, einen Tag und wieder einen Tag zu zögern, und die Ungeduld seiner Gattin, die sich in die Stille ihres Schlosses hinaussehnte, steigerte sich daran bis zu einem krankhaften Verlangen nach der freien natur. Als dann aber die Stunde der Abreise herankam, bemerkte der Baron, dass seine Gattin sich mit Wehmut von dem haus trennte, in das sie mit Widerstreben eingetreten war. Sie fühlte nicht mehr die Zuversicht zum Leben, sie hatte nicht mehr die volle Hoffnung auf Glück, welche sie an ihrem Hochzeitstage beseelte; und seit sie dahin gekommen war, an ihren Brautstand und an ihre Jugend wie an eine glücklichere Vergangenheit zurück zu denken, flösste das ererbte Haus, in welchem Alles von einer Vergangenheit sprach, ihr keine sie befremdende Empfindung mehr ein. Zudem war ihr Gutes und Heilsames in dem haus widerfahren. Sie hatte tiefer in ihr eigenes Innere blicken und sich an einen Helfer wenden lernen, der stärker war, als sie. Sie hatte in dem Caplan einen väterlichen Freund und Berater gefunden und den Glauben gewonnen, dass die verstorbenen Lieben den Lebenden verbunden und nahe bleiben. Das waren so viele Quellen neuen Hoffens, dass sie Mut für ihre Zukunft daraus schöpfte. Und als sie dann endlich sah, mit wie ungeheuchelter Betrübniss Mamsell Marianne von ihr Abschied nahm, als sie dieser immer noch einmal versprechen musste, sie holen zu lassen, wenn die Baronin ihrer Pflege bedürfe, so schied sie endlich selbst nur mit Tränen und mit dem festen Vorsatze häufiger Wiederkehr von Tante Ester's Haus und von den Bildern derselben, die so manchen stillen Seufzer von ihren Lippen gehört, so manche heimlich geweinte Träne aus ihren Augen hatten fliessen lassen.
Indess die Frühlingssonne will im Freien genossen sein, und der Baronin, die von Kindheit an sich in Garten, Feld und Wald bewegt, ging das Herz auf, als die Tore der Residenz endlich hinter ihr lagen und ihr Auge, nicht mehr von den Häuserreihen beschränkt, sich in weiter Ferne ergehen konnte. Je näher sie auf ihrer Reise der Heimat ihres Gatten kamen, um so leichter wurde ihr zu Sinn, ja, sie empfand es in ihrer fröhlichen Erregung kaum, dass die Zufriedenheit ihres Mannes nur eine geteilte war und dass er sich ihrer beginnenden Heiterkeit zwar erfreute, dass die frische, offene Zärtlichkeit, welche sie ihm lange nicht zu zeigen vermocht hatte, ihm zwar Vergnügen bereitete, aber dass er sie im grund seines Herzens nicht mit ihr teilte, wie sie es erwartete. Er war nicht mehr derselbe, der er als Bräutigam gewesen war.
Gegen den Abend des sechsten Tages erreichten sie die Grenze der herrschaft Richten. Der Baron machte Angelika darauf aufmerksam, und da sie ihn liebevoll und gerührt umarmte, bewegte es auch ihn.
Die Schulzen der Dörfer, die Schullehrer mit der ganzen Kinderschaar hatten sich unter einem für den Empfang der Gutsherrschaft errichteten Ehrenbogen aufgestellt, und der greise Pfarrer selbst war herbeigekommen, der jungen Gutsherrin mit ernster und freundlicher Ansprache an das Herz zu legen, was man von ihr für die Güter und ihre Bewohner erwarte und hoffe. Der Baron, obschon seinen Insassen und Untergebenen ein lässlicher Herr, hatte von jeher solche Akte und Feierlichkeiten als herkömmliche Huldigungen mit einer eben so herkömmlichen Herablassung hingenommen, und was sich etwa bei derlei Anlässen in seinem Gemüte menschlich geregt, damit hatte er bisher leicht fertig zu werden gewusst. Heute war das anders. Er bemerkte die tiefe Bewegung seiner Frau, er sah ihre Freude darüber, dass sie in Richten war, wo sie weit sicherer heimisch zu werden hoffte als in der Residenz; es fiel ihm ein, dass diese Kinder um ihn her, die ihn und Angelika hier an der Grenze seiner herrschaft willkommen hiessen, einst den Sohn zum Herrn haben würden, den er von seiner Gemahlin erwartete, und heute hörte er mit anderem Ohr und anderem Herzen zu als sonst. Er war selbst gerührt, er hielt die Hand seines jungen Weibes fest und zärtlich gefasst, er dachte seit langer Zeit zum ersten Male wieder daran, welch ein reines Herz, welch einen Schatz von Liebe und Güte er in Angelika besitze, ja, er begriff es kaum, wesshalb er alle diese Monate in einer Umgebung mit ihr zugebracht habe, die ihr nicht erwünscht gewesen und durch die sie ihm selbst entzogen worden war. Er fühlte Lust, ihr dies zu sagen, aber er stand davon ab, weil es geheissen hätte, ihr einen Irrtum einzugestehen. Indess er versprach sich, diesen Irrtum gut zu machen; er war glücklich, dass dies noch in seiner Macht stand, und in die Zärtlichkeit, mit welcher er Angelika an seine Brust drückte, mischte sich ein stolzes Gefühl, als man bald darauf, nachdem der Wagen das geschmückte Dorf passirt hatte, Schloss Richten auf seiner Höhe vor sich liegen sah.
Die Tage waren schon wieder lang, die Sonne noch nicht untergegangen, und die blasse Sichel des Neumondes schimmerte, von ihr erhellt, silbern und leicht an dem blauen Himmel. Alles war klar und eintönig in der natur, nichts stach besonders beleuchtet hervor. Das nackte Erdreich der Heide, die brach liegenden Felder, die kahlen Weiden am Bache und die lange Linie des grossen, sich weitin erstreckenden Waldes hatten alle denselben rötlich-braunen Ton, über den der bläuliche Nebel sich zu verbreiten anfing, und doch zeichneten sich die Gegenstände in der leichten Luft noch so bestimmt und deutlich, dass das Auge seine Freude daran hatte, dass die sanfte Einförmigkeit