Entbehren, das Ringen und das Kämpfen um die Befriedigung eines Bedürfnisses nie gekannt, und kein Mensch gedeiht, wenn er den eigentlichen Bedingungen des Daseins in solcher Art entzogen wird. Auch jetzt wieder ist Eleonoren unsere Teilnahme geworden ohne all ihr Zutun, ohne ihr Verdienst!
O, rief Davide, fühlt sie das denn nicht?
Was will das sagen? entgegnete Paul. Sie geniesst das Gute, das sich ihr bietet, aber es dünkt sie natürlich, dass man's ihr gewährt, dass wir es ihr leisten. Sie ist an mich empfohlen, sie ist jung und schön und reich, und der Freiherr von Arten war bei uns noch ausserdem ihr Bürge. Lasst es sie empfinden, dass es freie Dienste sind, die sie empfängt.
Sechstes Capitel
Bald nach der Ankunft Eleonoren's, nur wenige Tage, nachdem er Seba's Beistand für sie erbeten, hatte Renatus seine Frau und seine Stiefmutter in das Tremann'sche Haus geführt. Weil er damit in sich eine Selbstüberwindung vollzogen und in seiner Frau Familie desshalb Widerstand gefunden hatte, war er des Glaubens gewesen, auf Tremann und die Seinigen jedenfalls einen sehr bedeutenden Eindruck durch seinen förmlichen Besuch hervorbringen und in der Art des Empfanges die Anerkennung für diese seine Leistung finden zu müssen. In dieser Erwartung hatte er sich jedoch getäuscht.
In dem reichen und angesehenen Kaufmannshause waren Besuche von Fremden an und für sich kein Ereigniss, auf das man irgend ein Gewicht legte. Paul's frühe Bekanntschaft mit dem Fürsten Staatskanzler, seine Reisen, seine Handelsverbindungen hatten ihm zeitig einen weiten Umgangskreis eröffnet, und weil beständig Leute, den verschiedensten Nationen angehörig, geschäftlich auf ihn angewiesen wurden, so fanden die Einheimischen an den Fremden und diese an jenen immer eine Gesellschaft, die ihnen Wesentliches zu bieten und in der man sich einer von dem umsichtigen und weltgewandten Hausherrn trefflich geleiteten Unterhaltung zu versehen hatte, welcher dann durch die Bildung und Liebenswürdigkeit der beiden Frauen noch ein erhöhter Reiz verliehen ward. Das Tremann'sche Haus galt daher mit Recht für das gastlichste der Stadt. Kaufleute, Gelehrte, Beamte und Künstler trafen in demselben mannigfach zusammen, und wenn man mit dem hof selbst auch in keiner Verbindung stand, so gab es unter den Edelleuten, welche zu demselben gehörten, doch immer einzelne, die sich es zur Ehre rechneten, sich frei nach ihrem Gutdünken auch ausserhalb der enggezogenen Schranken der Etiquette zu bewegen und sich einer Gesellschaft anzuschliessen, in welcher allein die durch Bildung veredelte Sitte die gesetz vorschrieb, die Aufnahme bedingte.
In einem haus, in welchem man die Leute um ihrer alten Familiennamen willen eben so wenig suchte, wenn sie sonst keine Eigenschaften hatten, als man sie um ihres Adels willen mied, wenn sie in sich mehr besassen, als nur eben ihre alten Titel, konnte man es nicht als eine besondere Ehre ansehen oder sich dadurch geschmeichelt fühlen, wenn der Major von Arten sich in demselben wieder meldete. Es war nur natürlich, dass er, der eine Kränkung gegen Seba gutzumachen und der sich noch dazu plötzlich hülfe suchend bei ihr eingefunden hatte, seinen Dank für die Bereitwilligkeit auszusprechen kam, mit der man ihm die geforderte hülfe gewährte, und wenn Seba und Davide die beiden Baroninnen trotzdem noch freundlicher als vielleicht manche andere Fremde bei sich aufnahmen, so geschah es in der ganz bewussten Absicht, es die Frauen nicht empfinden und nicht entgelten zu lassen, dass man sich früher, und bis jetzt mit vollem Rechte über Renatus zu beschweren gehabt habe.
Während dieser sich nun bemühte, seine lange Versäumniss vergessen zu machen und es kundzugeben, dass in seinem inneren eine gewisse Wandlung vorgegangen sei, begegnete Paul ihm mit jener ruhigen Zuvorkommenheit, welche dem Gebildeten, der viel mit Fremden zu verkehren hat, zur anderen natur wird. Er war nicht gewohnt, die Gäste seines Hauses um irgend etwas zu befragen, was ihm mitzuteilen sie sich nicht veranlasst fühlten; er und die Seinigen kannten ohnehin die Arten'schen Familienverhältnisse genau genug, und da Renatus sich Paul ohne dessen Zutun angenähert hatte, fand dieser, nachdem man darüber einig geworden war, dass Seba das Arten'sche Haus nicht besuchen würde, um die Möglichkeit eines Zusammentreffens mit dem Grafen Gerhard zu vermeiden, keinen Grund mehr in sich, den Freiherrn zurückzuweisen, besonders da eben Seba eine Vorliebe für denselben bewahrt hatte, welche sie geneigt machte, das Geschehene zu verzeihen und zu vergessen.
Man hatte also Renatus und die Seinigen zu einem der ersten Gesellschaftsabende eingeladen; Cäcilie und Davide, die ziemlich gleichen Alters waren, sagten einander zu, und Eleonoren's Krankheit hatte dann die Verbindung langsam fortgeführt. Renatus war gelegentlich zu Seba gekommen, sich nach dem Ergehen der jungen Gräfin zu erkundigen; man hatte es auch nötig gehabt, von ihm über Eleonoren's Verhältnisse unterrichtet zu werden, und ohne dass es zu einem engeren Verkehre zwischen den beiden Familien gekommen wäre, waren sie auf diese Weise doch in einem Zusammenhange geblieben, der es den Einen wie den Anderen möglich machte, beständig von den Vorgängen innerhalb der beiden Häuser bis zu einem gewissen Grade unterrichtet zu sein.
Man wusste es in dem Tremann'schen haus, dass Renatus mit seiner Schwiegermutter und mit Hildegard nicht auf gutem fuss stehe; Davide erfuhr es von Cäcilien, welche Umstände die Missverhältnisse zwischen ihr und den Ihrigen veranlasst hatten, und wie selbst ihres Gatten Oheim wider sie Partei genommen habe. Cäcilie klagte, dass er ihnen dadurch mannigfach im Wege stehe