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, gilt es allein, um jeden Preis ein neues und grösseres Uebel zu verhüten! Mich dünkt, Herr Baron, Sie haben gar keine Wahl in diesem Augenblicke!

Keine Wahl? Wie meinen Sie das? fragte der Freiherr mit jener halben Zerstreuteit der Vornehmen, die selten achtsame Zuhörer sind und mit ihren Gedanken umherzuschweifen beginnen, sobald sie selbst nicht sprechen. Keine Wahl? Wie meinen Sie das?

Ich meine, dass Ihre Verheiratung für Sie eine notwendigkeit geworden ist. Ihre Wahl ist eine in jedem Betrachte glückliche und vortreffliche zu nennen. Die künftige Frau Baronin hat neben ihren anderen seltenen Vorzügen ein weiches Herz und eine schöne, reine Seele. Sie hat für diese eine eben so reine Lebensatmosphäre zu verlangen, und Paulinen's Nähe würde diese ohne alle Frage bald beeinträchtigen. Ganz abgesehen davon, dass für den verheirateten Mann ...

Ich weiss das, ich weiss das! Ich habe mir das alles längst und selbst gesagt! rief der Baron mit schnell erwachter Ungeduld lebhaft aus. Sie sehen ja auch, mein Entschluss steht fest! Ich habe im Leben ähnliche Händel, ich habe tiefere Herzensverbindungen sonst auch mit raschem Entschlusse, mit fester Hand zerrissen und mich damit beruhigt, dass Selbsterhaltung eine gebietende Pflicht, und jeder Mann in der Lage sei, für sein Wohlbefinden selbst zu sorgen! Ja, ich bekenne Ihnen, ich finde es eigentlich eine unbegreifliche Schwäche von mir, dass es mir so widerstrebt, das Natürliche, das Sittlichgebotene zu tun, und wenn ich mein innerstes Herz befrage, so ist es ausser der wirklichen Zuneigung, welche ich für das Mädchen und für den Knaben hege, eine Art von Aberglauben, der mich an Paulinen festalten, eine unheimliche Ahnung, die mich zögern macht, die arme von hier fortzuschicken!

Diesen letzten Einflüssen, Herr Baron, hätte ich Sie in der Tat nicht mehr, und am wenigsten in diesem Falle unterworfen geglaubt, bemerkte der Caplan mit vieldeutigem Lächeln.

Der Baron beachtete das kaum, er hing schweigend seinen Gedanken nach. Ich habe sie einst als ein Pfand des Glückes angesehen, habe im geist meinen Stern an den ihrigen geknüpft, als sie noch ein hülflos Kind gewesen ist, sagte er nach einer Pause, gleichsam in sich selbst hineinredend, und, fuhr er dann nach einem neuen, kurzen Schweigen lebhafter fort, Sie können sich in der Tat nicht denken, lieber Freund, in welcher Verfassung ich nach meinem zweiten Aufentalte in Dresden in die Heimat zurückkehrte. Die traurige Angelegenheit mit der Gräfin, das unglückliche Duell mit ihrem mann lagen mir auf der Seele. Mein Herz war verzagt, mein Sinn beschwert, mein Ehrgefühl durch den herzlosen Leichtsinn der Gräfin, die mich über dem Sarge ihres Gatten einem jungen Laffen aufopferte, empfindlich gekränkt. Ich glaubte, der grossen Welt, der Höfe, der Frauen müde zu sein. Ich fühlte einen Widerwillen gegen die Unnatur aller der Verhältnisse, die wir uns als Convenienzen auferlegen, und als ich von der Höhe der Berge Schloss Richten erblickte, als ich so einsam dahinfuhr und die Bäche rieseln, die Halme sich im Morgenwinde wiegen sah, als die Bäume unserer Wälder mir ihren Schatten spendeten und ihren Willkomm zuflüsterten, da erwachte in mir eine nie gefühlte Freude an der natur, und ich gelobte mich in der Stille meines Herzens ihr und ihren einfachen Freuden und Pflichten an. Es war eine Stunde, deren ich mich lebenslang als einer schönen, feierlichen erinnern werde.

Und doch war gerade jener Zeitpunkt einer der traurigsten für diese Gegend, wendete der Geistliche ein. Wenigstens haben Alle, die ihn hier durchlebten, ihn schwer genug empfunden. Die Berichte, welche man der verstorbenen Frau Baronin nach Italien sandte, klangen, obschon man gewiss sich in denselben vorsichtig geäussert hatte, untröstlich genug.

Mir in meiner Stimmung, entgegnete der Baron, kam das allgemeine Unglück nur wie ein Mahnruf für mich selber vor. Die Seuche, welche die Provinz heimsuchte, hatte auch bei uns grosse Verheerungen angerichtet. Ganze Familien waren dem Typhus erlegen, ganze Häuser ausgestorben und leer. Selbst in unserm haus fand ich fast ein neues Dienstpersonal vor, und gerade am Tage meiner Ankunft war die Frau meines Jägers ihrem mann in das Grab gefolgt.

Sie war, wie man uns bei unserer Rückkehr sagte, die letzte person, welche im schloss starb, bemerkte der Caplan.

Sie war überhaupt die letzte person, die auf unseren Gütern starb, bestätigte der Baron, und tief aufatmend fügte er hinzu: Und eben daran knüpft sich für mich das Verhängnissvolle. – Er blieb stehen, setzte sich dann wieder vor dem Kamine nieder und sagte: Sie waren mit meiner Mutter und Schwester abwesend, und mein Vater nicht geneigt, sich irgendwie auszusetzen. Die Angst vor der Ansteckung war also masslos geworden, als ich nach haus kam. Man hatte in der letzten Woche Not gehabt, die Leichen unter die Erde zu bringen, oder den Kranken auch nur die notdürftigste Pflege und Wartung zu verschaffen. Als die Frau des Jägers nun auch gestorben war, wollte mein Vater das ebenfalls erkrankte Kind derselben nicht mehr im haus leiden, und überall weigerte man sich, das kleine, kranke geschöpf aufzunehmen. In einer Stimmung, wie die meine damals war, und mit siebenundzwanzig Jahren schlägt man das Leben nicht eben hoch an. Es fiel mir also nicht sonderlich schwer, ein gutes Beispiel zu geben. Trotz aller Bitten und Warnungen meines Vaters half ich die Frau bestatten, fuhr ich