Andern Geduld mit ihm haben und ihm Zeit vergönnen müsse, sich allmählich unterordnen und beherrschen zu lernen, wenn man seine ungewöhnliche Lebendigkeit nicht zu einem Nachteil für ihn selber verkehren und ihn dahin bringen wolle, seinen fröhlichen Freimut hinter der Maske einer erheuchelten Sinnesänderung zu verbergen, die vorzunehmen und aufrecht zu erhalten, eben ihm, bei seiner Lust am Darstellen, verlockend werden könnte.

Wie dem aber auch sein mochte, Valerio war in dem Kadettenhause eben so schnell der Liebling seiner Mitschüler geworden, als seine Mutter die Gesellschaft für sich gewonnen hatte. Seine auffallende fremdartige Schönheit, die Leichtigkeit, mit welcher er neben dem Deutschen das Französische und das Italienische sprach, die Bereitwilligkeit, mit der er Jedem zeichnete, was man von ihm verlangte, und seine erfinderische Phantasie, die ihn immer neue Spiele und neuen Zeitvertreib ersinnen liess, führten ihm die Herzen seiner Altersgenossen zu, während seine ungewöhnliche Frühreife die älteren Kadetten belustigte. In der Einsamkeit seines heimatlichen Schlosses hatte er, Dank der Achtlosigkeit seiner Mutter, mehr von dem Leben erfahren, als es Knaben seines Alters sonst geschieht, und der freie Gebrauch, den er bis zu der Rückkunft seines Bruders von des verstorbenen Freiherrn reicher Büchersammlung machen dürfen, hatte die romantische und abenteuerliche Geistesrichtung Valerio's noch erhöht.

Es war eine Hauptbelustigung der älteren Zöglinge des Hauses