auch mit einem Widerstreben von seiner und seiner Gattin Seite, allmählich doch geschehen, dass Vittoria in ihren Zimmern Abends nach eigenem Ermessen ihre musikalischen Bekannten bei sich sah.
Anfangs war das nur bisweilen vorgekommen und die Zahl ihrer Gäste war nicht gross gewesen. Man war jedoch damals überhaupt noch geselliger, als jetzt; es verging daher bald kaum ein Abend, an welchem Vittoria ihre Freunde nicht empfing. Eine Weile sah Cäcilie das mit an; da sie aber, Dank ihrer Erziehung, eine achtsame Haushälterin geworden war, fand sie sich bald veranlasst, ihrem mann die Mitteilung zu machen, dass Vittoria's Weise, ein offenes Haus zu haben, Ausgaben verursache, welche sie mit den ihr von Renatus für den gesammten Haushalt festgesetzten Summen nicht zu decken vermöge.
Renatus, dem es Ernst damit war, seine Vermögensverhältnisse zu ordnen, erklärte also seiner Stiefmutter, dass er sie bitten müsse, eine Aenderung in ihrer Lebensweise einzuführen, und er gab ihr auch die Mittel und Wege an, wie eine solche ohne alles aufsehen leicht einzuleiten sein würde, wenn sie sich entschliessen wolle, ihre Abende gelegentlich ausser dem haus zuzubringen. Aber Vittoria, die von ihrem Gatten stets wie ein Kind behandelt worden, war auch ein Kind geblieben. Sie weinte, wo sie je auf einen Widerstand gegen ihren Willen stiess, sie hielt es Renatus, als er auch wieder einmal mit grosser Schonung nur einige Rücksicht für sich forderte, in leidenschaftlicher Heftigkeit und jede Rücksicht vergessend als eine unedle Handlung vor, dass er ihr, die auf seine Grossmut angewiesen sei, das Gnadenbrod, welches er ihr reiche, zum Vorwurf mache; sie erinnerte ihn an die Liebe, die er einst für sie gehegt, sie gab ihm ihre freudlose Jugend zu bedenken, sie klagte seinen Vater und ihr Schicksal an, und aufgelöst in Tränen warf sie sich dann Renatus doch wieder in die arme, der, in allen seinen Empfindungen beleidigt, sie endlich nur zu beruhigen suchen musste, wollte er die Aufmerksamkeit seiner Leute nicht auf diese Scene ziehen.
Vittoria liess sich danach zwei Tage lang nicht sehen; ihre Dienerin meldete, dass sie krank sei. Erst am dritten Tage erhob sie sich; aber auf der Herrin Befehl wies Gaetana die Personen ab, welche gekommen waren, die Baronin zu besuchen. Nur Emilio wurde vorgelassen, und bald war er's allein, mit dem Vittoria fast allabendlich nach dem Teater den Tee in ihren Zimmern einnahm. Auch dagegen musste der Freiherr Einspruch tun. So schwer es ihm fiel, musste er es seiner Stiefmutter zu bedenken geben, dass eine solche Vertraulichkeit mit einem mann, der in der Gesellschaft durch seine glücklichen Abenteuer von sich sprechen mache, nicht stattaft sei, und er hatte dabei natürlich neuen Tränen, neuen Scenen zu begegnen, die ihm mit jedem neuen Anlasse peinlicher und lästiger werden mussten.
Es kam Renatus hart an, aber er konnte sich jetzt der überzeugung nicht mehr verschliessen, dass sein Vater nicht wohl daran getan habe, den Fehltritt Vittoria's zu verbergen und ihm die sorge für eine Frau, deren leidenschaftliche Verirrung er gekannt hatte, ihm die sorge für einen jungen Menschen aufzubürden, der nicht sein Bruder war und der, wie seine ganze entwicklung es verriet, mit der Begabung seiner Mutter auch ihre völlig rücksichtslose Phantastik ererbt hatte.
Das Selbstvertrauen und die Zuversicht, mit denen der Freiherr im Beginne seiner Ehe auf seinen neu errichteten Hausstand und in das Leben und in seine Zukunft geblickt hatte, hielten vor den oftmals wiederkehrenden Verdriesslichkeiten mit Vittoria nicht Stand. Er wünschte lebhaft, dass er sie nicht von Richten fortgenommen, dass er sie nicht zu seiner Hausgenossin gemacht hätte. Nun es aber einmal geschehen war, hielt er es doch nicht für geraten, eine Aenderung herbeizuführen. Da er bereits, wie man es wusste, mit den nächsten Anverwandten seiner Frau und mit seinem Oheim, dem Grafen Gerhard, in keinem guten Einvernehmen lebte, konnte er sich mit der witwe seines Vaters nicht wohl verfeinden, ohne die Meinung der Gesellschaft wider sich zu haben, welche durch die blendenden Eigenschaften Vittoria's sehr für dieselbe eingenommen war. Sie hatte sich zum teil auf seine und auf Cäciliens Kosten den Ruf der höchsten Liebenswürdigkeit gewonnen, ihre Weise, sich gehen zu lassen, hatte etwas so Natürliches, dass man sie überhaupt für einfach und natürlich hielt, und Renatus, der eine gerechte Scheu trug, die unbesonnene und leidenschaftliche Frau aufsichtslos sich selber zu überlassen, ward auch noch durch andere Rücksichten abgehalten, sich von ihr zu trennen. Er musste sich sagen, dass eine besondere Haushaltung für die Baronin ihm noch lästiger werden und ihm noch mehr kosten würde, als ihr Aufentalt in seiner Familie. Er konnte es sich auch nicht verbergen, dass Vittoria, wenn er sie nicht mehr bei sich behielt, genötigt ward, diese Trennung vor ihren Freunden als eine von ihr gewünschte darzustellen; und ob sie das nicht in einer Weise tun würde, welche für ihn und für Cäcilie nachteilig werden konnte, dessen hielt Renatus sich bei ihrer Unvorsichtigkeit auch nicht versichert.
Seine Güte, seine Grossmut und seine rücksichtsvolle Schonung für Vittoria, seine Ehrfurcht vor seines Vaters Willen hatten ihm die hände gebunden. Er konnte seine eigenen freundlichen und liebevollen Urteile über sie nicht zurücknehmen, ohne von denen, vor welchen er sie ausgesprochen hatte, für einen Toren gehalten zu werden; er konnte auch kaum Glauben für Anschuldigungen zu finden hoffen, welche seinem früheren Lobe entschieden entgegengestanden hätten