, dass er sie grosser Vorteile beraube; aber man sah den Freiherrn und seine junge Gattin immer heiter, und selbst mit der Baronin Vittoria schienen sie gut zurecht zu kommen, obschon das Leben mit dieser, seit sie in die Stadt gezogen, nichts weniger als leicht war.
Vittoria hatte, wie sie behauptete, keine grossen Bedürfnisse, sie machte, wie sie beständig sagte, nur sehr einfache Ansprüche; aber ihrer kleinen Bedürfnisse und ihrer einfachen Ansprüche waren viele, und sie hatte es nicht gelernt, sich die Befriedigung eines augenblicklichen Verlangens zu versagen, oder je zu überlegen, ob diese Befriedigung zu dem Kostenaufwande, den sie veranlasste, in irgend einem Verhältnisse stehe.
Es war zum Beispiel allerdings nur natürlich, dass eine Frau von Vittoria's musikalischer Begabung und Bildung die Oper und die Concerte zu besuchen wünschte. Es ging ihr damit, wie sie es mit Entzücken nannte, ein neues geistiges Leben auf, und die schöne, sechsunddreissigjährige Frau war auch noch jung genug, es geniessen zu wollen und auf eine neue Jugend, auf eine höhere künstlerische Ausbildung für sich denken und hoffen zu dürfen. Sie hatte sich bis dahin nur in alter Kirchenmusik und hier und da im Vortrage von Volksliedern ihrer Heimat versucht. Jetzt, seit ihrer Uebersiedelung in die Stadt, lernte sie die dramatische Musik, die grossartigen musikalischen Dichtungen der Deutschen und der Franzosen kennen, und da eine jede Künstlernatur notwendig das Verlangen hegen muss, sich ihrer Kraft bewusst zu werden, und zu gestalten und darzustellen, was sie in sich trägt, so bemächtigte Vittoria sich schnell, und mit aller Gewalt ihres Talentes, des neuen musikalischen Gebietes, das sich vor ihr auftat. Vor allem waren es die Mozart'schen und die Gluck'schen Opern, von denen sie sich ergriffen fühlte; aber sie glaubte zu bemerken, dass ihr für den Vortrag derselben eine gewisse Fertigkeit fehle, die sie nur durch Uebung erlangen könne; und weil in jenen Tagen einer der Hauptträger dieser Opern, der erste Tenor der königlichen Bühne, zugleich ein gründlicher Musiker und ein gebildeter Lebemann war, hatte sie bald gewünscht, seine Bekanntschaft zu machen, um sich von ihm Rats zu erholen.
Das erstere hatte sich fast ohne ihr Zutun gemacht. Der beliebte Sänger war in der Gesellschaft gern gesehen; man traf ihn in den verschiedensten Kreisen, und da unter den Dilettanten der vornehmen Gesellschaft eine zweite Sängerin wie die Baronin Vittoria nicht zu finden war, fügte sich eine Annäherung der beiden ganz von selbst. Der Sänger – die Baronin nannte ihn, weil sein deutscher Familienname ihrem Ohre nicht gefiel, nach der Weise ihrer Heimat nur mit seinem Taufnamen: Signor Emilio – machte sich ein Vergnügen daraus, eine der Partieen, die er mit Vittoria in einer befreundeten Familie singen sollte, eigens mit ihr zu studiren. Sie empfand das als eine grosse Förderung, sie sprach ihm dies mit Wärme aus, und er liess sich denn auch sehr bald überreden, der schönen, reich begabten Frau ausnahmsweise Unterricht zu erteilen.
Niemand hatte daran ein Arg, Vittoria selbst war davon entzückt. Freilich vermochte Emilio, eben weil er bei dem Teater angestellt und durch seine Proben und Dienstgeschäfte sehr in Anspruch genommen war, die festgesetzten Stunden nicht immer regelmässig einzuhalten; aber bei einer Frau, die so vollkommen frei über ihre Zeit gebot, wie die Baronin, hatte das wenig zu bedeuten. Sie war ohnehin dem Zwange, der Regelmässigkeit und jedem Müssen abhold; sie mochte auch nicht immer singen, wenn Emilio zur Stunde kam, und dem beiderseitigen Hange zur Ungebundenheit Folge gebend, war zwischen ihnen von einem eigentlichen Unterrichte bald nicht mehr die Rede.
Emilio kam, wenn er eben konnte; man sang, man musicirte, wenn man eben mochte. Vittoria versäumte keine Oper und kein Concert, in welchem Emilio beschäftigt war; sie wurde durch ihn mit anderen Musikfreunden und Musikern bekannt gemacht, und in die vielfachen Uebungen hineingezogen, in denen die Musikliebhaber der Hauptstadt sich damals schon ergingen. So bildete sich für Vittoria neben der Gesellschaft, in welcher sie durch ihre Verhältnisse und durch Renatus heimisch geworden war, noch ein weiterer Umgangskreis, in dem sie, wie sie behauptete, zum ersten Male ihre wahre Heimat gefunden hatte, und in dem sie um ihres Talentes und auch um ihrer Schönheit willen eine grosse Bewunderung erregte, einer entusiastischen Aufnahme teilhaftig wurde.
Die Baronin Vittoria von Arten war bald in aller Leute Mund. Die Künstlerinnen, und die Hauptstadt war damals reich an grossen Sängerinnen, waren von ihr und ihrer Anmut schnell bestochen. Sie rühmten die gänzliche Anspruchslosigkeit, mit welcher sie sich ihnen hingab, sie waren bereit, der schönen, vornehmen Italienerin jeden Dienst zu leisten, und es kostete Vittoria also nur ein Wort, die ersten musikalischen Kräfte der Stadt in ihres Sohnes haus zu versammeln. Der Freiherr fand das Anfangs eben so genussreich, als seinen Absichten entsprechend. Um sich ein Ansehen zu geben und um Vittoria eine Freude zu machen, setzte man regelmässige Empfangsabende fest, an denen man musicirte, und deren Gäste zu sein die Prinzen selber nicht verschmähten. Aber man musste den Künstlern, auf deren Mitwirkung man sich angewiesen sah, doch auch eine Entschädigung für ihre Mühe, eine Erwiederung für ihre gefälligkeit bieten, und da Renatus nicht grosse Gesellschaften zu geben wünschte, in denen er seine Standesgenossen und die Künstler in auffälliger Art vereinen oder in einer hier nicht angebrachten Weise von einander hätte trennen müssen, liess er es, wenn